kulturell

Mittwoch, 9. Juli 2008

Des Kaisers neue Kleider

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Bild: http://www.art-magazin.de
Lese auch: http://www.zeit.de/2008/28/Eliasson

Freitag, 27. Juni 2008

Ein Opernexot zu sein...

...ist zumindest gegenüber den Medien wohl von Vorteil: Kein Artikel über Barrie Kosky, der nicht die Ringe und/oder das Hündchen erwähnt, mit denen sich der künftige Intendant der Komischen Oper Berlin ziert. Dass die Oper "im Moment so einen kick in the ass" braucht, damit könnte er Recht haben. Schauen wir mal, was der "jüdische, schwule Opernzigeuner" (Kosky über Kosky via Süddeutsche Zeitung) in Berlin so anstellt. Vorbildlich und nicht nur in der Hauptstadt ganz und gar ungewohnt: Der Wechsel von Homoki zu Kosky wurde ganze vier, in Worten vier Jahre im Voraus organisiert und bekanntgegeben. Davon sollten sich die Berufungströdler und -hektiker, die im Kulturbetrieb immer zahlreicher werden, gleich mehrere Scheiben abschneiden.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Den Dauerlauf versüßt...

...hat mir heute früh ein Gedicht Hölderlins, "An die Parzen", als Podcast gespeichert via SWR 2, aus der Reihe Hör-Conrady. Ganz wunderbar:

+++

Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
doch ist mir einst das Heilge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
mich nicht hinab geleitet: einmal
lebt ich, wie Götter, und mehr bedarf's nicht.

(Orthografie nach: Der ewige Brunnen)

+++

Gesprochen wurde das Gedicht von Ulrich Matthes, und ich hörte es mir drei Mal nacheinander an. Was mich daran beeindruckte? Ich vermute, vor allem die Kombination aus Ehrgeiz und Bescheidenheit, aus dem Streben nach Vollendung und der weisen Selbstbeschränkung auf den wohl einmaligen großen Wurf. Darüber mache ich mir derzeit ohnehin öfters Gedanken, angesichts meiner beruflichen wie auch der privaten Umgebung. Schön ist's doch, dass ein alter Text diese "modernen" Gedanken anregen kann!

A propos Podcast und SWR2: Da gibt es auch noch das Musikstück der Woche, regelmäßig mit Aufnahmen des RSO Stuttgart mit dem verehrten Sir Roger. Sehr zu empfehlen!

Mittwoch, 7. Mai 2008

Stimmt das?

"Die Beschäftigung mit Kultur ist eine Flucht ins Amüsement geworden, sie ist Teil der Freizeit und nicht mehr, wie es früher einmal war, Teil einer als wichtig und richtig erkannten Beschäftigung mit Dingen, die einem den Horizont erweitert haben." Der Frankfurter Konzertveranstalter Gerd Reul in der Frankfurter Rundschau (10. April 2008).

Dienstag, 29. April 2008

Fernsehen macht schlau...

...meint Gert Scobel im Interview (hier als pdf-Datei). "Die Zuschauer wollen Fernsehen nutzen, um in ihrem Leben weiterzukommen." Ach, wäre das schön! Jedenfalls wünsche ich dem intelligenten Moderator Hals- und Beinbruch für seine neue Sendung.

Donnerstag, 17. April 2008

Nochmals: Isoldes Liebestod

Im Tagesspiegel erzählte Jessye Norman neulich über ihren Liebestod bei Karajan: "Eigentlich haben wir mehr miteinander geredet als musiziert, er wollte mit mir immer sein Englisch trainieren. Die Arbeit mit ihm ist ein Glück gewesen. Ich sitze auf der Bühne, mehr oder weniger mitten im Orchester, und Karajan kommt zur ersten Probe und sagt: Ich möchte, dass Sie nicht singen, ich möchte, dass Sie zuhören. Sie hören zu und sagen mir, wo Sie meinen, dass wir zu laut sind. Weil er wusste, dass es im Liebestod mehr als 30 Pianissimi gibt; weil er wusste, dass diese Partitur nicht für ein offenes Orchester komponiert wurde, sondern für den geschlossenen Orchestergraben in Bayreuth. Er wusste einfach Bescheid."

