Lenz und Munro
Schweigeminute von Siegfried Lenz wurde als ebenso "keusch" wie "erotisch" beschrieben, von "älteren Rezensenten", wie der offenbar jüngere Kollege beim Deutschlandradio maliziös anmerkte. Da sieht man mal, wie ungewöhnlich es inzwischen ist, dass ein Liebesakt in einem Roman nicht in allen Details beschrieben oder mit Assoziationen respektive Unterströmungen von Gewalt oder Psychose befrachtet wird. "Sie liebten sich im Sand" - na und? Ist doch prima! (Und weder keusch noch besonders erotisch - um so besser). Ein schönes Buch. Weniger "schön" im inhaltlichen Sinne ist die Erzählung "Der Bär kletterte über den Berg" in dem Band Himmel und Hölle von Alice Munro. Hier beschreibt die kanadische Autorin lakonisch und doch eindringlich, wie eine Frau demenzkrank wird und wie ihr Mann darauf reagiert. "Eines dieser kurzen und freundlichen und in die Verzweiflung treibenden Gespräche", so formuliert sie ebenso knapp wie treffend, was ich tagtäglich am Telefon und alle paar Wochen unmittelbar erlebe. Seltsam, dass eine solche Lektüre, die nichts beschönigt, letztlich doch ein bisschen tröstet.
kulturchronist - 13. Jun, 10:40

















