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Nimm den Bassa, Konstanze!

Mozarts „Entführung“ bei den Ludwigsburger Festspielen - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (leicht gekürzt veröffentlicht am 29.06.2009)

Ein Musikerquartett zieht durch die Gänge des Ludwigsburger Schlosses, um das Publikum zur „Entführung aus dem Serail“ zusammenzutrommeln, und nicht ohne Grund wirft die Sängerin Simone Kermes am Schluss der bejubelten Festspielpremiere ihren Blumenstrauß dem Perkussionisten Murat Coskun zu. Unter dessen munterer Anleitung erklingen Wolfgang Amadeus Mozarts „alla turca“-Passagen, die dieser Oper die orientalische Würze geben, endlich einmal so richtig gepfeffert. Dirigent Michael Hofstetter vertraut ganz zu Recht auch hier auf Spezialisten. Von ihm und seinem Orchester gehen im schmucken Schlosstheater die kräftigsten Impulse aus. Mozarts Partitur wird geradezu schmerzhaft aufgeraspelt, und auch Peer Boysens Inszenierung arbeitet die tragischen Anteile des gar nicht heiteren Singspiels heraus.

In so mancher Oper würde man der Sopranheldin gerne zurufen: Nimm den Bariton, nicht den Tenor! Aber die Gattungskonvention will es nun mal anders. Mozarts „Entführung“ bietet eine Alternative: Zwar hat der Bassa Selim – in Wirklichkeit ein aus Westeuropa in die Türkei Geflüchteter – Konstanze entführen lassen, aber dass er sie ehrlich liebt, daran besteht kein Zweifel. Den Status als Außenseiter schärft Mozart, indem er den Bassa als Sprechrolle konzipiert, und wie Heio von Stetten in Ludwigsburg dessen tiefe Melancholie ganz leise ausspielt, das geht ans Herz. Viel fehlt wohl nicht, und die tapfere Konstanze gäbe nach: Simone Kermes gestaltet die vertrackte Partie nach mäßigem Beginn zu wahrhaft dramatischer Größe. Mit glühendem Piano, heroischen Koloraturen und unendlichen vokalen Ausdrucksmitteln von Florett bis Machete steigert sie sich in die hoch expressive „Martern-Arie“ hinein, in der Hofstetter im Orchestergraben wahre Urgewalten entfesselt – ein glückhafter Musiktheatermoment, für den allein sich alle Mühe lohnt.

Aber Belmonte – der mit wenig lyrischem Schmelz aufwartende Tenor Bernhard Berchtold – kommt zur vermeintlich rechten Zeit und holt sich die abgekühlte Konstanze zurück. Peer Boysens Regie zeigt deutlich, dass das wohl nicht auf Dauer gut gehen wird, und interessanterweise spielt sich beim Dienerpaar Pedrillo und Blonde (Daniel Johannsen und Chen Reiss, beide tadellos singend) das Gleiche ab. Dass Blonde den Reizen des durchaus attraktiven Seraildieners Osmin (vokal korrekt, aber ein bisschen steif: Guido Jentjens) gar nicht abgeneigt ist, ist eine Überraschung der Regie, die durch die Musik eigentlich nicht beglaubigt wird. Peer Boysen hat die „Entführung“ wie ein Puppenspiel inszeniert: Durchdacht schematisch bewegen sich die Figuren, hin und wieder im Zuschauerraum platziert, in einer vom Regisseur selber angemessen historisch gestalteten Bühne und charakteristischen Kostümen von Ulrike Schlemm. Das ist schön, denn es wertet Noten und Worte auf, wenngleich Boysen die gesprochenen Dialoge in allzu karge Telegramme umgemodelt hat. Die humanistische Schlussansprache des Bassa indes verfehlt ihre Wirkung nicht: Mucksmäuschenstill lauscht der ausverkaufte Saal Heio von Stettens eindringlichen Worten. Ungerechtigkeit sei durch Wohltaten besser zu vergelten als durch Rache: Das klingt eine Weile nach. Mindestens bis zur nächsten Nachrichtensendung.

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