Dienstag, 1. April 2008

Ball und Bacharach

bacharach2

Michael Ball halte ich für einen der besten Interpreten der "U-Musik" heutzutage - von Operntönen bis hin zum sanften Flattern der Stimme im Piano hat er staunenswerte Register zu bieten. Auf seiner neuen CD mit Songs von Burt Bacharach klingt er indessen streckenweise etwas monoton, was aber auch an den allzu eintönigen Arrangements der meisten Songs liegt: "Look of Love" mit Variationen. Am besten ist Michael Ball denn auch bei den Liedern, die eher düster gefärbt und dementsprechend auch schärfer, härter orchestriert sind: "Anyone who had a heart" und "This house is empty now".

http://www.michaelball.co.uk

Nett, dieses Verweisen auf YouTube: Hier Michael Ball im Duett mit Opernstar Bryn Terfel, wie immer beim Crossover zwei Schritte vom Kitsch entfernt. Oder gar nur einen?

Dienstag, 18. März 2008

Stuttgart, zum ersten: Die Opernfreunde

Die Stuttgarter Zeitung hat ein Leserforum über die Staatstheater eröffnet. Ich nehme an, es wird moderiert und gesiebt, denn von dem üblichen niveaulosen Internetgemäkel ist nichts zu sehen. Im Gegenteil: Über den derzeitigen künstlerischen Zustand der Oper urteilen die Leser bzw. Zuschauer, die sich bisher beteiligt haben, sehr abgewogen und klug. Bravo! Vor allem: Nicht, wie man es wohl andernorts zu gewärtigen hätte, über die "modernen" Inszenierungen wird gemäkelt, sondern darüber, dass das musikalische Niveau nach dem Abgang von Klaus Zehelein vor zwei Jahren stark nachgelassen habe. Sprich: Gerne Regietheater in der Oper, aber dann auch gut gesungen und dirigiert. Stimmt.

Zwei Ausstellungen

ostern

Skeptisch bin ich angesichts des "Hypes" um große Kunstausstellungen schon, aber ich kann verstehen, dass man damit heutzutage schlicht auch Geld verdienen muss. Und selbst wenn viele nur hingehen, um auch dabeigewesen zu sein: Kaum jemand dürfte die Ausstellungen um Grünewald und Cranach völlig unberührt wieder verlassen haben. Der Isenheimer Altar in Colmar, Grünewalds Heiligen-Grisaillen und einige Portraits von Cranach verschafften mir kostbare Momente: Das Gefühl, im Dialog mit Kunstwerken sich zu befinden; zu spüren, wie die historische Distanz schrumpft, und auch: trotz allem Gedränge plötzlich ganz allein mit der Kunst - und gleichzeitig mit mir selbst - zu sein.

Ich fühlte mich an einen Text erinnert, eineLaudatio von Helmut Lachenmann auf Michael Gielen. Dort geht es um zeitgenössische Musik, aber ich denke, dass man die Gedanken auch auf die zeitgenössische Bedeutung von Kunst an sich beziehen kann:

