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Dienstag, 6. Oktober 2009

Reise durch die Nacht

Programmhefttext zum Liederabend von Stella Doufexis und Axel Bauni beim Musikfest Stuttgart 2009 (Konzert am 14.09.2009)

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In dem Musical „Hair“, das auch den Vietnamkrieg thematisiert, ertönt mitten im nächtlich-schwarzen Dschungel eine tröstliche Stimme: „Es wird doch gleich hell!“ Der Journalist Jörg Böckem betitelte den Bericht über seine Drogensucht vor einigen Jahren „Lass mich die Nacht überleben“. Einmal geht es um die blanke Angst in rabenschwarzer Nacht; einmal um eine tiefe innere Dunkelheit, die kein elektrisches Licht dieser Welt zu durchdringen vermag. Gerade Nachtgedanken sind oft so klar, dass es schmerzt, denn wenn ein großer Teil der tagsüber sichtbaren Welt trotz aller Beleuchtungsmöglichkeiten im Dunkel bleibt, schärft dies die Sinne auch um den Preis, dass Unerwünschtes sich in dieses Hell-Dunkel drängt. Viele literarische Werke, gerade auch Gedichte handeln von dieser verschwimmenden Grenze zwischen Tag und Nacht oder von nächtlichen Gefühlen, die von den halb ersehnten, halb unheimlichen Lichtquellen, von Mond und Sternen also beeinflusst werden.

Stella Doufexis und Axel Bauni wagen in ihrem Programm eine Reise durch die Nacht, und das erste Stück – eigentlich ein Morgenlied – kann dafür als Motto stehen. Der unbekannte Textautor des Liedes von Alessandro Scarlatti verknüpft geschickt die Dämmerung mit Tränen und die Sonne mit Trost und würzt dies mit einer Prise Exotik, denn die Sonne geht hier in Indien auf, über dem Ganges. Das Stück erschien in der Sammlung „Arie antiche“ von Alessandro Parisotti, die dieser in den 1880er Jahren zusammenstellte. Die heitere Melodie kann für die schon damals verbreitete Haltung stehen, „alte“ Musik sei schlicht und deshalb gut – Parisotti empfand nämlich die Tonkunst seiner eigenen Zeit als „neurotisch, sprunghaft und voller heftiger Kontraste“.

Aaron Copland ist vor allem durch seine „Fanfare for the Common Man“ bekannt, ein Werk von 1942, das erst durch seine Verwendung bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal weltberühmt wurde. Der vielseitige Komponist, der vom Jazz über Folklore bis zur Zwölftontechnik zahlreiche Stilelemente in sein Oeuvre integriert hat, schrieb auch zahlreiche Lieder, darunter einen Zyklus von zwölf Stücken nach Emily Dickinson (1830-1886), deren erst posthum veröffentliche Gedichte als äußerst fortschrittlich gelten. „Nature, the gentlest mother“, eine zarte Hymne an die Nature, beschreibt im Bild einer verwelkenden Pflanze den Übergang vom Tag zur Nacht, die – auch – den Tod bedeuten kann.

Die Dichtungen von Friedrich Hölderlin haben erst erstaunlich lange Zeit nach dessen Tod die Komponisten zur Vertonung angeregt – der Literat stand außerhalb seiner Zeit. Auch Peter Cornelius, der die meisten Textvorlagen selbst schrieb, nahm sich Hölderlins nur ausnahmsweise an. Der „Sonnenuntergang“ wirkt, lyrisch und gedankenreich in Musik gesetzt, mithilfe eines Sprachbildes: Hier ist es der „Sonnenjüngling“, der ein Abendlied spielt, ein Symbol für einen unvermeidlichen Abschied. Jahrzehnte später vertonte auch Paul Hindemith Hölderlins „Sonnenuntergang“. Einen tieftraurigen Text komponierte 1817 Ludwig van Beethoven in dem Lied „Resignation“, das mit den Worten „Lisch aus, mein Licht“ sicher auch die eigene Lebenssituation spiegelt. Drei Jahre, bevor seine letzte Lieder entstanden, vertont Beethoven die berührenden Worte stockend – laut Vortragsanweisung „sprechend“.

