„Gibt es ein sinnlicheres Instrument?“
Jean Guillou musiziert an der Schuke-Orgel der Philharmonie - Beitrag für das Magazin der Berliner Philharmoniker

Jean Guillou? Der Jean Guillou? Zwei Augenpaare leuchten auf. Für die Freunde, die häufig in Paris sind, zählt ein Besuch der Messe in St. Eustache zu den größten Erlebnissen, die die französische Hauptstadt bietet. Das hat weniger mit Religiosität zu tun als mit der Bewunderung für den so genannten Titularorganisten der mitten in Paris gelegenen Renaissancekirche. Das eigenartige Amt kann ganz unterschiedlich bekleidet werden: Manche Musiker erscheinen nur selten persönlich am Instrument ihrer Kirche, andere – und zu diesen zählt Jean Guillou – nehmen den Dienst als umfassende Verpflichtung. An St. Eustache ist deshalb nicht nur jede Messe ein musikalisches Fest, meist gekrönt von einer rasanten Orgelimprovisation; Guillou gibt vor den Gottesdiensten sogar ein Extrakonzert mit eloquenter Einführung.
In Angers, einer mittelgroßen Departementshauptstadt im Westen Frankreichs, kam Jean Guillou 1930 zur Welt. Wie ihn schon als Kind die „Königin der Instrumente“ fasziniert hat, beschreibt er in seinem Buch „L’Orgue – Souvenir et Avenir“, das auch in deutscher Übersetzung vorliegt: „Vor langer Zeit, als ganz kleines Kind, nahm ich mit einem riesigen Schlüssel in der Hand den Weg auf die Orgelempore. Wie ein Abenteurer, der die schlaftrunkenen Wesen der Unterwelt zum Leben erweckt, wagte ich es, der verheißungsvollen Maschine aus ihrem Schatten heraus entgegenzutreten und eine Stimme wachzurufen; eine Stimme des höchsten Streites, des Vergnügens, der zündenden Kraft.“ Das Orgelspiel brachte sich Jean Guillou selbst bei, und er empfindet diese autodidaktische Ausbildung nicht als Nachteil; im Gegenteil: In vielen Fällen sei dieser Weg der einzige, auf dem sich eine musikalische Persönlichkeit individuell ausformen könne, meint der Musiker, der heute an den großen Orgeln in aller Welt konzertiert.
Schon als Zehnjähriger wurde Jean Guillou zum Titularorganisten der Kirche St. Serge in seiner Heimatstadt Angers ernannt und erregte nicht zuletzt mit seiner Improvisationskunst Aufsehen. Auf Empfehlung eines Musikkritikers wurde der kleine Jean dem Komponisten Marcel Dupré vorgestellt, der ihn an die Kollegen Maurice Duruflé und Olivier Messiaen weitervermittelte. Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein am Pariser Conservatoire, denn mit Dupré, Durflé und Messiaen fand der junge Guillou Lehrer und Mentoren, die ihm die fruchtbare Verbindung von Orgelspiel, Pädagogik und Komposition vorlebten. Seine pädagogischen Talente waren zunächst abseits von den großen Musikzentren gefragt: 1955 wurde er als Orgelprofessor nach Lissabon berufen. Als Interpret hatte sich Guillou damals bereits einen guten Namen gemacht, wenngleich ihm erst die Berufung an St. Eustache die Tore zur musikalischen Welt angemessen weit aufschloss. Zwischen Lissabon und Paris aber liegt eine Station, die für Guillou für einige Jahre auch privat bedeutsam war und an die er nun nach langer Zeit wieder zurückkehrt: Berlin. Hier war Jean Guillou 1958 zu einem Konzertgastspiel eingeladen, hier absolvierte er anschließend einen längeren Sanatoriumsaufenthalt, der einen praktischen Nebeneffekt hatte: Der Franzose eignete sich die deutsche Sprache perfekt an – zunächst auf der Basis von Karl-May-Romane, die ein Mitpatient in Unmengen verschlang! Guillou blieb fünf Jahre in Berlin und widmete sich verstärkt der Kompositionstätigkeit, die ein überraschend vielseitiges Oeuvre auch abseits der Orgel hervorgebracht hat. So liegen mehrere Sinfonien und weitere Orchesterwerke vor, die in Deutschland noch nicht aufgeführt wurden, während die Orgelstücke von vielen Musikern bewundert und gespielt werden.
„Gibt es ein sinnlicheres Instrument als dieses?“, fragt Jean Guillou in seinem Orgelbuch, „schöpft nicht jeder Ton sein Leben aus der Luft, die wir atmen, um sich, erfüllt mit den tiefsten und den höchsten Obertönen, mit den innersten Schwingungen unseres Körpers zu vereinen?“ So eindrucksvoll er „sein“ Instrument bewundert, so kompromisslos ist er, wenn er unterrichtet: „L’habitude“, die Gewohnheit, sei das Allerschlimmste, rügt er den allzu routiniert musizierenden Nachwuchs. Die Kunst der Registrierung indes, die Guillou meisterhaft (und in ihrer individuellen Radikalität immer wieder für Diskussionsstoff sorgend) beherrscht, mag er nicht eigentlich „unterrichten“: Sie sei etwas Höchstpersönliches, ein intimer Dialog zwischen Komponist und Interpret.
