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Montag, 12. Oktober 2009

Aus Liebe zum System

[Wiedergefunden: Ein älterer Text für die NMZ von 2003]
Die Freiburger Gesangspädagogin und Sängerin Martina Freytag


„Die Töne kommen, oder sie kommen nicht“ – wenn Martina Freytag die Bemühungen einer Gesangsschülerin so kommentiert, scheint es, als neige die Pädagogin eher zum Chaotischen. Unmethodische Nachlässigkeit also im Freiburger Gesangsstudio? Ganz und gar nicht. Vielmehr hat Martina Freytag, die seit 1997 in Südbaden lebt und arbeitet, sogar eine besondere Liebe zum Systematisieren. Die in Sondershausen geborene und in Weimar als Gesangspädagogin für Jazz/Popularmusik diplomierte Musikerin hat viel über die Vokalausbildung geschrieben – neben zahlreichen Zeitschriftenartikeln beispielsweise 1998 das Arbeitsbuch „Vocal Training“. Im kommenden Herbst erscheint das neue Lehr- und Arbeitsbuch „Stimmausbildung in der Popularmusik“, für 2004 ist eine Popgesangsschule in Buchform speziell für Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 geplant.

Vielseitigkeit ist bei der 34-Jährigen nicht die Not der Freiberuflerin, sondern die Tugend der bewussten Entscheidung. Als sie vor sechs Jahren nach Freiburg kam, lockte die Beschäftigung bei der Jazz & Rock Schule, die sie aber 2001 beendete, um in der Gewichtung ihrer Tätigkeiten freier zu sein. Zwei Chöre singen unter ihrer Leitung, ein Großteil des Repertoires besteht aus eigenen Arrangements. Martina Freytag bearbeitet jedoch nicht nur fremde Musik, sondern komponiert auch selbst. Höhepunkte in der Verbindung von schöpferischer Kreativität und pädagogischer Arbeit waren zwei selbst komponierte Musicals, die sie mit ihren Freiburger Schülerinnen und Schülern einstudierte und musikalisch leitete.

Heute unterrichtet Martina Freytag an einem Tag der Woche an der Jazzschule in Basel und gibt Einzelstunden in ihrem Freiburger Gesangsstudio, wo keine Wohnzimmeratmosphäre vom konzentrierten Arbeiten ablenkt, es aber auch nicht so nüchtern aussieht wie in manchen Hochschulbunkern. Die breite Erfahrung Martina Freytags auch als Performerin – sie war u. a. Finalistin des Bundeswettbewerbs Gesang 1993, Preisträgerin beim Leipziger Jazzfestival 1994 und legte kürzlich die bemerkenswerte Solo-CD „bestimmt“ vor – ermöglicht ihr den individuellen Zugang zu ihren Schülerinnen und Schülern. Sie geht sehr genau vor, wartet geduldig auf die eigene Einsicht der Schülerin, kombiniert technische Details mit mentalen Hilfsmitteln und greift erst zu bildhaften Assoziationen, wenn es nicht anders geht – und auch dann geht ihr ein im Grunde banaler Satz wie „Stell dir einen Berg mit wunderschöner Aussicht vor“ hörbar schwer von den Lippen.

Unterfüttert ist Martina Freytags Unterrichtstätigkeit mit einer Körperarbeit, die Elemente von Qigong, Hui Chun Gong und Alexandertechnik vereinigt. Das Repertoire umfasst die ganze Breite vom Oldie bis zur Improvisation. Dass letztere im Unterricht eine Gratwanderung bleibt, ist der Pädagogin bewusst. Also setzt sie die Songs eher behutsam als Material ein und bereitet die Schülerinnen und Schüler sorgfältig auf den „Absprung“ in die Improvisation vor, den sie gerade bei Vokalsolisten als besonders heikel, weil rein emotional verwurzelt, einschätzt. Inzwischen hat Martina Freytag ihre pädagogische Tätigkeit über den eigentlichen Gesangsunterricht hinaus erweitert. Sie berät Profis bei den Feinheiten von Repertoire und Auftritt, gibt ihre Erfahrungen als Moderatorin weiter und bietet Workshops unter dem Motto „Stimmfit für Karriere und Beruf“ an. Dort trainiert sie u. a. die „Business and Professional Women Freiburg“ in Stimmklang, Aussprache und Rhetorik.

Egal, welchem Zweck der Unterricht dient - immer steht für Martina Freytag die Ausformung der individuellen Persönlichkeit des Betreuten im Vordergrund. Sie widmet sich professionellen Performern genauso gerne wie dem schüchternen 13-Jährigen, der aus Interesse an Hip-Hop die Schwellenangst vor dem Gesangsunterricht überwunden hat. Sicher ergeht es ihm bei Martina Freytag besser als dem armen Linus von den „Peanuts“, der in ihrem Studio an der Wand hängt: „Ich kann nicht singen!“, klagt er, und die strenge Lucy schreit ihn einfach an: „Lern’s!“

http://www.martina-freytag.com

Nachtrag zu Judith oder: Wann beginnt eine Kooperation?

