sprache
Das Adjektiv "beispiellos" hat Chancen, zum neuen Modewort zu werden. Klingt ja auch, als ob ein Ausrufezeichen eingebaut wäre, und das kommt immer gut. Mir fiel es erstmals und damals noch als originell auf, als es um die Sparguthabengarantie ging, wann war das? Im Herbst oder Winter. Seitdem ist schrecklich vieles "beispiellos". Eine hübsche Stilblüte fand ich heute in der Stuttgarter Zeitung. Dort hieß es noch korrekt, die Niederlage von Heide Simonis vor einigen Jahren im Landtag von Schleswig-Holstein sei "beispiellos" gewesen (Sie wissen schon, die Geschichte mit dem Verräter, der gegen sie stimmte, und sie konnte partout nicht aufhören zu kandidieren). In der zugehörigen Bildunterschrift wird Simonis' Konterfei garniert mit dem Satz, ihre Niederlage sei "bis heute beispiellos". Das geht ja nun eigentlich nicht, oder irre ich? Denn eben die Niederlage ist doch das Beispiel gewesen, und demnach kann sie heute nicht mehr beispiellos sein, und schon gar nicht "bis heute". Bin ich wieder zu pingelig?
kulturchronist - 18. Jul, 19:56
In der ersten Ausgabe der neu gestalteten Stuttgarter Zeitung (also vorgestern) spießt der geschätzte Sprachkritiker Ruprecht Skasa-Weiß das "Patentwort 'von daher'" auf, das in den meisten Fällen mithilfe geringer geistiger Anstrengung durch ein passenderes Wörtchen wie "darum" ersetzt werden könne. Stimmt. Aber ach, Herr Skasa-Weiß, es ist ja noch viel schlimmer! In den letzten Jahren hat sich bei vielen Mitmenschen die Unsitte ausgebreitet, die Wendung "von daher" (meistens noch mit einem "also" davor) einfach an jeden beliebigen Satz anzuhängen. Das soll das Gesagte vermutlich "irgendwie" unterstreichen - aber zumindest ich warte dann immer auf eine Fortsetzung: "von daher" muss doch noch "irgendwas" kommen, oder? Noch schlimmer, aber zum Glück seltener, ist das Anhängen von einem gedehnten "und" an einen Satz - am besten noch so mit leicht amerikanischem Akzent: "ooooouuuhooonnnd". Ja, und?
kulturchronist - 22. Jun, 16:57
"Du heißt Detlef und bist Friseur? Das geht nicht, das ist ein Vorurteil", heißt es irgendwo bei Ralf König. Gestern ging durch die Medien, dass ein subalterner CDU-Politiker hier unten im Südwesten mit Heroin gehandelt hat. Die Stuttgarter Zeitung hängte an ihren Bericht die Mitteilung an, jener Politiker sei "ledig" und habe mal "Friseur gelernt" (das verkniff sich sogar die Bild-Zeitung in der entsprechenden Meldung). Ich gebe zu, ich musste zunächst schmunzeln, aber im Grunde scheint mir die Formulierung eine in diesem Zusammenhang unstatthafte Mischung von Vorurteil und Prüderie zu sein. (Ich fand es seinerzeit auch höchst befremdlich, dass Annette Schavans Kandidatur zur Ministerpräsidentin in BW u.a. mit dem Hinweis herabgewürdigt werden sollte, die Politikerin sei "ledig". Das muss doch alles wirklich nicht sein.)
kulturchronist - 3. Mrz, 10:22
Ein paar verstreute Sprachgedanken. Warum ist das Wort "letztlich" so in Mode gekommen? Ist es ein wieder einmal nachlässig angewöhnter Anglizismus? "Lately" wird allerdings nur im Hinblick auf Zeitverhältnisse gebraucht (im Sinne von kürzlich, letztens), während wir hierzulande mit "letztlich" einen bunten Strauß von eben nicht völlig gleichbedeutenden Wörtern wie eigentlich, im Grunde, letztendlich mal eben auf "letztlich" eindampfen. Sehr ungenau, und schön klingen tut es auch nicht. - Schlimm zwei Entgleisungen im Deutschlandfunk: "Es ist den Amerikanern gewahr, dass..." - oh weh. Gemeint war "es ist ihnen bewusst", und "irgendwie" war es zwar auch verständlich. Nur darf man eben nicht einfach so übergehen, dass man eine kleine sprachliche Herausforderung bewältigen muss, wenn man "gewahr sein", eine schöne Wendung, gebrauchen will: Die Amerikaner können sich eben nur dessen gewahr gewesen sein. Und vorhin in der Sendung "Kultur heute" (ausgerechnet!): "Er hat sich dem angenommen." Schlimm! Gleich zwei Anschläge des bequemen Dativs auf den anspruchsvollen Genitiv, Bastian Sick lässt grüßen. A propos (nicht dass es wieder heißt, ich sei hämisch): Wer hier im Blog faux pas dieser Art findet, soll sie unbedingt aufspießen. Ich will schließlich auch was lernen.
