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Mittwoch, 7. Oktober 2009

Familienaufstellung als Albtraum

Robert Tannenbaum inszeniert Beethovens „Fidelio" in Karlsruhe - ein Fanal der bürgerlichen Republik? - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht heute)

"Die Zeit der Witze ist vorbei", plakatiert das Badische Staatstheater Karlsruhe in markantem Schwarz-Gelb. In diesen Farben ist auch der „Fidelio" am Tag der deutschen Einheit angekündigt. Wer daraus schließt, Beethovens einzige Oper sei in Karlsruhe als Fanal der bürgerlich regierten Republik inszeniert, liegt vielleicht gar nicht so falsch.

Der „neue" Minister, wie es in Abwandlung des Originaltextes heißt, erscheint als Retter im Smoking, umringt vom schick aufgebrezelten Chor, der als Spiegelbild des Premierenpublikums mit den Programmheften winkt. Wer weiß, womöglich hat sich der von einem Großteil dieses Publikums ausgebuhte Regisseur Robert Tannenbaum das Finale erst nach der Bundestagswahl ausgedacht. Allerdings wirkt auch in dieser Produktion die Hymne an Gattenliebe und politische Freiheit aufgesetzt, an die eigentlich fertige Handlung angehängt. Das Eindringen des inszenierten Publikums in den vorher schwarzen Bühnenraum lässt zudem das durchaus raffinierte Kammerspiel kollabieren, das Tannenbaum und sein Ausstatter Peter Werner aus dem Werk destilliert haben.

Ein bewährtes Konzept der Science- Fiction baut darauf, dass sich Zeit und Raum verschieben und überlappen können: Menschen und Ereignisse aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verwirren sich - und was real scheint, ist vielleicht nur Reflexion aus einer anderen Zeit. Im Karlsruher „Fidelio" kommt nun ebenfalls zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört: Alle Beteiligten befinden sich ständig auf der Bühne - und schon vor der Ouvertüre beginnt eine albtraumhafte Familienaufstellung, in der man sich seine Traumata immer wieder vorspielt und die kaum vernarbten Wunden aufreißt. Konzentriert hält die Regie dieses Verwirrspiel durch, das sich nach dem ersten Schreck als ernsthafte Alternative zu den vielen „Fidelio"-Interpretationen zwischen Kolportage und Politik entpuppt.

Aber wie so oft prallt der konzeptionelle Höhenflug hart auf die Wirklichkeit der Bühnenbretter. Vor allem die bieder aufgesagten Dialoge beschädigen die psychologisch fundierte Idee, und Tannenbaum lässt den Darstellern zu viele Standardposen durchgehen. Der halbgare Gesamteindruck hängt auch damit zusammen, dass die Premiere an unzähligen Differenzen zwischen Bühne und Orchester leidet.

Wenn nicht alles täuscht, liegt das nicht an Karlsruhes Generalmusikdirektor Justin Brown. Er verausgabt sich am Pult der Badischen Staatskapelle, bemüht sich um engen Kontakt zur Bühne und spornt das Orchester auf dem Weg zu historisch informiertem Spiel an. Ein Sängerfest war die so genannte „A-Premiere" nicht. Nur der als Stuttgarter Lohengrin ausgebootete, andernorts umso erfolgreichere Lance Ryan als Florestan und Gideon Poppe in der Minirolle des ersten Gefangenen verkörperten ein Niveau, das in Karlsruhe eigentlich an der Tagesordnung sein sollte. Das übrige Ensemble, darunter Christina Niessen, die als Leonore nicht über das nötige Durchhaltevermögen verfügt, erbrachte magere bis durchschnittliche Leistungen.

*

Die B-Premiere in komplett anderer Besetzung findet heute statt. Weitere, dann sängerisch neu gemischte Vorstellungen, folgen am 16. und 31. Oktober.
http://www.staatstheater-karlsruhe.de

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