Ernste Ritter der Musik

Das Leipziger Streichquartett spielt im Mozartsaal - Rezension für die Stuttgarter Zeitung, veröffentlicht am 26.10.2010

Der dänische Komponist Niels Wilhelm Gade, der in den 1840er Jahren in Leipzig lebte, ließ sich dort nicht nur von Mendelssohn, sondern auch von Robert Schumann beeinflussen. „So möchte man allen Künstlern zurufen, erst Originalität zu gewinnen und dann sie wieder abzuwerfen“, schrieb ihm dieser und meinte damit wohl auch, dass der jüngere Kollege sich nicht allzu sehr an nordeuropäischen Musiktraditionen festhalten solle. Von solchen ist in Gades noch vor der Leipziger Zeit komponierten Streichquartett aber gar nichts zu vernehmen – im Gegenteil: Man ahnt hier schon die Nähe zu den deutschen Romantikern. Das frühe Werk blieb ein zweisätziges Fragment – und in dem insgesamt eher monochromen Schumann-Gade-Brahms-Programm des Leipziger Streichquartetts im Mozartsaal war der leise, offene Schluss des unvollendeten Werks ein nachdenklicher Höhepunkt.

In blau-silbern schimmernden Westen erscheinen die vier Herren Stefan Arzberger, Tilman Büning, Ivo Bauer und Matthias Moosdorf auf dem Podium – das sieht ein bisschen nach Rüstung aus, und tatsächlich handelt es sich beim Leipziger Streichquartett um ernste Ritter der Musik, die sich nur selten ein Lächeln gönnen. Am Freitagabend spielten sie nicht in Bestform, boten zwar schon in Schumanns a-Moll-Quartett prächtige Klangfarben, trübten aber den Gesamteindruck durch viele Unregelmäßigkeiten. Die für Johannes Brahms erforderliche, quasi orchestrale Dichte des Zusammenspiels wollten die Leipziger ganz offenbar gerade nicht herstellen. Dessen c-Moll-Streichquartett musizierten sie – vielleicht bewusst – uneinheitlich, nahmen dem Werk die bedrohlichen Untertöne, kosteten nur streckenweise die zarten Schattierungen der leisen Passagen und die kraftvolle Fülle des Schlusssatzes aus. Was ernsthaft vermittelter Humor ist, war in einem zugegebenen Mendelssohn-Scherzo zu begutachten. Das Publikum der Russ-Kammermusikreihe, wohl das aufmerksamste und ruhigste aller Stuttgarter Konzertzyklen, war im gut gefüllten Mozartsaal recht angetan.

http://www.leipzigquartet.com

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