Oper als Erbe
Die Stuttgarter Staatsoper stellt derzeit Entwürfe von Herbert Wernicke aus, dem Opernintendant Puhlmann langjährig als Dramaturg verbunden war. Eins der ebenfalls präsentierten Zitate spricht von der Oper, die im Gegensatz zu Film und Fernsehen als einzige Kunstform "eine andere Wirklichkeit zeigen" könne. Ich finde es zwar zu einfach, Oper und Theater gegen Film und Fernsehen auszuspielen (denn ebenso wie diese große Kunst sein können, kann Theater unendlich banal sein). Aber ich möchte doch einige Gedanken anschließen, nicht ganz zufällig am Vorabend der Stuttgarter Premiere von "Jenufa". Wenn doch Oper eine "andere Wirklichkeit" abbilden kann, warum streben dann so viele Musiktheaterleute danach, auf der Bühne die alltäglichste Wirklichkeit zu zeigen? Oder das, was uns von den Medien als Wirklichkeit aufgedrängt wird: Gewalt, Blut, Dreck - und diese sind doch nicht per se von den Komponisten, Textern und Werken gefordert. Ich tute ungern in das gleiche Horn wie die, die der modernen Opernregie vorwerfen, sie setze nur Komplexe und Sehnsüchte ihrer Macher ins Bild. Aber ruinieren wir vielleicht nicht doch unser Erbe, wenn wir Inszenierungen zeigen, die die Grundkenntnis des Werkes nonchalant voraussetzen, um auch nur ansatzweise verstanden zu werden? Ruinieren wir die Gattung Oper womöglich, wenn wir uns schlichtweg weigern, ganz traditionell Geschichten zu erzählen? Wenn wir behaupten, nur in Jeans und mehrfach vergewaltigt verdeutliche uns eine Opernfigur, was sie hier und heute zu sagen hätte? Denn nicht "neu erzählt" wird, was sich dem Verständnis des interessierten Besuchers verschließt: Es wird letzten Endes überhaupt nicht erzählt.
kulturchronist - 13. Jan, 23:18

















