Während der Musiktage Donaueschingen wird „Batsheba" von Manos Tsangaris uraufgeführt - Vorbericht für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht heute)
Manos Tsangaris ist ein freundlicher Mensch. „Hat noch jemand besondere Wünsche?", fragt er im Stuttgarter Funkstudio des SWR in die Runde von Vokalensemble, Solisten, Musikern und Dirigenten. Nein, offenbar nicht: alle scheinen recht zufrieden und wunschlos glücklich mit dem Zwischenergebnis zu sein. Auf dem Probenplan steht Tsangaris" Musiktheaterprojekt „Batsheba. Eat the History!", das jetzt am Wochenende bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt wird. In die musikalische Leitung des durch Gastmusiker und Elektronikspezialisten verstärkten SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg teilen sich dessen Chefdirigent Sylvain Cambreling und Denis Comtet als Kodirigent.
Das zeitgenössische Theater spielt gern mit Fragmentierung und Gleichzeitigkeit, die es als Zeichen unserer Zeit erkennt. Während man in einer Produktion wie „Judith" am Stuttgarter Schauspiel die miteinander verschränkten, sich überlagernden Ebenen der Handlung noch immer als Ganzes wahrnehmen kann, fächert Tsangaris in „Batsheba" Raum und Zeit mehrfach auf. Über zwei Tage hinweg und an fünf Spielorten in Donaueschingen soll sich ein dreisprachiges „molekulares Stationentheater" entfalten, das den Ausführenden und dem Publikum einiges abverlangt.
Dabei soll heute, am Freitagabend, der Zuschauer selbst, so Manos Tsangaris, „in etwas hineingeleitet und aktiv bespielt, zum Zentrum gemacht werden", während der zweite Teil am Samstag „wie eine Ausstellung" funktionieren soll und es dem Publikum überlässt, wie es seine Aufmerksamkeit teilt. Der Samstagabend wiederum ist der klassischen Theatersituation am nächsten, soll aber das Gegenüber von Szene und Publikum verdoppeln und damit erneut aufbrechen.
Der 1956 in Düsseldorf geborene Komponist hat Erfahrung mit Projekten, die Künstler und Publikum in Bewegung bringen. „Ich bin ein Theatertier", sagt Manos Tsangaris, der unter anderem bei Mauricio Kagel studierte und neben seinen szenisch-musikalischen Arbeiten auch bildnerische Werke und Gedichtanthologien vorgelegt hat. Am Schauspiel Köln ließ Tsangaris vor drei Jahren mit „Centralstation - Vom Außen und Innen der Städte" sogar den Hauptbahnhof unter vollem Betrieb theatralisch bespielen.
Es sei typisch für diesen Komponisten, meint der Musikjournalist Raoul Mörchen, dass er „die verschiedenen medialen Wahrnehmungsbereiche des Menschen im Kunstwerk sinn- und bedeutungsvoll verbinden" wolle. In der Tat macht sich Manos Tsangaris immer viele Gedanken über das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem heutzutage und der Rolle, welche die Kunst in diesem Zusammenhang spielen kann: „Die bürgerliche Vorstellung eines öffentlichen Raums, der als konkreter physischer, architektonischer wirkt und wo Öffentlichkeit hergestellt werden kann, funktioniert in unserer heutigen Alltagswelt nicht mehr. Es ist heute für die meisten völlig normal, beispielsweise das Mozart-Requiem zu hören und währenddessen den Abwasch zu machen".
Die Keimzelle für „Batsheba. Eat the History!" entstammt denn auch folgerichtig den Massenmedien. Es war eine Meldung im „Spiegel", die Manos Tsangaris zufällig las. In einem Chatroom hatten sich Täuschung und Begierde folgenschwer verknüpft und schließlich, von Tücke und Eifersucht befördert, einen Mord verursacht. Dies inspirierte den Komponisten zu dem Teilstück „Chatroom Murder" und ließ ihn ein dazu passendes, traditionelles Sujet suchen, das er schließlich in der alttestamentarischen Geschichte um „Batsheba im Bade" fand. Auch hier gebe es Täuschung, Begehren und Entfremdung, meint Tsangaris: „Plötzlich konnte ich sämtliche Figuren aus der David-Batsheba-Geschichte projizieren auf die Figuren der Zeitungsgeschichte." Die englischen und hebräischen Texte werden in der komplexen Partitur mit zusätzlichen, von Tsangaris selbst beigesteuerten deutschsprachigen Textmodulen verknüpft.
Dass dies alles ziemlich kompliziert klingt, fand zunächst auch Sylvain Cambreling, der den Komponisten bei der ersten Begegnung erst einmal eine Stunde reden ließ, dann aber Feuer und Flamme für „Batsheba" war. Als Dirigent im klassischen Sinn wird Cambreling während der ausgedehnten Spieldauer jedoch nur selten in Erscheinung treten. Er sieht sich vielmehr als Mitorganisator eines Theaterprojekts, das mehr Vertrauen als Kontrollwut erfordere: „Hierarchien aufbrechen, das interessiert mich", meint der Franzose und wirkt ehrlich begeistert, zumal er in einer kleinen Rolle auch noch als Zeremonienmeister agieren darf. Wie Tsangaris setzt Sylvain Cambreling auf die Eigenverantwortung der vielen Mitwirkenden: „Eigentlich macht das Orchester hier ständig Kammermusik."
Komponist und Dirigent sind sich auch einig darin, dass ein Projekt dieser Dimension eigentlich nur in einem „Labor" wie Donaueschingen und mit Spitzenensembles wie dem SWR-Sinfonieorchester und dem in Stuttgart ansässigen SWR-Vokalensemble machbar ist. Die Chormanagerin Cornelia Bend hat einen langen gruppendynamischen Prozess hinter sich, denn szenische Aktionen zumal dieser Art - die Sänger nähern sich dem Publikum bis auf fünfzig Zentimeter - sind für die im Konzertbetrieb versierten Mitglieder des Vokalensembles größtenteils Neuland.
Nachdem man sich einen Monat mit den Noten beschäftigt hatte, überstiegen die Wünsche der Sängerinnen und Sänger nach solistisch-szenischer Betätigung aber sogar die Möglichkeiten. „Wir können hier alles zeigen", fasst Cornelia Bend zusammen und sieht gespannt einem herausfordernden Auftakt zur Saison des SWR-Vokalensembles entgegen, dem weitere theatralische Experimente folgen sollen.
Das Musiktheater „Batsheba. Eat the History!" wird heute von 19 Uhr an und am Samstag von 11 bis 14 Uhr sowie von 19 Uhr an in Donaueschingen aufgeführt. Spielorte sind die Erich-Kästner-Halle, das Berufsförderungswerk, das Schloss, die Christuskirche und die Donauhalle. Teile des Projekts werden im Hörfunk auf SWR 2 übertragen. Bei dieser „Installation Opera" wirken neben den SWR-Ensembles mehrere Gesangssolisten und Schauspieler mit. Die Inszenierung wird von Manos Tsangaris mit einem Team von Szenografen und Technikern erarbeitet. Ein Teil des Werkes wurde im Mai an der Berliner Staatsoper aufgeführt, die Kooperationspartnerin der Musiktage ist. Wenige Restkarten telefonisch unter 01805/44 70 111. Informationen unter: http://www.swr.de/donaueschingen. Internetseite des Komponisten: http://www.tsangaris.de