Länger schon gespeichert, endlich gehört: Eine Folge von Essay und Diskurs im Deutschlandfunk, ein Gespräch mit Renan Demirkan, das man hier als mp3-Datei abrufen kann. Es hat gewisse Längen, aber beeindruckt hat mich, wie Demirkan ihre Tochter zitiert: Im Gegensatz zu ihr selbst, die sich viel mit Spielarten von Selbstfindung beschäftigt hat, frage diese nicht "Wer bin ich?", sondern "Wer will ich sein?". Darüber lohnt sich nachzudenken.
Wenn ich die "meistgelesenen Beiträge" dieses Weblogs aufrufe, erscheint als erstes, und zwar mit sieben Mal soviel Klicks wie der folgende Beitrag, mein kleines Geschimpfe über die Post. Sodann tummeln sich fast alle Beiträge der "superb story" auf den Folgeplätzen, dazwischen ein Textchen mit dem Titel "Die Großmutter und die drei Tenöre". Ach ja, und meine kleine Anmerkung zu Thomas Kretschmanns Boss-Parfum-Reklame. Was sagt uns das nun? Post, Auto, Kretschmann, drei Tenöre - danach wird gesucht, das interessiert die Surfer. Mensch, Ihr Kulturinteressierten, klickt doch mal ein bisschen mehr! Ist ja sonst peinlich.
Es ist ja schon mächtig was los auf der eurovisionären Szene. In die teilweise ätzende Kritik am deutschen Beitrag (und an der Art und Weise, wie der NDR einen Bock nach dem anderen schießt und Herr Feddersen wieder alles ganz prima findet) will ich gar nicht einstimmen. Aber mal zum Vergleich den Beitrag aus Norwegen nehmen:
DE schickt einen unbekannten Amerikaner, angeblich "Musicalstar"
NO schickt einen dort aufgewachsenen, in Weißrussland geborenen jungen Mann, der nicht nur gut singen kann, sondern auch Geige spielen und der seinen Titel selbst komponiert hat
DE bietet einen Song, der angeblich swingt und auch ein bisschen so klingt (damit hatten wir 2007 ja auch schon großen Erfolg!), aber unterm Strich sehr langweilig ist - NO bietet ein Lied, das nach Irland, Skandinavien und Osteuropa zugleich klingt
DE nennt seinen Act "Alex swings Oscar sings", präsentiert ihn in einer vermeintlichen Gala mit Playback und aufgedonnerter, dennoch nichtssagender Show, an der zu allem Überfluss auch noch Produzent Alex C. etwas unentschlossen am Klavier herumsitzt - in NO wird natürlich live gesungen bei der Vorentscheidung, Alexander Rybak hat athletische Tänzer hinter und zwei gut angezogene (!) und ebenso singende Damen neben sich
Für die Präsentation des DE-Beitrags gibt es fast gar keinen Applaus, die Webseiten der beiden Hauptbeteiligten zeigen entweder halbnackte Frauen (ach ja, Alex C. hat ja den bedeutenden Song vom schönsten A... der Welt geschrieben!) oder einen schönen Mann, jedoch ohne Info - NO: Der Song ist schon vor der Vorentscheidung auf Platz 1 in den Charts, gewinnt mit sieben Mal mehr Stimmen als der Zweitplatzierte und wird frenetisch bejubelt. Alexander Rybak ist zwar nur auf MySpace zu finden, was aber durchaus sympathisch bescheiden wirkt
DE: Der NDR gibt die Mitglieder seiner Jury für den Wettbewerb im Mai bekannt, obwohl er es höchstwahrscheinlich nicht dürfte...
Oh jeh, "wir" Deutschen, wir wollen mal wieder unter den "Last Five" landen. Aber macht nix: Man mag sich ja nicht mal im Traum vorstellen, dass der NDR einen Song Contest ausrichten müsste. Zu süß, wie manche schon wieder von "Berlin 2010" träumen und über die Moderatoren spekulieren.
