Mein "Schreibguru"
Sol Stein rät immer: Zeigen, nicht beschreiben. Entsprechend groß ist meine Abneigung gegen eine Metapher in jedem zweiten belletristischen Satz - ein immer wieder schmerzendes "Dauer-Als-Ob". Da lobe ich mir meinen Maigret, der so schlagend nüchtern geschrieben ist - und in
feinen kleinen Büchern neu herauskommt. Und eine in dieser Hinsicht frappierende
Lektüre war auch "An einem dieser Tage" von Peter Stamm. Sehr empfehlenswert für Leser, die sich ihre eigenen Gedanken machen wollen und nicht von denen des Autors eingelullt werden mögen. Ganz etwas anderes: Die immer wieder erfrischende Lektüre über den
Wagner-Clan - wer schaut nicht gern durchs Schlüsselloch auf diese überaus seltsame Familie...
kulturchronist - 13. Aug, 15:44
Schweigeminute von Siegfried Lenz wurde als ebenso "keusch" wie "erotisch" beschrieben, von "älteren Rezensenten", wie der offenbar jüngere Kollege beim Deutschlandradio maliziös anmerkte. Da sieht man mal, wie ungewöhnlich es inzwischen ist, dass ein Liebesakt in einem Roman nicht in allen Details beschrieben oder mit Assoziationen respektive Unterströmungen von Gewalt oder Psychose befrachtet wird. "Sie liebten sich im Sand" - na und? Ist doch prima! (Und weder keusch noch besonders erotisch - um so besser). Ein schönes Buch. Weniger "schön" im inhaltlichen Sinne ist die Erzählung "Der Bär kletterte über den Berg" in dem Band
Himmel und Hölle von Alice Munro. Hier beschreibt die kanadische Autorin lakonisch und doch eindringlich, wie eine Frau demenzkrank wird und wie ihr Mann darauf reagiert. "Eines dieser kurzen und freundlichen und in die Verzweiflung treibenden Gespräche", so formuliert sie ebenso knapp wie treffend, was ich tagtäglich am Telefon und alle paar Wochen unmittelbar erlebe. Seltsam, dass eine solche Lektüre, die nichts beschönigt, letztlich doch ein bisschen tröstet.
kulturchronist - 13. Jun, 10:40
Dieses Buch habe ich durchaus gern gelesen - vielleicht zu gern, wenn man das Thema bedenkt: Ein begnadigter Terrorist, von seiner mütterlichen Schwester zu einem Wochenende mit alten Freunden gedrängt, die sich mehr oder weniger stark verändert haben... Eigentlich eine gute Idee und Grundlage, aber von Bernhard Schlink doch ein wenig zu nett verdichtet. Eine
Rezension im Deutschlandfunk gibt ganz gut wieder, wie es auch mir als Leser erging. Trotz der Einwände zur Lektüre empfohlen!
kulturchronist - 4. Jun, 20:30
Hat das gedauert! Erst kürzlich habe ich zum ersten Mal
Der große Diktator gesehen und kapiert, woher das Wort "Schtonk" eigentlich kommt... Bisschen peinlich... Nun gut: Den gleichnamigen
Film genießen wir gerade wieder, und dazu das
Buch von Michael Seufert über den Skandal damals. Es ist alles so grotesk, dass man den Film für die Wirklichkeit und das Buch als Fiktion nehmen könnte.
kulturchronist - 7. Mai, 11:55
Die Zeiten sind, wie sie sind, hieß es in einem meiner Lieblingsfilme, und ganz am Schluss fragt endlich einer: Wie sind sie denn? Die Antwort lautet: Unbedeutend! Ich habe den Eindruck, die "Zeit" macht sich auf dem Weg dahin. Zwar sind viele Beiträge nach wie vor von höchster Qualität, aber das Drumherum in Gestalt von "vielen neuen Rubriken" (O-Ton des Chefredakteurs) und schrecklich großen Bildern wird immer dominanter. Diese Rubriken heißen dann beispielsweise "Prominent ignoriert" (kann mir jemand sagen, was das eigentlich bedeuten soll) und strotzen vor sinnloser Blödheit - und zwar auf der Titelseite! Oder die "Meinungsseite": Links Josef Joffe mit ernsthaftem Kommentar, daneben aber kaum fokussiertes Geschreibe und oben zwei große Bilder, mehr oder weniger gekonnt kommentiert. Neben dem berühmt gewordenen Bild der schwangeren spanischen Verteidigungsministerin in der Ausgabe 17 (17. April): "...und bekleidet den Obermachojob im Regierungskabinett ohne ängstliche Konzessionen an die turbogebügelte Männermilitärmode." Oh Gott, oh Gott. Korrektor hilf! Spanisch-denglisch ein Wort, ein weißer Schimmel in Gestalt des "Regierungskabinetts" - und was bitte schön ist "turbogebügelt"? Männermilitärmode will ich mal durchgehen lassen, zu verführerisch ist das Klangspiel mit den drei m - und dennoch: Gibt es ein Männermilitär? Das ist auch heutzutage mindestens ein weiß gefleckter Schimmel... Nee, das ist nicht mehr meine "Zeit". Dazu gibt es noch mehr zu sagen - aber später.
kulturchronist - 29. Apr, 11:37
Ich konnte mir denken, dass Hanns-Josef Ortheils Roman "Das Verlangen nach Liebe" bei einem großen Teil der Literaturkritik nicht besonders gut angekommen ist (
hier die Rezensionsauswahl bei den Perlentauchern). Von Schmonzette würde ich nun wirklich nicht sprechen - mich hat das Buch trotz einiger weniger brillanter Passagen vor allem aus zwei Gründen angesprochen: Weil Ortheil von der Möglichkeit erzählt, dass mit vernünftigen Gesprächen zwischen erwachsenen und souveränen Menschen grundsätzlich jedes Problem gelöst werden kann. Und weil ich bei der Lektüre der letzten Seiten dachte: Ja, es ist schön, auf die Fünfzig zuzugehen. (Und das ist doch als Wirkung eines Buches nicht zu unterschätzen.)