Der vielseitige Franzose ist ein gefragter Experte für die Konzeption von neuen Orgeln und ein Visionär, der die Zukunft des Instruments durchaus nicht nur in der Kirche sieht. Anknüpfend an antike Vorbilder und Ideen, hat der Franzose eine „Orgel mit variabler Struktur“ erdacht, ein groß dimensioniertes und doch bewegliches Instrument, das die Musik zu den Menschen bringen soll und nicht umgekehrt: „Die mystische oder die mythische Orgel, die eine wie die andere eine Schöpfung des Menschen, wird nur dann Ruhm erlangen, wenn sie sich dem Menschen nähert. Dort wollen wir sie wiedererstehen lassen, in der Nähe des Ohres und des Auges“, erklärt Guillou und träumt lebhaft von einem Konzert mit dieser Orgel auf Berlins Waldbühne. Die Pläne für das variable Instrument sind fertig, der Orgelbauer Klais in Bonn steht bereit, aber noch fehlt der Mäzen, der aus der Vision Wirklichkeit werden lässt.
Die Musik, so sagt Jean Guillou, fange erst in dem Moment an zu existieren, in dem sie gehört wird. „So entdecken wir mit dem Vergnügen zu spielen jenes, ein Werk zu schaffen, dieses Werk ans Licht zu bringen, es an ein anderes Licht zu bringen als jenes, von dem es bei jeder seiner vorhergehenden Aufführungen erhellt worden ist“. Und Jean Guillou wäre nicht Jean Guillou, stellte er nicht auch an seine Hörer hohe Ansprüche. Das Publikum gebe es natürlich nicht, aber das wahre, das ideale Publikum sei eines, das dem Musiker „wie bei einem Ritual assistiere“. Nun spielt der visionäre Intellektuelle und charismatische Vollblutmusiker erstmals in einem Recital die Schuke-Orgel in der Berliner Philharmonie – in einem Saal, an dessen Baustelle er in seinen Berliner Jahren vorbeiflanierte: Ein Kreis schließt sich.
http://www.jeanguillou.org/
http://www.berliner-philharmoniker.de/forum/das-magazin/details/magazin/septokt-2009/

Jean Guillou? Der Jean Guillou? Zwei Augenpaare leuchten auf. Für die Freunde, die häufig in Paris sind, zählt ein Besuch der Messe in St. Eustache zu den größten Erlebnissen, die die französische Hauptstadt bietet. Das hat weniger mit Religiosität zu tun als mit der Bewunderung für den so genannten Titularorganisten der mitten in Paris gelegenen Renaissancekirche. Das eigenartige Amt kann ganz unterschiedlich bekleidet werden: Manche Musiker erscheinen nur selten persönlich am Instrument ihrer Kirche, andere – und zu diesen zählt Jean Guillou – nehmen den Dienst als umfassende Verpflichtung. An St. Eustache ist deshalb nicht nur jede Messe ein musikalisches Fest, meist gekrönt von einer rasanten Orgelimprovisation; Guillou gibt vor den Gottesdiensten sogar ein Extrakonzert mit eloquenter Einführung.
In Angers, einer mittelgroßen Departementshauptstadt im Westen Frankreichs, kam Jean Guillou 1930 zur Welt. Wie ihn schon als Kind die „Königin der Instrumente“ fasziniert hat, beschreibt er in seinem Buch „L’Orgue – Souvenir et Avenir“, das auch in deutscher Übersetzung vorliegt: „Vor langer Zeit, als ganz kleines Kind, nahm ich mit einem riesigen Schlüssel in der Hand den Weg auf die Orgelempore. Wie ein Abenteurer, der die schlaftrunkenen Wesen der Unterwelt zum Leben erweckt, wagte ich es, der verheißungsvollen Maschine aus ihrem Schatten heraus entgegenzutreten und eine Stimme wachzurufen; eine Stimme des höchsten Streites, des Vergnügens, der zündenden Kraft.“ Das Orgelspiel brachte sich Jean Guillou selbst bei, und er empfindet diese autodidaktische Ausbildung nicht als Nachteil; im Gegenteil: In vielen Fällen sei dieser Weg der einzige, auf dem sich eine musikalische Persönlichkeit individuell ausformen könne, meint der Musiker, der heute an den großen Orgeln in aller Welt konzertiert.
