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Montag, 22. Juni 2009

Der Weg in die Katastrophe

„Eugen Onegin“ in einer Produktion der Musikhochschule – Rezension für die Stuttgarter Zeitung, veröffentlicht am 12.06.2009

Manchmal spielen Kinder „erwachsen“, und nicht wenige Erwachsene verhalten sich, milde gesagt, hin und wieder kindlich. Wenn Jugendliche sich überfordern mit Coolness oder übergroßem Gefühl und Herangewachsene partout nicht reifen wollen, kann das peinlich sein – oder katastrophal. In dieser prekären Grauzone bewegen sich die Figuren in Peter Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“. Dass es sich bei den Hauptpersonen um halbe Kinder handelt, zeigt die Inszenierung von Matthias Schönfeld mit Studierenden der Stuttgarter Musikhochschule im Wilhelma-Theater in bestürzender Klarheit.

So zahlt sich die Kühnheit aus, „Eugen Onegin“ in derselben Saison zu zeigen wie die Staatsoper. Dass die Musikhochschule, nimmt man es sportlich, mindestens ein Remis erzielt, liegt nicht nur an der jungen Besetzung der Hauptrollen, deren Darsteller mit ihren russisch gesungenen Partien kaum einmal überfordert sind. Ein kleiner Geniestreich ist auch die Bühne von Kersten Paulsen: Sie nimmt den schmucken Zuschauerraum des Wilhelma-Theaters auf, dekoriert sparsam mit variablen Stuhlreihen und schafft verblüffend weite Räume, in denen Schönfelds subtile Personenregie ihre werkdienlich intensive Wirkung entfalten kann.

Mit dem Stuttgarter Kammerorchester und Mitgliedern des Hochschulorchesters lichtet der Dirigent Per Borin die zartgliedrige Musik fein ausbalanciert auf. Das tut den Sängern gut, von denen Larissa Ciulei als Tatjana die souveränste Leistung erbringt und den erzwungenen Wandel vom Backfisch zur schönen Frau glaubhaft macht. Byeong In Park steht ihr als kerniger Titelheld kaum nach, und Hyun Ouk Cho als sein Freundfeind Lenski legt in seiner anrührend gestalteten Arie die vorher hinderliche Nervosität ab. Prima besetzt waren auch die kleineren Rollen in diesem Ensemblestück – alles in allem eine imponierende Leistung.

http://www.wilhelma-theater.de

Puzzle 1989 (12)

Literaturempfehlung: Ilko-Sascha Kowalczuks "Endspiel" (hier bei den Perlentauchern). Und Besuchsempfehlung: Diese Ausstellung in der Deutschen Kinemathek Berlin. Bei den privaten Fotos von der Maueröffnung wurde mir ganz warm ums Herz, aber die Desillusionierung folgte prompt: "Ich war ein Weimar, so viel Dreck habe ich noch nie gesehen, da fahre ich nicht wieder hin", mault eine Wessitussi in einem Fernsehbericht. Kommt mir auch bekannt vor.

Puzzle 1989 (11)

Besuch in Berlin, fast zehn Jahre "danach". Erstmals die Gedenkstätte in Hohenschönhausen besucht - zu Beginn der Führung sammelt der Mitarbeiter die Interessenten ein: "Wollen Sie zum öffentlichen Rundgang?" Ein Besucher, im typischen Adler-Seniorendress, leicht schwäbelnd: "Öffentlicher Rundgang? Ich will erstmal ein Eis." Solch kindliches Verhalten fällt doppelt auf an einem Ort, der mich furchtbar bedrückt hat und an dem ich während der Führung mehrfach mit den Tränen kämpfen musste. Es macht mich wütend nachzuempfinden, wie dort Menschen in so genannter Untersuchungshaft von der Stasi gefangen gehalten und körperlich oder psychisch gefoltert wurden. Und es macht mich wütend, wenn da jemand "erstmal ein Eis" haben möchte und - das würde passen - es dort im Grunde ganz gemütlich findet. Unrechtsstaat? Ach nee, es gab doch auch so nette Seiten. - Während des Berlinbesuchs diskutierte ich auch mit einem (ostdeutschen) Freund über dies und das, und seine italienische Lebensgefährtin wird sich gewundert haben über unsere typisch deutschen Ost-West-Kisten. Und doch, so sehr ich es verstehe, dass das Leben nicht erst 1989 beginnen kann: Wenn behauptet wird, ein ganzes Volk habe damals seine Identität verloren, aber - und hier spinne ich das Gespräch fiktiv weiter! - außer Ampelmännchen und Polikliniken nichts an "Identität" beschrieben werden kann - dann grummelt es bei mir. Nur ein einziges Argument hat mich berührt, das ich anderswo aufschnappte: Es sei in der DDR nicht ständig ums Geld gegangen. Ob das so pauschal stimmt, kann ich nicht unanfechtbar beurteilen. Aber es ging auch "im Westen" früher, also in den Achtzigern, nicht so sehr ums Geld wie heute. Das ist ein wichtiger Punkt, finde ich: Deutschland hätte sich, wie die Welt im Ganzen, in zwanzig Jahren ohnehin verändert, und wer damals davon träumte, eine bessere DDR zu bekommen und zu behalten, hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert. Selbst unter der Regierung von Exkommunisten haben sich die östlichen Nachbarstaaten eher noch radikaler verändert und gen Westen orientiert. Ach, es ist eine komplizierte Welt, nicht wahr? Aber gerade deswegen sollte man nicht nostalgisch vereinfachen und als "sozial" verbrämen, was Unrecht war.

Also von daher...

In der ersten Ausgabe der neu gestalteten Stuttgarter Zeitung (also vorgestern) spießt der geschätzte Sprachkritiker Ruprecht Skasa-Weiß das "Patentwort 'von daher'" auf, das in den meisten Fällen mithilfe geringer geistiger Anstrengung durch ein passenderes Wörtchen wie "darum" ersetzt werden könne. Stimmt. Aber ach, Herr Skasa-Weiß, es ist ja noch viel schlimmer! In den letzten Jahren hat sich bei vielen Mitmenschen die Unsitte ausgebreitet, die Wendung "von daher" (meistens noch mit einem "also" davor) einfach an jeden beliebigen Satz anzuhängen. Das soll das Gesagte vermutlich "irgendwie" unterstreichen - aber zumindest ich warte dann immer auf eine Fortsetzung: "von daher" muss doch noch "irgendwas" kommen, oder? Noch schlimmer, aber zum Glück seltener, ist das Anhängen von einem gedehnten "und" an einen Satz - am besten noch so mit leicht amerikanischem Akzent: "ooooouuuhooonnnd". Ja, und?

Ungerecht

Der wunderbare Louis Begley in der frisch renovierten Stuttgarter Zeitung (befragt von Tim Schleider u.a. zum Thema Guantánamo): "Sehen Sie, genau das ist meine tiefe Überzeugung, meine Moral: Es ist viel schlimmer und verwerflicher, wenn ein Unschuldiger Ungerechtigkeit erleidet, als wenn ein Schuldiger womöglich unbestraft bleibt. Der Schaden für eine Gesellschaft, für unser Zusammenleben ist im ersten Fall weitaus größer als im zweiten." So ist es - und es wurde mir in aller Schärfe wieder deutlich beim Besuch der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen sowie beim Wiedersehen mit den Kempowski-Verfilmungen. Aber dazu später im puzzle 1989.

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