kulturchronist - 25. Apr, 12:23
Kürzlich in der NZZ: Eine schöne
Reportage über drei bloggende Schweizer - "gehaltvoll" wird eines davon genannt. Und schon werde ich wieder nachdenklich (Karl Böhms zweiter Beethoven-Satz ist übrigens auch nicht von schlechten Eltern, wie sie da gerade aus dem
Klangwunder tönt - wer mag diese Aufnahme, die im sog. "Back-Katalog" der
DGG ein tristes Dasein fristet, eigentlich noch?)
kulturchronist - 1. Apr, 17:19
Wiedergelesen: "Zauberberg" und "Tod in Venedig". Na gut, ersteren nur in Ausschnitten, aber ich denke, dieses Buch lässt sich ganz gut auf diese Weise durchstöbern. Mein Favorit ist ja schon immer Mynheer Peeperkorn, der spät, aber um so energischer in die Handlung tritt: "Meine Herrschaften - gut. Erledigt." Und ich staunte auch bei der dritten Lektüre nicht schlecht bei einem weiteren von Peeperkorns Lieblingsworten: "Absolut." Das ist ja erstaunlich - früher merkte ich bei diesem Wort nicht auf, aber heute ist es ja, wie auch "genau", zum verstärkend vergröbernden Ersatz für das schlichte "ja" geworden. Oder? Absolut. - "Tod in Venedig": Seltsam - immer wenn es langatmig zu werden droht, kommen Passagen, vor denen man nur den Hut ziehen kann. Wie er bei der Schilderung von Aschenbachs Liebe zu dem jungen Tadzio die Balance zwischen Lächerlichkeit und Rührung hält, das ist schon meisterhaft.
http://www.thomasmann.de/thomasmann/werk/gkfa/
kulturchronist - 1. Apr, 15:49
Es war mir dann doch zu eklig, "Die Wohlgesinnten" weiterzulesen. Als Buch, als Roman finde ich's nicht besonders gut. Aber dennoch: Die Diskussion darum ist doch anregend gewesen. Ich kann nicht belegen, warum mir Max Aue gar nicht so außergewöhnlich erschien: Ein schwuler Intellektueller als Nazi-Scherge und Mörder, wurde das bisher wirklich nirgends thematisiert? Muss man nicht einfach nur eins und eins zusammenzählen, um zu begreifen, dass Nationalsozialismus und Antisemitismus auf viele, auch kluge Gemüter und eben auch nicht nur auf stramme Ehemänner und Väter ungemein anziehend wirken konnten? Ich glaube, da sind jene deutschen Literaturkritiker, die den Roman eben nicht nur als literarisches Werk, sondern auch als Idee heftig angriffen, genau in jene Falle getappt, die Jonathan Littell ihnen nonchalant aufstellte: Ihr hättet womöglich auch nicht anders gehandelt. Aus der vielstimmigen journalistischen Betrachtung gefiel mir von den Beiträgen, die ich gehört oder gelesen habe, diese abgewogene Sendung
Buch der Woche im Deutschlandfunk am besten.
kulturchronist - 18. Mrz, 08:45
Was macht das Lesen Spaß zurzeit: „Die Wohlgesinnten“ und eine Hindenburg-Biografie, da mag man gar nicht müde werden am Abend. Erst das weniger Heikle: Wolfram Pytas Buch rückt das Bild vom Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten zurecht, indem es dessen ganzes Leben und Wirken unter dem Aspekt der „charismatischen Herrschaft“ (neu) betrachtet. Hindenburg hat, so gesehen, in all seinen teils fatalen Entscheidungen im Grundsatz mehr auf die öffentliche Wahrnehmung seiner Person als auf die Konsequenzen seines Handelns geachtet und darüber hinaus mit frappierender Geschicklichkeit alle Widersprüche neutralisiert. Dass er als Oberbefehlshaber im 1. Weltkrieg, pardon, ein ziemlicher Faulenzer war, vernimmt man mit Befremdung. Noch schlimmer, wie er den so genannten Röhm-Putsch samt vorkalkulierter Mordaktion offenbar ganz in der (neuen) Ordnung fand. Und Pyta beschreibt das alles einleuchtend und spannend. Sehr gut. Und nun Jonathan Littell. Zunächst einmal: Ich bin gerade auf Seite 100 und finde es, nun gut, durchschnittlich. Im Gegensatz zu vielen deutschen Literaturkritikern kämpfe ich allerdings nicht gegen den Lauf der Zeit an: Dass die Hitlerzeit mangels Augenzeugen immer mehr Teil fiktionalen Schreibens wird, kann man akzeptieren, ohne gleich vom „Nazi-Disneyland“ zu faseln, wie es ein Kulturpessimist vom Dienst kürzlich im Deutschlandfunk tat. Ich glaube auch nicht, dass dies die Augenzeugenberichte eines Primo Levi oder Imre Kertesz zwangsläufig entwertet. Ob man das, wie Littell es tut, mit Gewalt und Pornografie „würzen“ muss, ist eine Frage. Eine andere ist, wie man mit dem geradezu überfallartigen Romananfang umgeht, in dem uns die Nazi-Scherge Max Aue recht unverblümt ins Gesicht sagt: Ihr hättet auch nicht anders gehandelt. Ich denke, bei vielen voreingenommenen Rezensenten hatte Littell schon damit verloren. Ist ja auch nicht schön.
kulturchronist - 7. Mrz, 12:54