Schon als Zehnjähriger wurde Jean Guillou zum Titularorganisten der Kirche St. Serge in seiner Heimatstadt Angers ernannt und erregte nicht zuletzt mit seiner Improvisationskunst Aufsehen. Auf Empfehlung eines Musikkritikers wurde der kleine Jean dem Komponisten Marcel Dupré vorgestellt, der ihn an die Kollegen Maurice Duruflé und Olivier Messiaen weitervermittelte. Es muss eine aufregende Zeit gewesen sein am Pariser Conservatoire, denn mit Dupré, Durflé und Messiaen fand der junge Guillou Lehrer und Mentoren, die ihm die fruchtbare Verbindung von Orgelspiel, Pädagogik und Komposition vorlebten. Seine pädagogischen Talente waren zunächst abseits von den großen Musikzentren gefragt: 1955 wurde er als Orgelprofessor nach Lissabon berufen. Als Interpret hatte sich Guillou damals bereits einen guten Namen gemacht, wenngleich ihm erst die Berufung an St. Eustache die Tore zur musikalischen Welt angemessen weit aufschloss. Zwischen Lissabon und Paris aber liegt eine Station, die für Guillou für einige Jahre auch privat bedeutsam war und an die er nun nach langer Zeit wieder zurückkehrt: Berlin. Hier war Jean Guillou 1958 zu einem Konzertgastspiel eingeladen, hier absolvierte er anschließend einen längeren Sanatoriumsaufenthalt, der einen praktischen Nebeneffekt hatte: Der Franzose eignete sich die deutsche Sprache perfekt an – zunächst auf der Basis von Karl-May-Romane, die ein Mitpatient in Unmengen verschlang! Guillou blieb fünf Jahre in Berlin und widmete sich verstärkt der Kompositionstätigkeit, die ein überraschend vielseitiges Oeuvre auch abseits der Orgel hervorgebracht hat. So liegen mehrere Sinfonien und weitere Orchesterwerke vor, die in Deutschland noch nicht aufgeführt wurden, während die Orgelstücke von vielen Musikern bewundert und gespielt werden.
„Gibt es ein sinnlicheres Instrument als dieses?“, fragt Jean Guillou in seinem Orgelbuch, „schöpft nicht jeder Ton sein Leben aus der Luft, die wir atmen, um sich, erfüllt mit den tiefsten und den höchsten Obertönen, mit den innersten Schwingungen unseres Körpers zu vereinen?“ So eindrucksvoll er „sein“ Instrument bewundert, so kompromisslos ist er, wenn er unterrichtet: „L’habitude“, die Gewohnheit, sei das Allerschlimmste, rügt er den allzu routiniert musizierenden Nachwuchs. Die Kunst der Registrierung indes, die Guillou meisterhaft (und in ihrer individuellen Radikalität immer wieder für Diskussionsstoff sorgend) beherrscht, mag er nicht eigentlich „unterrichten“: Sie sei etwas Höchstpersönliches, ein intimer Dialog zwischen Komponist und Interpret.
Der vielseitige Franzose ist ein gefragter Experte für die Konzeption von neuen Orgeln und ein Visionär, der die Zukunft des Instruments durchaus nicht nur in der Kirche sieht. Anknüpfend an antike Vorbilder und Ideen, hat der Franzose eine „Orgel mit variabler Struktur“ erdacht, ein groß dimensioniertes und doch bewegliches Instrument, das die Musik zu den Menschen bringen soll und nicht umgekehrt: „Die mystische oder die mythische Orgel, die eine wie die andere eine Schöpfung des Menschen, wird nur dann Ruhm erlangen, wenn sie sich dem Menschen nähert. Dort wollen wir sie wiedererstehen lassen, in der Nähe des Ohres und des Auges“, erklärt Guillou und träumt lebhaft von einem Konzert mit dieser Orgel auf Berlins Waldbühne. Die Pläne für das variable Instrument sind fertig, der Orgelbauer Klais in Bonn steht bereit, aber noch fehlt der Mäzen, der aus der Vision Wirklichkeit werden lässt.
Die Musik, so sagt Jean Guillou, fange erst in dem Moment an zu existieren, in dem sie gehört wird. „So entdecken wir mit dem Vergnügen zu spielen jenes, ein Werk zu schaffen, dieses Werk ans Licht zu bringen, es an ein anderes Licht zu bringen als jenes, von dem es bei jeder seiner vorhergehenden Aufführungen erhellt worden ist“. Und Jean Guillou wäre nicht Jean Guillou, stellte er nicht auch an seine Hörer hohe Ansprüche. Das Publikum gebe es natürlich nicht, aber das wahre, das ideale Publikum sei eines, das dem Musiker „wie bei einem Ritual assistiere“. Nun spielt der visionäre Intellektuelle und charismatische Vollblutmusiker erstmals in einem Recital die Schuke-Orgel in der Berliner Philharmonie – in einem Saal, an dessen Baustelle er in seinen Berliner Jahren vorbeiflanierte: Ein Kreis schließt sich.
http://www.jeanguillou.org/
http://www.berliner-philharmoniker.de/forum/das-magazin/details/magazin/septokt-2009/
kulturchronist - 21. Sep, 13:17















