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Eintauchen in fremde Welten

Interview mit dem Komponisten und Arrangeur Andreas N. Tarkmann, veröffentlicht in "spektrum", Magazin der Musikhochschule Stuttgart Nr. 14/2009

Eine naive Frage zum Auftakt: Es gibt doch so viel Originalmusik. Warum arrangiert man eigentlich?

Meist aus praktischen Gründen, wenn die vorhandene Fassung für das Aufführungsprojekt nicht geeignet ist. Früher waren Bearbeitungen oft die einzige Möglichkeit, Werke zu verbreiten. Heute geht es meist um Bearbeitungen für Ensembleformationen, für die es wenig Originalliteratur gibt oder die ihr Repertoire erweitern wollen. Gelegentlich geht es auch um ein Modernisieren von Kompositionen, weil die Ästhetik des Orchesterklangs sich gewandelt hat. Dieses Verfahren, das in der U-Musik üblich ist (man denke an Schlagerversionen), gab es schon in der Klassik: Mozart bekam den Auftrag, die Barock-Instrumentationen einiger Händel-Oratorien in das Klangbild der Wiener Klassik zu verwandeln.

Gibt es dafür bestimmte Grundsätze, oder kann im Prinzip alles auf jede mögliche Weise arrangiert werden?

Es wäre unseriös, Musikwerke in eine instrumentale oder vokale Klangformation zu zwingen, die den Intentionen des Komponisten zuwider läuft. Ein begabter Arrangeur besitzt einen Instinkt, der ihn in ästhetischen Grundsatzfragen leitet und der ihn hoffentlich davor bewahrt, Unsinniges zu tun, etwa Wagners Walkürenritt für Blockflötenquartett zu bearbeiten.

Stellen Bearbeitungen für Bläser den Arrangeur vor spezielle Herausforderungen?

Bläserpartituren gelten als kompliziert. Das liegt aber hauptsächlich an den vielen transponierenden Instrumenten. Es gehört zum Handwerk eines Arrangeurs, dass er diese Transpositionen beherrscht, wie er auch um die spezifischen Eigenheiten der einzelnen Blasinstrumente wissen sollte. Hier habe ich den Vorteil, dass ich selbst ein Oboenstudium absolviert und viel Bläserkammermusik gespielt habe. Die Musiker müssen das Gefühl haben, dass die Musik in der Bearbeitung gut zu den Blasinstrumenten passt. Alles andere wäre frustrierend, praxisfern und würde auch nicht wieder gespielt werden.

Sie sind auch als Komponist tätig. Hand aufs Herz: Würden Sie manchmal lieber selbst ein neues Stück komponieren als ein vorhandenes zu arrangieren?

In der Tat ist es so, dass Sie als Bearbeiter sich sehr genau mit der Originalkomposition beschäftigen, sozusagen in die DOS-Ebene des Stücks hinabsteigen. Und hier zeigt es sich schon, wenn es Schwächen in der Komposition gibt. Ich selbst habe meine Bearbeitertätigkeit immer als den bestmöglichen Kompositionsunterricht aufgefasst; ansonsten arrangiere und instrumentiere ich mit viel Freude, ich muss und möchte also gar nicht immer selbst komponieren.

Ist das Arrangieren nicht eine undankbare Sache? Wenn ein Arrangement gefällt, bekommt doch trotzdem der Komponist den Ruhm ab, und wenn’s nicht gefällt, ist der Arrangeur schuld?

Leider ist das Ansehen des Arrangeurs nicht besonders hoch. Dabei ist das ein sehr arbeitsintensiver Beruf. Na ja, man braucht den Arrangeur, aber man verschweigt ihn lieber. Und man zahlt auch nicht gerne für seine Arbeit. Da habe ich manche kränkende Erfahrung gemacht.

Der Beitrag des Arrangeurs fällt also oft unter den Tisch?

Leider, dabei ist der Arrangeur oft unentbehrlich: Er sichtet das Material, retuschiert, richtet die Werke ein, schreibt unter Umständen Kadenzen, überprüft die Verzierungslage und so weiter und so fort. Aber wir leben in einer Welt des Interpretenkults, die für die Urheber wenig Aufmerksamkeit übrig hat.

Für die Musikhochschule sind Sie zum wiederholten Male als Arrangeur tätig. Wie hat sich dieser Kontakt entwickelt?

Über verschiedene Kanäle. Zum einen wurde Prof. Helmut Wolf auf mich aufmerksam, als er seine Konzertreihe „Berühmte Komponisten im 19.Jahrhundert zu Gast in Stuttgart“ plante und für das Wagner-Konzert kammermusikalische Bearbeitungen brauchte. Zum anderen bin ich mit meinen vielen Bläserarrangements in der Fachwelt bekannt und stehe dadurch mit einigen der Bläserprofessoren in persönlichen Kontakt, so dass es nach meinem Umzug nach Stuttgart 1999 sozusagen zwangsläufig zu einer Zusammenarbeit kommen musste. Ein für mich persönlich wichtiger Aspekt bei meinem letzten großen Bläserprojekt in der Stuttgarter Musikhochschule im Juni 2008 war, dass einer der Initiatoren Prof. Ingo Goritzki war, bei dem ich 1973 in Hannover mein Oboenstudium begonnen hatte! Es ist toll, dass die Hochschulleitung immer wieder mit Bearbeitungsaufträgen in die Bläserausbildung investiert, denn so kann der Arrangeur zusammen mit den Studierenden und Dozenten zeigen, zu welch virtuoser und klanglicher Vielfalt die Blasinstrumente fähig sind.

http://www.tarkmann.de
http://www.mh-stuttgart.de

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