Susanne Hinkelbeins „Stadtoper“ bringt Esslingen in klingende Bewegung - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Aufführungen am 14. und 15. September 2007)
Mit der Planung ist es so eine Sache: An zwölf Orten der Esslinger Altstadt sollte sich Susanne Hinkelbeins „Stadtoper“ innerhalb des Kulturfestes „Stadt im Fluss“ entfalten, ein Dutzend Teilaufführungen durch ortsansässige Ensembles und Künstler auf die Minute genau gleichzeitig stattfinden, das flanierende Publikum an beliebiger Stelle den Parcours von musiktheatralischen, instrumentalen oder gesprochenen Szenen beginnen können. Voller Phantasie hatte die in Esslingen aufgewachsene Komponistin für zwei Vorstellungen Motive aus der Stadtgeschichte mit Exkursen zum Thema „Bewegung und Stillstand“ unter besonderer Berücksichtigung des Wassers verknüpft, und Solvejg Bauer als Regisseurin spürte mit der Ausstatterin Karin von Kries reizvolle Örtlichkeiten auf – schöne Partien am Neckar ebenso wie spotthässliche Betonbauten. Aber ach, schon bei der dritten Station geriet der Zeitplan ins Rutschen, wusste man als Zuschauer nicht immer genau, was Anfang war und was Ende. Und trotz zügiger Fortbewegung hatte der Rezensent nur zehn der zwölf Stationen abgeschritten, als die Bläserfanfaren aus luftigen Höhen vom Ende der Stadtoper kündeten.
Aber vielleicht ist Vollständigkeit auch gar nicht so wichtig. Denn ist nicht gerade dies typisch für eine Stadt: dass man sie nie als Gesamtheit wahrnehmen kann? Und dass sich einiges tönend ins Gehege kam, der zarte Klang von Männerchor und Akkordeon vom 100 Meter weiter wummernden Bum-Bum eines Rappers bedroht wurde, gliedert sich in diese Wahrnehmung durchaus ein: Wie sollte man im heutigen urbanen Leben Geräuschquellen sauber auseinander halten? Und, ist man versucht weiterzudenken, vermutlich war das auch in Zeiten ohne Auto und Lautsprecher ein Merkmal der Stadt an sich.
Insofern war die Stadtoper als Idee und in weiten Teilen der Ausführung ein Geniestreich, zumal gerade Esslingen sich wie nur wenige urbane Ansiedlungen „lesen“ lässt wie ein offenes und noch dazu aufs Schönste illustriertes Buch. Ein umfangreiches Buch außerdem, von dem sich mithilfe der Stadtoper nur einige, aber sehr eindrückliche Seiten aufschlagen ließen: Schwäbelnde Kanalarbeiter philosophieren über die Mitte der Welt; ein nur halb reisefreudiger Chor besingt Brücken in aller Herren Länder, um dann doch das Brückle am Haus Kesselwasen 16/2 zu preisen; drei flotte Kellnerinnen streiten sich mit einem weiteren Chor über die Tauglichkeit der Esslinger für die Großindustrie. Das meiste ist zum Schmunzeln geeignet, manches macht nachdenklich, und lernen tut man auch noch was. Susanne Hinkelbein hat außerdem immer den richtigen Ton getroffen und bewegt sich traumwandlerisch in vielen musikalischen Metiers von einer Fuge aus Straßennamen bis zum herb-schönen geistlichen Gesang.
Ein bündiges Urteil über die Inhalte und die Ausführenden indes ist nicht so einfach. Die höchst unterschiedlichen Spielorte machten eine vergleichbare Wahrnehmung praktisch unmöglich – stand man akustisch günstig, konnte man nicht immer gut sehen, andernorts war es gerade umgekehrt. Also: Ein pauschales Hurra allen Beteiligten von den Schauspielern über die Chorleiter bis zur Tontechnik sowie der logistisch dezent helfenden Württembergischen Landesbühne (und nicht zuletzt dem Wettergott): Das waghalsige Projekt ist fabelhaft gelungen. Dass man im einen oder anderen Fall hätte besser singen oder geschickter schauspielern können: geschenkt. Bezaubert vom Gesamteindruck dieses prächtigen Abends, kauft man nicht einmal dem sanften Rapper Tobias Borke sein Fazit ab: ES (sprich Esslingen) „kotzt“. Nein, das ganz gewiss nicht.
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