Eine umfang- und gedankenreiche "Judith"-Rezension hat Stefan Kister in der heutigen Stuttgarter Zeitung veröffentlicht. Den musikalischen Anteil lobt er als "mit das Beste, was die Staatsoper in aufführungspraktischer Hinsicht auf dem Gebiet Alter Musik zu bieten hat". Ach, wenn es doch so wäre. Dirigent Lutz Rademacher und sein Stellvertreter Jörg Halubek treten als Gäste auf, ebenso die Solisten Daniel Gloger und Nadja Stefanoff (letztere allerdings für ein Ensemblemitglied eingesprungen, aus dem Opernensemble kommt auch der Bassist Matias Tosi), die vier Gesangsstudenten als Chorquartett sind ebenfalls Gäste wie auch das ganze Spezialorchester Il Gusto Barocco - in dem sich dem Anschein nach aber auch Mitglieder des Staatsorchesters finden, das als solches, also als hauseigener Klangkörper offenbar nicht zur Verfügung stand. Fazit: Eigentlich waren Kräfte der Staatsoper an diesem Abend zumindest auf der Bühne fast gar nicht beteiligt (hinter den Kulissen und auf dem Papier immerhin Dramaturg Xavier Zuber). Wiegt man dies und den Begriff "Kooperation" gegeneinander ab, darf man sich schon fragen, ob das in diesem Fall nicht mehr Etikett als Inhalt war. Und ob dies, über Stuttgart hinaus, nicht ziemlich oft genau so ist.

Frieden und Krieg

Die Stuttgarter Philharmoniker eröffnen im Beethovensaal ihre Saisonreihe mit dem Motto „Krieg und Frieden" - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht heute)

Wenn das nicht günstig ist! Als „schwabenkompatibel" pries der Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker, Gabriel Feltz, im Beethovensaal das Programmbuch zur Konzertreihe „Sextett". Nur drei Euro soll es kosten, inklusive CD!, und es umkreist das Saisonmotto „Krieg und Frieden". Bevor Feltz dem Gastdirigenten Gerd Albrecht das philharmonische Pult überließ, beschwor er die gute Nachbarschaft zur Tschechischen Republik, wo ausgerechnet Albrecht in den neunziger Jahren als erster ausländischer Chef der Tschechischen Philharmonie intrigant abgehalftert worden war. Im Beethovensaal stand nun der Philharmonische Chor aus Stuttgarts Partnerstadt Brünn auf dem Podium, und auch die Gesangssolisten waren aus Tschechien angereist.

Mit offenem Hemdkragen dirigierte Gerd Albrecht ein ungewöhnliches Programm, das das Motto zu „Frieden und Krieg" verkehrte. Carl Maria von Webers Konzertstück für Klavier und Orchester und Ludwig van Beethovens Chorfantasie haben gemeinsam, dass sie Experimentierstücke waren, Spielwiesen für Größeres insbesondere im Falle Beethovens, der hier Klaviersolo, Orchester und Chor ungeniert spielerisch kombinierte. Der Pianist Andreas Boyde, als Mensch bescheiden, als Musiker brillant, warf sich engagiert und mit apartem Mienenspiel in seine Solopartien. Dass das Werk von heute aus wie eine naive Miniatur von Beethovens Neunter wirkt, konnten er und die fein abtönenden Philharmoniker nicht verhindern.

Nach der Pause folgte dem friedlichen Geplänkel der musikalische Krieg. Sergej Prokofjews Kantate „Alexander Newski" basiert auf seiner Musik zu Sergej Eisensteins gleichnamigen Film aus dem Jahre 1938. Dieses Kinostück - es geht um einen Konflikt zwischen Russen und Deutschem Orden im 13. Jahrhundert - mutierte nach 1941 flugs zum Durchhaltefilm für die sowjetische Armee.

Unbefangen kann man Prokofjews Kantate deshalb nicht mehr hören. Sie ist ein hochdramatisches Klanggemälde mit bildhafter bis aufdringlicher, gewaltiger bis gewalttätiger Musik, in der Prokofjew streckenweise fast sarkastisch seinem Affen Zucker gab. Gerd Albrecht motivierte die Stuttgarter Philharmoniker mit eingeschränkter Gestik zu guter Leistung, während der Chor zwar korrekt, aber nie wirklich glanzvoll sang. Sehr schöne Töne voll Trauer und Hoffnung bot Jana Sykorova mit angenehm kernigem Mezzosopran. Im nur mäßig besetzten Beethovensaal brandete mehrfach der Jubel.

http://www.stuttgart.de/philharmoniker

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