Mit Stimme und Spielwitz erfreut sie das Publikum: Die amerikanische Sopranistin Helene Schneiderman ist seit 25 Jahren im Ensemble der Stuttgarter Staatsoper (Artikel für die Stuttgarter Zeitung, veröffentlicht heute)
Das muss man sich mal vorstellen: Vor 25 Jahren war Helmut Kohl fast noch schlank, seine Partei ruhte sich gemächlich auf einem Wahlergebnis von 49 Prozent aus, das Privatfernsehen schlich sich gerade in die Wohnstuben, und der Wald machte mit dem sauren Regen Bekanntschaft. Zu dieser Zeit zog eine junge Amerikanerin von Heidelberg nach Stuttgart, wo sie der damalige Operndirektor Wolfram Schwinger ins Ensemble geholt hatte. Ein großer Schritt für Helene Schneiderman - und für die Opernwelt.
Seit 25 Jahren also ist Helene Schneiderman, 1998 mit dem Titel „Kammersängerin" geschmückt, Stuttgart und seiner Oper treu. Abstecher zu anderen Bühnen, Konzertgastspiele hier und dort sowie eine Lehrtätigkeit am Salzburger Mozarteum haben den Ruhm der Mezzosopranistin vermehrt, ohne sie doch zu einer freischaffenden Tätigkeit verlocken zu können. Ein Ensemble sei eben wie eine zweite Familie, meint die Sängerin und nimmt dafür in Kauf, dass neben spektakulären Hauptrollen immer wieder auch die kleinen Partien, die sogenannten „Wurzen", auf ihrem Programm stehen. Ausgerechnet in der Jubiläumsspielzeit wird der gefeierte Publikumsliebling in keiner einzigen Stuttgarter Premiere zu erleben sein.
Immerhin wird ihr jetzt am Sonntag die Aufführung der Händel-Oper „Teseo" gewidmet, zum Silberjubiläum - und als Medea dürfte Helene Schneiderman stimmlich und darstellerisch wie gewohnt glänzen. In dieser sonst nicht sehr aufregenden Inszenierung gibt es einen Moment, der vielleicht ein wenig vom Geheimnis der außergewöhnlichen Sängerin lüftet. Da watschelt nämlich, während Schneiderman ihre große Arie singt, ein ferngesteuerter, blinkender Minidrache auf die Bühne und stiehlt der furiosen Medea die Show. Die Sängerin lässt das geschehen, bis sie nach einer Weile das Tierchen in den Arm nimmt und liebkost - eine Umarmungstaktik, mit der die drohende Rivalität entschärft und nebenbei klargestellt wird, wer in dieser Oper den Ton angibt.
Schneiderman weiß durchaus auf der Klaviatur der Diva zu spielen. Da wird beim Fototermin mit der Haartracht kokettiert und das eigentlich längst anstehende Debüt an der Met angemahnt - und ein Telefonat mit dem Mann von der Zeitung geht kurzfristig schon gar nicht. Das Sympathische an der temperamentvollen Sängerin ist aber, dass sie von all dem auch Abstand nehmen und über sich selbst lachen kann. „Wenn sie auf die Probe kommt, lockert sich sofort die Atmosphäre", sagt der Solorepetitor Stephen Hess, der langjährige musikalische Gefährte von Schneiderman. Sie verbinde den Spaß an der Arbeit mit höchster Konzentration, stelle sich stilistisch auf jede Anforderung ein und sei vor jeder neuen Partie auch heute noch ehrlich nervös, erzählt Hess.
Stuttgarts ehemaliger Opernintendant Klaus Zehelein bewundert insbesondere Schneidermans Wandlungsfähigkeit, die „äußerst seltene Verbindung von musikalischer und szenischer Intelligenz mit fulminanter Gesangstechnik" und den Zusammenklang von Individualität und Gemeinsinn: „Helene war, ist und bleibt hoffentlich das Zentrum des Staatsopernensembles. Sie will immer das Beste für die Kunst erreichen", so Zehelein. Das ist wohl der Kern der Sache: Helene Schneiderman beherrscht ihr Metier, ohne daraus eine Attitüde oder gar Allüre zu machen. Als Zuschauer erinnert man sich auch an die Persönlichkeit - und eben nicht nur an die schönen Töne allein.
Auch die Komponistin Adriana Hölszky gerät noch zwanzig Jahre nach der legendären Uraufführung ihrer Oper „Bremer Freiheit", in der Helene Schneiderman die Hauptrolle sang, ins Schwärmen: „Sie hat sich völlig eingesetzt, auch als Mensch, sie hat alle Feinheiten meiner Musik erfasst, sie ist großartig, absolute Spitzenklasse." Seitdem standen für die Sängerin zwar vorwiegend Klassiker wie Händel, Mozart und Rossini auf dem Programm, aber neugierig ist Helene Schneiderman noch immer. Sogar das Twittern hat sie ausprobiert. Da sage noch einer, Kammersängerinnen seien altmodisch.
Die Helene Schneiderman gewidmete Vorstellung von „Teseo" findet am kommenden Sonntag, dem 27. September, um 19 Uhr statt. In Händels Oper singt sie die Medea.
http://www.staatstheater.stuttgart.de