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Freitag, 29. Mai 2009

Puzzle 1989 (6)

Eurovision Song Contest 1990: „Keine Mauern mehr“, „Brandenburger Tor“, „Frei zu leben“. Es fing an, ein bisschen nervig zu werden.

Das Defilee der Dirigenten oder Wie finde ich einen Chef?

Zahlreiche Debüts prägen die neue Saison des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart - Bericht für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht heute)

Laut Fremdwörterbuch ist ein „Defilee“ das „feierliche Vorbeischreiten einzelner Personen an hochgestellten Gastgebern“, in alter Militärsprache bedeutete der fast vergessene Begriff einen Engpass, durch den sich die Kolonne schlängeln musste. Stellt man sich die Konzertsaison 2009/10 des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart (RSO) im Zeitraffer vor, wäre das Dirigentenpult der Engpass für eine lange Reihe von Dirigenten, die an den Gastgebern – als die man sich nach Belieben das Orchester oder das Publikum vorstellen darf – vorbeizuschreiten hätten. Es wimmelt in der neuen Spielzeit von erstmalig oder in erster Wiederholung eingeladenen Gastdirigenten, und der Orchestermanager Felix Fischer macht kein Geheimnis daraus, dass dies eine weitere Runde in der Suche nach dem Nachfolger für den Chefdirigenten Sir Roger Norrington bedeutet. Auch angesichts der knapp werdenden Zeit – Norrington scheidet im Sommer 2011 aus – wolle man Sorgfalt vor Eile walten lassen und sich nicht unter Druck setzen, sagt Fischer. Gegebenenfalls werde eben der Erste Gastdirigent Andrey Boreyko in einer cheflosen Saison für Kontinuität sorgen.

Es wird also spannend, da man ein weiteres Jahr hindurch vielleicht nicht jeden, aber doch einige der Gäste als Kandidaten für die Chefstelle betrachten darf. Kaum in Frage kommen dafür die französischen Altmeister Michel Plasson und Serge Baudo, die im Oktober bzw. Juni überwiegend Musik aus ihrem Heimatland vorstellen. Auch der erst 16-jährige Venezuelaner Ilyich Rivas, der sich in der Konzertreihe „RSO afterWork“ im April u.a. mit Respighis pompösen „Fontane di Roma“ befassen soll, dürfte noch nicht auf den Posten spekulieren. Horcht man Felix Fischers fein abgestuften Belobigungen, dürfte ein heißer Tipp der Däne Thomas Dausgaard sein, der im Oktober gemeinsam mit der jungen Pianistin Lise de la Salle die Reihe der zehn Abonnementskonzerte eröffnen darf. „Ein ganz wichtiges Debüt“ sei das, so Fischer; Dausgaard sei „ausgezeichnet auch für die zeitgenössische Musik“, außerdem „psychologisch geschickt und teamfähig“ – ein Schelm, der da keine Präferenz heraushören mag.

Aber genug der Spekulation! Auch Bertrand de Billy (Dezember, gemeinsam mit Pascal Rogé am Klavier) und Hans Graf (März, mit dem Bratscher Antoine Tamestit) debütieren am Pult des RSO; der Tscheche Jakob Hrusa leitet im Februar erstmals ein Abonnementskonzert, das ein Wiedersehen mit der Geigerin Hilary Hahn ermöglicht. Den Briten Michael Francis, kürzlich virtuos für André Previn eingesprungen, hat sich das RSO für mehrere Termine im März gesichert, und in den Mittagskonzerten gastieren Christopher Hogwood (Oktober), Alexander Liebreich (November) und Marc Albrecht (Juni). Es ist aber nicht nur für Abwechslung an Gesichtern gesorgt. Auch die Programme sind – von thematischen Vorgaben und Zwängen befreit – in der Saison 2009/10 besonders vielfarbig. Sir Roger Norrington bringt seine Brahms-, Schumann- und Bruckner-Zyklen zu Ende und stellt mit Michael Tippetts Oratorium „A Child of Our Time“ im Januar ein weiteres Glanzstück englischer Kompositionskunst vor. Andrey Boreyko hat sich ein eigenwilliges Juni-Programm mit Schostakowitsch, Wagner und Rossini ausgedacht. Solisten wie Daniel Hope (im April mit dem Brahms-Violinkonzert), Jean-Guihen Queyras (Schumanns Cellokonzert im Juli) und Alina Ibragimova (mit Ravels „Tzigane“ im Dezember) gesellen sich zum bunten Defilee, das in den Mittagskonzerten von Kerstin Gebel und in den afterWork-Programmen von Bernadette Schoog, Matthias Holtmann und Malte Arkona moderiert wird.

SWR-Musikchefin Dorothea Enderle hob bei der Vorstellung des RSO-Saisonprogramms auch hervor, dass sich die Aufführung zeitgenössischer Musik längst zur Selbstverständlichkeit entwickelt habe und sich nicht nur in Spezialveranstaltungen, sondern auch im Abonnementsbetrieb problemlos manifestiere. In der kommenden Spielzeit prägen einige Werke von Wolfgang Rihm mehrere der Konzertprogramme. So dirigiert Roger Norrington im November Rihms „Two Other Movements“, im Februar steht „IN-SCHRIFT“ auf dem Programm, und zum „attacca-Tag“ am 5. Dezember, für den der Neue-Musik-Redakteur Hans-Peter Jahn verantwortlich zeichnet, erklingt Rihms „Schattenstück“. Jahn bringt dort und im Konzert zum Eclat-Festival im Februar bewusst „ältere“ Komponisten wie Rihm und Hans-Joachim Hespos mit jungen Tonsetzern wie Markus Hechtle und Daniel Smutny zusammen. Zehn Uraufführungen sind zu den genannten Anlässen angekündigt, bei denen – wie schon im „Abo plus“-Konzert der RSO-Reihe im März – auch das SWR Vokalensemble mit seinem Leiter Marcus Creed eine herausragende Rolle spielen wird.

Fortgesetzt werden die Kinder- und Jugendarbeit, die von der Konzerteinführung über eine Schreibwerkstatt bis zum Tonmeisterworkshop reicht, sowie die Kammermusikreihe „Podium RSO“ im Neuen Schloss, wo sich die Mitglieder des Orchesters in munter wechselnder Besetzung vorstellen. Fleißig ist das RSO auch außerhalb Stuttgarts und weit über das Sendegebiet des SWR hinaus. Stolz gespannt schaut man insbesondere einer weiteren Asien-Tournee entgegen, die als Höhepunkt das Eröffnungskonzert der Expo 2010 in Shanghai enthält – sozusagen als weltliches Pendant zum unvergessenen Geburtstagskonzert für den Papst vor gut zwei Jahren.

Das gesamte Programm ist unter http://www.swr.de/rso abzurufen.

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