Are You a Virgin?

Dies und das über Richard O’Briens „The Rocky Horror Show“ - Beitrag für das Programmheft der Staatsoperette Dresden (Premiere am 22.06.2012)


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Von hier und heute aus gesehen, angesichts des gewaltigen Kults um die „Rocky Horror (Picture) Show“, sehen die Anfänge geradezu mickrig aus: Ein arbeitsloser Alleskönner überlegt sich nachts auf dem Sofa eine schräge Stückidee, ein befreundeter Regisseur hilft ein bisschen nach, und die „Rocky Horror Show“, die zunächst – nicht eben viel versprechend – „They Came From Denton High“ heißen sollte, feiert Premiere vor sage und schreibe sechzig Zuschauern, auf einer Mini-Bühne unter dem Dach eines Londoner Westend-Theaters.

Aber es war tatsächlich so: Die Show, die heute mühelos große Hallen füllt (und kleinere Theater sowieso), entwickelte sich nach der Uraufführung 1973 erst nach und nach zum Kassenschlager, befördert natürlich durch die relativ frühe Verfilmung mit der Ergänzung „Picture“ im Titel, die 1975 in die Kinos kam. Erst der Film rief die mannigfaltige Beteiligung des Publikums hervor, die auf die Bühnenshow zurückwirkte – von der passenden Kleidung über genau kalkulierte Zwischenrufe bis hin zu Konfetti- und Klopapierwürfen. Erst 1979 kam das Stück an einem größeren Londoner Theater heraus und wurde dort mehr als 3.000 Mal gespielt. In den USA hatte – anders als in Großbritannien – der Film großen Erfolg, die originale Bühnenshow jedoch nicht, und auch in Deutschland wusste bei der Erstaufführung in Essen 1980 so mancher nicht, wozu er gebeten war. Zu schrill, zu direkt, zu freizügig war die „Rocky Horror Show“ damals noch – zum Durchbruch brauchte es die postmoderne Lockerheit der späteren Achtziger und die Vereinigung der prüden Westdeutschen mit den weniger prüden Ostdeutschen, und bis zu Klaus Wowereits „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ war es sowieso noch ziemlich lange hin (bis 2001, immerhin).


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„Ich dachte, es wäre toll, wenn man sich einfach hinsetzen würde und ein wenig von allem, was man eben mag, anschauen könnte: eine Rockshow mit ein wenig Horrorgeschichte, ein bisschen Sex und ein bisschen lustvollem Kitzel – keine Botschaft, nur Unterhaltung.“

Richard O’Brien



Nächtliche, schlechte Horrorfilme inspirierten den multitalentierten, 1942 geborenen O’Brien zu dieser gewagten Kombination, aber angesichts der Tatsache, dass das Vereinigte Königreich erst 1968 die Theaterzensur vollständig abgeschafft hatte, ist „The Rocky Horror Show“ eben auch ein Plädoyer für die Freiheit, seine Träume zu verwirklichen: „Don’t dream it – be it!“, appelliert Frank’n’Furter an seine verrückten Freunde und Mitbewohner, an Brad und Janet – die kaum wissen, wie ihnen geschieht – und ganz gewiss auch an uns, die wir im Saal eben jenen Spaß haben, der am Anfang der 1970er Jahre noch den biederen Verhältnissen abgetrotzt werden musste. So gesehen, verbindet die „Rocky Horror Show“ auf den zweiten Blick so einiges mit den beiden anderen berühmten Musicals jener Zeit, mit dem ebenso hippieseligen wie kriegskritischen „Hair“ und mit „Jesus Christ Superstar“, das aus Jesus Christus eine aufrührerische Kultfigur machte.

