Wagner-Gefühle

Es ist jeden Sommer das Gleiche - Bayreuth schleicht sich ins Gemüt, egal ob durch Radioübertragung, Skandälchen, Familienzwiste oder (erstmals, wie peinlich) das wunderbare Erlebnis einer "Parsifal"-Generalprobe. Und natürlich muss jeden Sommer ein Wagner-Buch gekauft werden. Als ich noch ein ziemlicher Opernfrischling war, dreißig Jahre ist's her, öffnete mir Friedelind Wagner mit einem einzigen Satz die Augen. Im Staatstheater Kassel verteidigte sie die "Ring"-Inszenierung ihres Schützlings Siegfried Schoenbohm mit den Worten: "Das muss man doch machen!" Mir ging eigentlich in diesem Moment erst so richtig auf, was Interpretation heißt und wie man Wagners eigenen Worten "Kinder, schafft Neues!" oder "Nächstes Jahr machen wir alles anders" folgen sollte. Insofern habe ich Friedelind Wagner nicht nur eine berufliche, sondern beinahe auch eine Lebensmaxime zu verdanken. Von ihrem heiklen Status innerhalb des Wagner-Clans habe ich wahrscheinlich erst später erfahren, und die Faszination des "Dagegen" entfaltete damals und entfaltet noch heute keine besonders große Wirkung auf mich. Die Lektüre des zur Legende verklärten Friedelind-Wagner-Buches Nacht über Bayreuth enttäuschte mich: Zuviel Privatkram und überraschenderweise eben doch keine restlos überzeugende politische Begründung für die Emigration; ich hatte den Eindruck, dass sie sich vor allem von der schrecklichen Familie, Mutter voran, distanzieren wollte. Die neu erschienene Biografie von Eva Rieger bestärkt mich eigentlich darin. Wichtiger erscheint mir aber, dass sie meine Skepsis gegenüber dem Konzept "Familie" unterstreicht: Mal abgesehen von den doch immer wieder auch unterhaltsamen Wagner-Zwisten, besteht eben eigentlich gar kein objektiver Grund, dass die Nachkommen Richard Wagners eine wie auch immer hervorgehobene Rolle spielen. Es sind nur Nachkommen, basta. Sie müssen weder Wagners Genie noch Wagners Ungeist geerbt haben, sie können auch ganz normale Menschen sein. Aber sie durften nicht, und sie woll(t)en wohl auch nicht. Ist das Besondere oder gar das Zwingende an den Bayreuther Festspielen wirklich die Leitung durch Familienmitglieder? Oder doch das Gebäude und die ganz und gar wunderbare Akustik? Das Spitzenorchester, das es nur dort gibt? Der Chor? Die Solisten sind es nicht mehr, auch das war beim "Parsifal" sehr wohl zu erkennen. Ich bin gespannt, wie es dort weitergeht. Bis dahin: Bayreuth im sommerlichen Gemüt und jedes Jahr ein Wagner-Buch...
kulturchronist - 2012/08/02 10:10









Aber an sich sind die Inszenierungen sehr schön! Hut ab!