Tilman Jens ist mir nicht sympathisch, und auch ich finde es befremdlich, dass er in der Bild-Zeitung die Demenz seines berühmten Vaters Walter Jens bis ins Detail beschreibt. Aber es lohnt, auch die Reaktionen darauf kritisch zu betrachten. Wer von jenen, die sich über Jens junior aufregen, hat selbst einen dementen Vater, eine demente Mutter? Wer von ihnen ist vielleicht nur peinlich berührt, den Verfall einer Persönlichkeit beschrieben zu sehen, weil er oder sie von Demenz im Grunde nichts wissen will? Wer denkt dabei vielleicht an die eigenen Eltern oder gar an sich selbst - und bestraft Jens dafür, dass er an Tabus rührt? Ich, der an und mit einer demenzkranken Mutter leidet, spüre durchaus Solidarität und ja, auch Erleichterung, wenn ich von den Erfahrungen anderer lese, und ich akzeptiere das bedrückende, bedrohliche Gefühl, dass auch Geistesgrößen nicht vor dieser Krankheit geschützt sind. Und ich finde sehr wohl, dass man dieses Thema "vorführen" muss selbst um den Preis, dass man damit den Demenzkranken "vorführt". Ich halte das für besser, als ihn oder sie beschämt zu verstecken, auch wenn es allen Beteiligten wehtut.
Oho - "die vielleicht schönste Stadt Deutschlands" nennt der Autor eines FAS-Artikels mein noch immer geliebtes Görlitz. Das "vielleicht" hätte er getrost weglassen können. Schön, dass die Stadt, die noch immer Einwohner verliert, wenigstens als Filmkulisse reüssiert. Aber: Warte ab, Görlitz, Deine Zeit kommt noch.
Das Bild oben stammt aus dieser Quelle. Der Autor hat aber Unrecht, wenn er - so verstehe ich ihn - die hohen Mieten der renovierten Altbauwohnungen als Grund für den Leerstand anführt. Nein, so ist es nicht, sondern viele Görlitzer bleiben lieber in ihren Plattenbauten als in die Altstadt umzuziehen, trotz paradiesisch niedriger Mieten. Warum, kann ich noch immer nicht verstehen.
Da sieht man es mal wieder, dass, wenn's drauf ankommt, Vollschlanke erfolglos bleiben: Die selbstbewusst dicke Katze, die ich in einem Dorf nahe Waiblingen fotografierte, liegt in der Abstimmung zum Literarischen Katzenkalender derzeit auf dem letzten Platz. Also, liebe Leute, beweist mir, dass Molligsein keine Schande ist, und klickt an der richtigen Stelle!
Oh weh, Richard Wagner pöbelt die Blogger in der FAS vom letzten Sonntag an, und diese bleiben sogar noch relativ ruhig - vielleicht ein Indiz dafür, dass man sich gegenseitig sowieso nicht liest? Leider entwertet Wagner einige durchaus berechtigte kritische Ansätze durch deren Pauschalität - schade drum. Ich fürchte, dass es mit dem ernsthaften, z. B. dem "Kulturbloggen" einfach nichts werden kann, wenn intellektuelle Größen wie Wagner so draufhauen. Ist ja wahr, dass man manches, was in vielen Blogs geschrieben wird, nicht unbedingt lesen will (man muss aber auch nicht!), andererseits gibt es viele gute Blogs, die Wagner auf diese Weise gleich mit erledigt. Ich weiß auch, dass das hier nicht viel gelesen wird, aber "herumgelabert" wird eben auch nicht. Und, Herr Wagner, ich bin zwar auch nicht fest angestellt, aber nicht, weil es dazu nicht gereicht hat, sondern weil ich es selbst derzeit nicht will. "Arbeitsweltlich asozial" bin ich deswegen noch lange nicht.
Was ist das bloß - auch meine Versuche, in meiner beruflichen Umgebung für das Bloggen zu plädieren, stoßen beinahe nur auf Desinteresse. Vielleicht ist Kultur und Bloggen nicht kompatibel? Wenn es so wäre, müsste man Wagner für seinen Rundumschlag wohl noch dankbar sein. Aber dennoch: richtig schade.
(Zu googeln am besten unter dem Titel des Artikels: "Lauter Blogwarte", dann findet man auch die teils recht lockeren Reaktionen - meine Empfehlung: tutsi.de)