puzzle 1989
Auf der zweiten Titelseite im Zeitmagazin vom 5. November: "Die Schauspielerin Corinna Harfouch und ihr Sohn Robert Gwisdek haben wie so viele Ostdeutsche eine Menge zu erzählen - aber der Westen hört immer noch nicht zu". Ach du liebe Zeit. Ist Robert Gwisdek, geboren 1984, ein "Ostdeutscher"? Haben nur Ostdeutsche eine Menge zu erzählen, und erzählen sie ausschließlich "als Ostdeutsche"? Und: Hört der Westen "immer noch nicht" zu, oder womöglich "nicht mehr"? Und wenn so, warum?
kulturchronist - 16. Nov, 17:49
Dieses Buch nahm ich mit nach Paris, wo ich am "zwanzigsten" 9. November war (mehr dazu bald). Es weitet den Blick auf ganz Osteuropa und erzählt kenntnisreich und einfühlsam von der Erosion der dortigen Diktaturen. Sehr gute Geschichtsschreibung.
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Perlentaucher
kulturchronist - 16. Nov, 17:38
In einem der letzten Beiträge erwähnte ich die Wessitussi von 1989 (Sie wissen schon: "So viel Dreck habe ich ja noch nie gesehen"). Heutzutage geht's längst auch umgekehrt. Kürzlich also Visite in Görlitz, dort kommt Zufallsbesuch hinzu, Verwandte von den Freunden, um die 50. Ich käme also aus Stuttgart, aha. Dort sei ich damals von Sachsen hin? Das sei aber ein schlechter Tausch gewesen. Ich, höflich, sage erstmal noch nichts. Und flott geht es weiter: Ja - als sie neulich mal in Stuttgart auf einer Tagung waren, hätten sie bemerkt, dass es in der Innenstadt um 21.00 Uhr nirgendwo etwas zu essen gäbe außer bei McDonalds. Ich melde Widerspruch an, denn hier geht es nicht mehr um subjektive Eindrücke, sondern um Tatsachen. Das Gespräch plätschert abseits dieses Themas weiter, aber die Abschiedsworte lauten: "Kommen Sie gut zurück nach Stuttgart - irgendjemandem muss es schließlich dort gefallen." Das alles geht mir noch eine ganze Weile nach, weil es mir im Gesamtbild meines Sachsenbesuches als ein Symptom weit verbreiteter schlechter Laune erschien, die munter an Besuchern, die man mit feiner Nase als Westdeutsche erkennt, ausgelassen wird. Das habe ich nun davon, dass ich neun Jahre meines Lebens, und beruflich nicht die unwichtigsten, in Greifswald und Görlitz verbrachte und immer voller Verständnis war!
kulturchronist - 24. Jun, 09:21
Literaturempfehlung: Ilko-Sascha Kowalczuks "Endspiel" (hier bei den
Perlentauchern). Und Besuchsempfehlung: Diese
Ausstellung in der Deutschen Kinemathek Berlin. Bei den privaten Fotos von der Maueröffnung wurde mir ganz warm ums Herz, aber die Desillusionierung folgte prompt: "Ich war ein Weimar, so viel Dreck habe ich noch nie gesehen, da fahre ich nicht wieder hin", mault eine Wessitussi in einem Fernsehbericht. Kommt mir auch bekannt vor.