Die zwei folgenden Stücke, ein Ausschnitt aus Arnold Schönbergs großem Melodram „Pierrot lunaire“ (1912) und ein Schubert-Lied von 1820, machen deutlich, dass das die Nacht erhellende Licht von sehr unterschiedlichem Charakter sein kann: Der „nächtig todeskranke Mond“ verstärkt die unheimliche Seite der Nacht, während die funkelnden Sterne als Heilsversprechen gesehen werden. Während Franz Schubert, der eigentliche „Erfinder“ des romantischen Liedes, die beiden Strophen der „Sterne“ in auch musikalisch unterschiedlicher Perspektive gestaltet, wollte Schönberg mit „Pierrot lunaire“ vom konventionellen Gesang möglichst weitgehend Abschied nehmen und forderte Rezitation, wenngleich mit vorgegebenen Tönen und Rhythmen.

Das große – und vielfach unterschätzte – Gewicht, das Gabriel Fauré für die französische „mélodie“ hat, wird in der 1887 entstandenen Vertonung von Verlaines Gedicht „Clair de lune“ mehrfach deutlich: in der ironischen Verkleidung als „Menuett“, in der Wechselwirkung von textnaher musikalischer Prosa und verhüllter Rondoform sowie in der eigenständigen Behandlung von Singstimme und Begleitung. Auch hier ist das Mondlicht ein ambivalenter Aspekt der Nacht, „traurig und schön“ zugleich. Henri Duparc war Faurés Kollege im Vorstand der „Societé nationale de musique“ und bemühte sich wie dieser um eine eigenständige französische Liedästhetik, die jedoch maßgeblich von Richard Wagners Kunst der Deklamation beeinflusst war. „Chanson triste“ ist Duparcs erstes Lied, 1868 entstanden. Erneut geht es um das Mondlicht, das den Komponisten zu einer schwebenden, beinahe starren Vertonung angeregt hat.

Der Morgen graut mit einem „Jugendlied“ von Alban Berg. Nur sieben der 140 Stücke aus jungen Jahren gab der Komponist 1928 in Orchesterfassungen heraus, der Rest blieb fast sechzig weitere Jahre unveröffentlicht. Angeregt durch sein großes Interesse für Literatur, hatte Berg in seinen Lehrjahren bei Arnold Schönberg (1904 bis 1908) noch traditionelle Wege in der Komposition beschritten. Erkennbar ist sein Gespür für musikalische Schönheit, das sich sowohl in diesen romantisch-impressionistischen Jugendliedern wie später in seinen atonalen oder zwölftönigen Werken entfaltet.

1894 widmete Richard Strauss seiner Frau, der Sopranistin Pauline de Ahna vier Lieder – veröffentlicht als op. 27. Die tröstende Vision vom baldigen Glück, „Morgen“, schloss den kleinen Zyklus ab. Berührend ist das Zwiegespräch von Klavier und Gesang (in der Orchesterfassung durch die Solo-Violine noch akzentuiert), das in einen merkwürdig offenen Schluss mündet, als wäre „des Glückes stummes Schweigen“ doch noch gefährdet.

Jesús Guridi prägte das spanische Musikleben seiner Zeit als Komponist, Organist und vor allem als Chorleiter. Aus dieser Praxis ist ein Großteil seines auch Opern und Orchesterwerke umfassenden Oeuvres hervorgegangen. Als Baske komponierte Guridi zahlreiche Volkslieder seiner Heimat, oft gleichzeitig in Chor- und Soloversionen. Der Argentinier Carlos Guastavino hingegen gilt als letzter Vertreter einer nationalen kulturellen Bewegung, wobei er stilistisch eher konservativ blieb und nur gelegentlich Elemente wie Bitonalität in seine Werke einbezog. Seine zumeist in den 1960er Jahren entstandenen Lieder sind stark von der Folklore seines Heimatlandes geprägt.

Abendsonne, Mond, Sterne, Melancholie, Zuversicht wurden besungen, aber was wäre die Nacht ohne die Liebe, die – und das ist wiederum sehr trist – jene einzige Nacht manchmal gar nicht überdauert oder sich als Trug erweist? Die wirren Wege der Liebe, von der nur die Erinnerung bleibt, hat Jean Anouilh in seinem Gedicht „Les chemins de l’amour“ beschrieben, und Francis Poulenc machte daraus 1940 einen ebenso üppigen wie ironischen Walzer. Melancholie in tänzerischer Form - das mag französische „clarté“ sein, die sich von der Konvention abgrenzt, indem sie mit ihr spielt. Ob dies Nachtgedanken sind oder Tagträume? Man weiß es nicht, und es ist eigentlich auch nicht wichtig: „Der eine schläft, der andre wacht, das ist der Lauf der Welt“, so bringt es Shakespeares Hamlet auf den Punkt.

Über Stella Doufexis gibt es beim Künstlersekretariat Gasteig mehr zu lesen, über Axel Bauni bei AMB artistsmanagement.

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