kulturchronist - 14. Dez, 19:30
Die
Bibel in der so genannten "gerechten Sprache" ist ein Alptraum. Anstelle solcher Fleißarbeit finde ich es interessanter, das Augenmerk auf einen "gerechten Sprachgebrauch" zu lenken. In den letzten Tagen wurde ja viel berichtet über die
Sozialistische Partei in Frankreich und die Rangeleien um deren Vorsitz. Nun trifft es sich, dass hier u.a.
Segolène Royal und
Martine Aubry kandidieren. Das mit "Damenwahl" zu betiteln, ist ja vielleicht noch ganz nett, aber nicht einmal der verehrte Deutschlandfunk entblödete sich, von einem "Zickenkrieg" zu sprechen. Kaum ein Berichterstatter vergisst zu erwähnen, dass Aubry die Tochter von
Jacques Delors und Royal die Ex-Lebensgefährtin des derzeitigen PS-Vorsitzenden Hollande ist. Was soll das? Irgendwann in meiner Jugend hörte ich mal die Rede einer Politikerin, die die Auswahl Herr/Frau/Fräulein auf damals gebräuchlichen Formularen scharf kritisierte: Das sei typisch, meinte sie, "erst durch den Mann wird das Fräulein zur Frau". Zwar ist der Gebrauch von "Fräulein" inzwischen aus der Mode gekommen, immerhin - aber sonst?
kulturchronist - 17. Nov, 14:56
So schnell kann sich alles ändern! Und wieder ein seltsamer Zungenschlag in der FAZ, als sie die Pressekonferenz der wackeren Viererbande beschreibt: "Drei Frauen sind es, die eine blond, die zweite brünett, die dritte rothaarig. Und in der Mitte Jürgen Walter, Andrea Ypsilantis langjähriger Rivale." Der hat wohl keine Haare? Mehr zum Thema selbst später.
kulturchronist - 4. Nov, 14:57
"Gerechte Sprache" ist so eine Sache. Nachdem sich bei den Politikern die "Menschen" anstatt der offenbar schon zu langen "Bürgerinnen und Bürger" eingebürgert haben, führt das Streben nach gerechter Kürze so manches Mal geradewegs ins Ungefähre. So sprach die österreichische Außenministerin kürzlich von "viertausend Truppen" - man ahnt, dass sie viertausend Soldatinnen (!) und Soldaten meint, aber falsch und gedanklich ungenau ist es dennoch.
kulturchronist - 29. Sep, 22:30
Ich will dich lieben, meine Stärke,
Ich will dich lieben, meine Zier,
Ich will dich lieben mit dem Werke
Und immerwährender Begier.
Ich will dich lieben, schönstes Licht,
Bis mir das Herze bricht.
Schön, nicht? Das schrieb Angelus Silesius (1624-1677). Neulich hörte ich diesen Text, von einem Kinderchor gesungen, in einem ganz hübschen Fernsehfilm, den ich bei meinen Eltern sah. Nun ist mein Vater schwerhörig und schaltet die Untertitel für Hörgeschädigte ein. Und da stand:
Ich will dich lieben mit dem Werke
und ewig während der Begier.
Lustig oder gedankenlos?
kulturchronist - 29. Sep, 22:24
A propos "Ich wünsch Ihnen was - ja, das wünsche ich Ihnen auch": Noch so eine denkfaule Redewendung ist "das hat was". Schön bequem - man braucht gar nicht erst zu überlegen, was es denn hat oder ist. Angenehm? Überraschend? Hervorragend? Nee, das wird alles unter "was" subsumiert, und schon hat man (irgend)was gesagt.
kulturchronist - 29. Jul, 09:16
"Frau Müller, ich wünsch' Ihnen was" - "Ja, Frau Meier, das wünsch' ich Ihnen auch" - dieser Dialog an der Supermarktkasse ist ja noch ganz lustig, obwohl auch das "ich wünsch Ihnen was" auf Denkfaulheit schließen lässt (immerhin ist da das inzwischen verbreitete "schönntachnoch" eine Verbesserung). Aber die neueste Modewendung der Wichtigsprecher ist furchtbar: "Es ist so, dass der Himmel blau ist" - reicht wirklich nicht "der Himmel ist blau"? Heute erst gehört: "Es ist so, dass wir beobachtet haben, dass die Mittelschicht immer kleiner wird". Das ist, um eine weitere Neusprechwendung zu zitieren, ein Stück weit doof.
kulturchronist - 21. Jul, 10:26