kulturchronist - 22. Jun, 21:02
Besuch in Berlin, fast zehn Jahre "danach". Erstmals die Gedenkstätte in Hohenschönhausen besucht - zu Beginn der Führung sammelt der Mitarbeiter die Interessenten ein: "Wollen Sie zum öffentlichen Rundgang?" Ein Besucher, im typischen Adler-Seniorendress, leicht schwäbelnd: "Öffentlicher Rundgang? Ich will erstmal ein Eis." Solch kindliches Verhalten fällt doppelt auf an einem Ort, der mich furchtbar bedrückt hat und an dem ich während der Führung mehrfach mit den Tränen kämpfen musste. Es macht mich wütend nachzuempfinden, wie dort Menschen in so genannter Untersuchungshaft von der Stasi gefangen gehalten und körperlich oder psychisch gefoltert wurden. Und es macht mich wütend, wenn da jemand "erstmal ein Eis" haben möchte und - das würde passen - es dort im Grunde ganz gemütlich findet. Unrechtsstaat? Ach nee, es gab doch auch so nette Seiten. - Während des Berlinbesuchs diskutierte ich auch mit einem (ostdeutschen) Freund über dies und das, und seine italienische Lebensgefährtin wird sich gewundert haben über unsere typisch deutschen Ost-West-Kisten. Und doch, so sehr ich es verstehe, dass das Leben nicht erst 1989 beginnen kann: Wenn behauptet wird, ein ganzes Volk habe damals seine Identität verloren, aber - und hier spinne ich das Gespräch fiktiv weiter! - außer Ampelmännchen und Polikliniken nichts an "Identität" beschrieben werden kann - dann grummelt es bei mir. Nur ein einziges Argument hat mich berührt, das ich anderswo aufschnappte: Es sei in der DDR nicht ständig ums Geld gegangen. Ob das so pauschal stimmt, kann ich nicht unanfechtbar beurteilen. Aber es ging auch "im Westen" früher, also in den Achtzigern, nicht so sehr ums Geld wie heute. Das ist ein wichtiger Punkt, finde ich: Deutschland hätte sich, wie die Welt im Ganzen, in zwanzig Jahren ohnehin verändert, und wer damals davon träumte, eine bessere DDR zu bekommen und zu behalten, hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert. Selbst unter der Regierung von Exkommunisten haben sich die östlichen Nachbarstaaten eher noch radikaler verändert und gen Westen orientiert. Ach, es ist eine komplizierte Welt, nicht wahr? Aber gerade deswegen sollte man nicht nostalgisch vereinfachen und als "sozial" verbrämen, was Unrecht war.
kulturchronist - 22. Jun, 20:49
Wieder Greifswald, Theaterfest zur Spielzeiteröffnung im Herbst 1991. Ein Wichtigtuer stolziert durch das Foyer und spricht mich an, nachdem er in mir den Dramaturgen erkennt. Was er genau sagte, weiß ich nicht mehr. Dann kommt er näher, hebt das Revers und will, dass ich mir eine kleine Anstecknadel näher betrachte. „Wissen Sie, was das ist?“ Ich verneine zunächst perplex. „Das sollten Sie aber!“ Eine Anstecknadel von der CSU.
kulturchronist - 9. Jun, 19:47
„Zu DDR-Zeiten“ – schon bald in den Neunzigern wurde dieses verbale Einsprengsel Mode und ging Theaterkollegen, die aus „dem Westen“ oder gar dem westlichen Ausland kamen, auf die Nerven. Das Kuriose daran: Es wurde auch gern von ziemlich jungen Theaterleuten gebraucht, die „zu DDR-Zeiten“ bestenfalls Studenten gewesen sein konnten, wenn nicht Schüler. Damals entstand wohl diese aggressive Abgeklärtheit – oder abgeklärte Aggressivität -, die sich inzwischen doch weit verbreitet hat, ja ausgeufert ist.
kulturchronist - 5. Jun, 15:30
Als ich im Spätsommer 1991 nach Greifswald komme, komme ich „aus Berlin“, und die allermeisten nehmen an: Berlin-Ost. Warum, habe ich mich oft gefragt und auch, ob das eher für mich oder gegen mich sprach.
kulturchronist - 2. Jun, 18:00
Karikatur an unserer Berliner Wohnungstür. Tourist fragt einen Penner: "Wo geht's denn hier zur Mauer?" - Antwort: "Immer geradeaus!"
kulturchronist - 31. Mai, 15:50
Eurovision Song Contest 1990: „Keine Mauern mehr“, „Brandenburger Tor“, „Frei zu leben“. Es fing an, ein bisschen nervig zu werden.
kulturchronist - 29. Mai, 09:14