„Der aus der europäischen Tradition auf uns überkommene Kunstbegriff bestimmt sich, bzw. grenzt sich gegenüber den Erzeugnissen der Unterhaltungsbranche auf der einen, ebenso wie von jenen geheimnisvoll-exotischen, sozusagen touristisch erschließ- und genießbaren Schönheiten aus fremden Kulturen und kultischen Traditionen auf der anderen Seite dadurch ab, dass das Moment des Magischen – welches unzweifelhaft zum Kunsterlebnis gehört – nicht bloß als ›gefangen nehmendes ‹ Faszinosum wie auch immer Erfolg versprechend zelebriert, sondern im Moment seiner Evokation zugleich geistvoll reflektiert, d.h. in seiner unmittelbar uns bannenden Unwiderstehlichkeit ›aufs Spiel gesetzt‹, sozusagen im Namen des Geistes suspendiert, aufgehoben, von einem kreativen Willen in den Griff genommen, beherrscht und insofern wie auch immer ›gebrochen‹ - wenn auch keineswegs zerbrochen – wird: Wobei jener eingreifende Wille als schöpferisch waltender Logos, als geist-getriebene Energie über das so Geschaffene hinaus auf sich selbst hinweist und den Menschen auf seine Geistfähigkeit aufmerksam macht: ihn daran ›gemahnt‹. Dies zielt nicht auf ein finster kopflastiges Rezeptions-Exerzitium ab, sondern im Gegenteil auf ein befreiend erhellendes Glückserlebnis – intensivste Form von Selbsterfahrung.“

http://www.matthias-gruenewald.com
http://cranach.staedelmuseum.de/cranach.htm

Samstag, 26. Januar 2008

Gummiboot im Geldmeer

Wenn die Buhrufer schon loslegen, bevor der Schlussakkord erklungen ist, könnte man vermuten, dass sie das Stück entweder nicht kennen oder sich so sehr aufs Buhen gefreut haben, dass sie es gar nicht erwarten konnten, der erste zu sein. Beides deutet auf Banausentum. Bei der gestrigen Stuttgarter Premiere von Wagners "Fliegendem Holländer" gingen die Buh-Männer (ich nehme mal an, es waren nur Männer) dann doch gegen die Bravos unter. Ein Spanier als Regisseur und ein Italiener am Dirigentenpult, ob das einigen Stuttgarter Wagnerianern, die ja immerhin auf einen Status als gut deutsches Winter-Bayreuth in grauer Musiktheater-Vorzeit stolz sein können, zuviel Süden war?

Der musikalischen Interpretation hat ein Schuss Italien eigentlich ganz gut getan; meine in dieser Hinsicht eher bescheidenen Erwartungen wurden übertroffen - allerdings bleibe ich bei meiner Meinung, das Wagner in Stuttgart Sache des Chefdirigenten oder eines aufregenderen Gastes als Enrique Mazzola sein sollte. Und Calixto Bieto, die vermeintliche Regieskandalnudel? Vieles, was er auf die Bühne bringt, ist nicht mein Geschmack, und bedauerlicherweise hatte er keine Zeit, den nicht ganz unbedeutenden Schluss der Holländer-Oper wirklich zu inszenieren, aber alles in allem sah ich einen spannenden Musiktheaterabend, der - was vielleicht Bieto trotz aller Bedenken gegen gewisse neurotische Mätzchen auszeichnet - den Nerv des Hier und Heute trifft. Bieto scheint mir insofern der "heutigste" Regisseur zu sein, unsere Zeit am deutlichsten auszudrücken - was umgekehrt auch auf den Zustand unserer Zeit schließen lässt: Die Mannen landen im roten Gummiboot statt mit majestätischen Schiffen an, und statt Meereswellen fliegen die Geldscheine; irritierend, aber nicht verkehrt. Zurück zu den Buhs: War den Protestlern auch ein asiatischer Holländer suspekt? Yalun Zhang hatte sie jedenfalls nicht verdient, auch wenn Attila Jun ihn als Daland (hier heißt er Donald, weil die Dramaturgie nicht ganz berechtigt stolz auf eine "Urfassung" ist) an die Wand sang, als ob er selbst den Holländer schmettern wollte. Fabelhaft ist Barbara Schneider-Hofstetter als Senta, und eine schöne Debüt-Überraschung Lance Ryan als Erik alias Georg. Unnötig und schwer erträglich ein kichernder Kleinwüchsiger; hach, wie dämonisch - siehe oben. Nun, alles Weitere überlasse ich den rezensierenden Kollegen; ich war ja freiwillig und ohne Notizbuch dort.

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