Scheckkarte in fis-Moll oder: In die Geige blies denn doch niemand
Konzert des Ensembles "ascolta" im Theaterhaus - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht am 23.05.2009)
Rund zwei Jahre lang haben die sieben Musiker des Stuttgarter Ensembles Ascolta, das sich konsequent dem Neuesten und Allerneuesten widmet, mit sieben im kalifornischen San Diego ausgebildeten Komponisten an einem „Dialogue Experiment" gearbeitet. Ständiger Austausch führte zu einem Ergebnis, das den Werkcharakter ganz folgerichtig verweigert - der gruppendynamische Prozess ist dem musikalischen Resultat gleichsam einkomponiert. Mit Jonathan Stockhammer am Dirigentenpult präsentierte Ascolta dieses Ergebnis - nach Stationen in Donaueschingen und Wien - nun einem zahlenmäßig kleinen Publikum im Stuttgarter Theaterhaus. Es machte damit nachhaltigen Eindruck, warf aber zugleich auch ganz grundsätzliche Fragen auf.
In den schriftlichen Informationen liest man von den Komponisten Rick Burkhardt, Chaya Czernowin, Peter Ivan Edwards, Michelle Lou, Chris Mercer, Ming Tsao und Robert Wannamaker viel Kluges und manch Überflüssiges. Einer prahlt mit „umfangreicher Erfahrung mit den Sumpf- und Marschgebieten des amerikanischen Südens", ein anderer öffnet im Nebensatz der Ignoranz gegenüber Neuer Musik ein Scheunentor: „In diesem geschichtlichen Stadium sollten alle Kaiser froh sein, keine Kleider zu tragen." Auch die Mitteilung, dass die Arbeiten von einem „zwölfsekündigen Klang" ausgehen und durch „zwischenräumliches Material" strukturiert werden, hilft dem Hörer wenig. Womöglich kommt man dem ehrgeizigen Projekt also erst nach Abwurf dieses Gedankenballasts näher - zumal dem Hörer die Information verweigert wird, wer welchen Abschnitt der Komposition geschrieben hat, ein vergleichendes Urteil sich also erübrigt.
Neue Musik fasziniert schließlich auch nicht durch gruppendynamische Prozesse, sondern durch immer wieder überraschende Ergebnisse. Und da gab es in diesen neunzig Minuten mit dem Ensemble Ascolta allerhand zu erleben. Sein Instrumentarium reicht vom fantasievoll gehandhabten Standardinventar bis zu verdrahteten Handschuhen, aufgehängten Topfdeckeln, einem Säckchen voller Murmeln und, ja doch, einer Scheckkarte. Mit hoher Konzentration und tiefem Ernst wird Musik gemacht, teils durch abstrakte Geräuscherzeugung, teils unter Einbeziehung des gesprochenen Wortes und szenischer Elemente. Besagte Sumpflandschaft manifestiert sich in einem wunderschönen Notturno aus Naturklängen und Elektronik - und wenn die Musiker sich zwischendurch um den Flügel versammeln, tönt es, erfrischend ironisch, plötzlich wie im bürgerlichen Salon. Man darf, im sonst strengen Diskurs, im Theaterhaus also auch lächeln.
http://www.ascolta.de
Rund zwei Jahre lang haben die sieben Musiker des Stuttgarter Ensembles Ascolta, das sich konsequent dem Neuesten und Allerneuesten widmet, mit sieben im kalifornischen San Diego ausgebildeten Komponisten an einem „Dialogue Experiment" gearbeitet. Ständiger Austausch führte zu einem Ergebnis, das den Werkcharakter ganz folgerichtig verweigert - der gruppendynamische Prozess ist dem musikalischen Resultat gleichsam einkomponiert. Mit Jonathan Stockhammer am Dirigentenpult präsentierte Ascolta dieses Ergebnis - nach Stationen in Donaueschingen und Wien - nun einem zahlenmäßig kleinen Publikum im Stuttgarter Theaterhaus. Es machte damit nachhaltigen Eindruck, warf aber zugleich auch ganz grundsätzliche Fragen auf.
In den schriftlichen Informationen liest man von den Komponisten Rick Burkhardt, Chaya Czernowin, Peter Ivan Edwards, Michelle Lou, Chris Mercer, Ming Tsao und Robert Wannamaker viel Kluges und manch Überflüssiges. Einer prahlt mit „umfangreicher Erfahrung mit den Sumpf- und Marschgebieten des amerikanischen Südens", ein anderer öffnet im Nebensatz der Ignoranz gegenüber Neuer Musik ein Scheunentor: „In diesem geschichtlichen Stadium sollten alle Kaiser froh sein, keine Kleider zu tragen." Auch die Mitteilung, dass die Arbeiten von einem „zwölfsekündigen Klang" ausgehen und durch „zwischenräumliches Material" strukturiert werden, hilft dem Hörer wenig. Womöglich kommt man dem ehrgeizigen Projekt also erst nach Abwurf dieses Gedankenballasts näher - zumal dem Hörer die Information verweigert wird, wer welchen Abschnitt der Komposition geschrieben hat, ein vergleichendes Urteil sich also erübrigt.
Neue Musik fasziniert schließlich auch nicht durch gruppendynamische Prozesse, sondern durch immer wieder überraschende Ergebnisse. Und da gab es in diesen neunzig Minuten mit dem Ensemble Ascolta allerhand zu erleben. Sein Instrumentarium reicht vom fantasievoll gehandhabten Standardinventar bis zu verdrahteten Handschuhen, aufgehängten Topfdeckeln, einem Säckchen voller Murmeln und, ja doch, einer Scheckkarte. Mit hoher Konzentration und tiefem Ernst wird Musik gemacht, teils durch abstrakte Geräuscherzeugung, teils unter Einbeziehung des gesprochenen Wortes und szenischer Elemente. Besagte Sumpflandschaft manifestiert sich in einem wunderschönen Notturno aus Naturklängen und Elektronik - und wenn die Musiker sich zwischendurch um den Flügel versammeln, tönt es, erfrischend ironisch, plötzlich wie im bürgerlichen Salon. Man darf, im sonst strengen Diskurs, im Theaterhaus also auch lächeln.
http://www.ascolta.de
kulturchronist - 23. Mai, 18:23