In genau diesen beiden Stücken hatte der spätere „Rocky“-Regisseur Jim Sharman den Musicaldarsteller Richard O’Brien als Ensemblemitglied kennen gelernt. O’Brien, der auch nach der „Rocky Horror Show“ noch einige Musicals, Filmskripte und Shows schrieb, blieb auch darüber hinaus als Schauspieler aktiv. Er spielte nicht nur legendär genial den Riff-Raff in der „Rocky“-Verfilmung, sondern war – ausgerechnet! – in der Rolle des Kinderfängers im Musical „Chitty Chitty Bang Bang“ so erfolgreich, dass er als solcher zur Gala-Aufführung zum 80. Geburtstag der Queen im Buckingham Palace geladen wurde. A propos Queen: Keine deutsche Übersetzung kann das Gemisch von sprachlichen Codes wiedergeben, das O’Brien der Show einträufelte – von Eddies „Cockney“ über den amerikanischen Akzent von Brad und Janet bis zum ausgefeilten „Oxford English“ des als Krimi-Autor gestalteten Erzählers, der sich streckenweise wirklich wie die Queen anhört (nur dass man dieser wohl nicht ständig „boring!“ dazwischenrufen würde...).


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„The Rocky Horror Show“ ist als Theaterstück ein buntes Patchwork aus vielen Motiven, deren Kombination die eigentliche Komik ausmacht. Die scheinbar unendliche Freiheit, solche Motive umzudeuten, ist der Kern des Stückes: Man denke nur an Frank’n’Furter, diesen Nachfahren Frankensteins, der dessen ganze humanistische Last abwirft und sich schlicht und einfach einen Bettgenossen kreieren will, oder daran, dass der ganze libertäre Zinnober handstreichartig von Magenta und Riff-Raff beendet wird, indem sie den „Helden“ einfach so erschießen. Deshalb führt es auch in die Irre, von der „Rocky Horror Show“ als Parodie oder Persiflage zu spreche, denn es wird hier nichts verspottet. Sondern die vielen Motive, auch in der Musik, die sich aus Rock, Schlager und anderem mehr speist, dienen vor allem dem Spaß am Augenblick, am Hier und Jetzt, der Freude an der Freiheit, den Moment zu genießen oder umgekehrt, all das dient der Aufforderung, die Freiheit als solche zu genießen. Aber O’Brien spielt uns doch noch einen letzten Streich, wenn er Scott sagen lässt, die Gesellschaft müsse geschützt werden, und Riff-Raff dem zustimmt: Was soll uns das sagen? Dass man es nicht übertreiben soll? Es ist eine seltsame Wendung. Wir müssen Scott und Riff-Raff jedenfalls nicht zustimmen – dass das „Sonderliche“ gerade den Deutschen Probleme mache, wie Bundespräsident Heiemann in den frühen 1970ern meinte, wird durch den Fankult zur „Rocky Horror Show“ eigentlich widerlegt. Also: Wir dürfen um Frank’n’Furter trauern! Und wir dürfen mit Brad und Janet feststellen, dass wir nach dieser „sonderlichen“ Begegnung nicht mehr dieselben sind. (Und das ist auch gut so.)

Kaum ein künstlerisches Werk hat so viel Kult erzeugt wie „The Rocky Horror Show“ – außer vielleicht die Harry-Potter-Romane. „Are You a Virgin?“ wird gefragt, wer in ganz normaler Kleidung zu einer Vorstellung des Stücks erscheint, natürlich in Anspielung auf Janet, die sich doch eigentlich für Brad „aufgespart“ hatte, was von Frank’n’Furter durchkreuzt wird. In einem der „Fan Guides“ zum Stück, die man im Internet findet, werden aber die „Virgins“ sogleich getröstet: Es sei nicht schlimm, wenn man als „Jungfrau“ nicht wisse, dass der Besuch der „Rocky Horror Show“ eigentlich ein spezielles Outfit erfordert. Denn: Wasserspritze und Konfettiregen entgeht man sowieso nicht. Und die nächste Show kommt bestimmt.

(c) Jürgen Hartmann

http://www.staatsoperette-dresden.de
"Digitaler Buffo" (Theaterzeitschrift) zur RHS mit vielen Fotos hier zu lesen.

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