Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe als Gegenstand der Bachwoche Stuttgart (Beitrag zum Programmheft; Bachwoche Stuttgart vom 17.-25.03.2011)
Dass schon der erste Titel der Podiumsgespräche zu dieser Bachwoche mit einem Fragezeichen endet, ist gewiss kein Zufall. Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe ist ein Werk, das desto mehr Fragen aufzuwerfen scheint, je mehr wir uns von seiner Entstehungszeit entfernen – wobei die Frage nach dieser Entstehungszeit bereits eine ist, die noch immer nicht vollständig beantwortet werden konnte. Immerhin taugen kritische Fragen in Verbindung mit moderner Technik dazu, im wahrsten Sinne des Wortes immer tiefer in das Werk einzudringen, wurde doch das Autograph der h-Moll-Messe für die kürzlich veröffentlichte revidierte Ausgabe der Neuen Bach-Edition (NBA) mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Letzten Endes sind aber auch diese vor allem Hilfsmittel, um das eigentliche „tiefere Eindringen“ in dieses Werk immer besser zu ermöglichen.
Die h-Moll-Messe als Herausforderung
Die Beschäftigung mit der h-Moll-Messe wird aber nicht nur durch die Unklarheiten hinsichtlich der Entstehung einschließlich der Frage, ob es eine Absicht Bachs oder gar einen Auftrag gegeben hat, zur Herausforderung. Wohl ebenso zwiespältig ist der Nimbus, den das Werk mit der Zeit entfaltet hat – und dies nicht zuletzt wegen eben jener Fragen, die es von Anfang an aufgeworfen hat. Wie nicht ganz aufzuklärende Umstände zum rätselnden Raunen über Entstehung und Zweck eines musikalischen Werkes beitragen, ist jenseits der h-Moll-Messe beispielsweise bei Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem zu beobachten. Nur zu gern verlagert sich die Betrachtung solcher Fälle dann auf das „Menschliche“ und zeitigt Ergebnisse, die sich in romantisierender Küchenpsychologie verstricken.
Anklänge davon finden sich auch in der wissenschaftlichen Debatte zur h-Moll-Messe und in den die verschiedenen Notenausgaben begleitenden Texte und Diskussionen. Es scheint aber, als seien Bruchstücke vom Geniekult des 19. Jahrhunderts, der uns in so vielen Belangen den Blick auf die Fakten verstellt, auch in neueren Diskussionsbeiträgen verblieben – weniger in der Zuschreibung eines Bekenntnischarakters, die immerhin auf der bewussten Sammlung musikalischer Formen fußt, sondern eher in der Absicht, die h-Moll-Messe als ökumenische Positionierung Bachs zu interpretieren oder dem Komponisten gar eine späte Neigung zum Katholizismus zu unterstellen; aber auch in der Tendenz, die in diesem Werk besonders großflächige Verwendung älterer Stücke als Parodievorlagen noch heute gegen die Nachwelt zu verteidigen, die unter „Parodien“ meist etwas ganz Anderes versteht. Nahm Bach die alten Stücke aus seiner Schublade, weil er vor Arbeitsüberlastung weder ein noch aus wusste oder weil der Altbestand im neuen Werk erst richtig zur Geltung gelangen sollte? Auch diese Frage lässt sich kaum eindeutig und abschließend beantworten.
Dieser Text soll also, dem Charakter der Bachwoche entsprechend, nicht zuletzt die Fragen skizzieren, die die h-Moll-Messe aufwirft und deren Beantwortung bis heute eine gewichtige Aufgabe der Bachforschung geblieben ist. Die Frage nach der „Schublade“, für die das Werk womöglich geschaffen worden sei, deutet auf die lang gestreckte Entstehungsgeschichte ebenso wie auf das – für die Bachzeit ungewöhnliche – Fehlen eines direkten Auftrags oder zumindest Anlasses zur Komposition. Johann Sebastian Bach fügte eine Kyrie-Gloria-Messe aus früheren Jahren mit wenigen neu komponierten Sätzen und einer langen Reihe von „Parodien“ – also neu textierten, teils tief greifend umgearbeiteten musikalischen Vorlagen aus älteren Werken – zu einer „großen“ Messe zusammen, die er weder als Kantor noch als Leiter eines Konzertorchesters (dem Collegium Musicum) jemals hätte aufführen können. Mit dem Musikleben der Bachzeit war dieses Werk jedenfalls im Sinne einer Gesamtaufführung nicht kompatibel – deshalb das Wort von der „Schublade“. Es stellt sich hier also die Frage, ob Bach, und auch dies wäre für seine Zeit etwas Besonderes, die Messe „für die Nachwelt“ komponiert hat.
Ein Werk für die Nachwelt und deren Umgang mit ihm
Diese Nachwelt nun ist mit dem Werk staunend bis überschwänglich, aber auch mit einem bemerkenswerten Schwanken zwischen Unsicherheit und Besserwisserei umgegangen – was sich im Grunde folgerichtig immer wieder in weit reichender Spekulation entlud. Schon die Bezeichnung als „große catholische Messe“ im Nachlassverzeichnis des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel sorgt für Gesprächsstoff. Der Erbe des Autografs schätzte vor allem das Credo (Symbolum Nicenum) und führte es als Hamburger Stadtkantor 1786 in einem Wohltätigkeitskonzert auf – gerahmt von anderen geistlichen Stücken und mit einem Instrumentalsatz von eigener Hand als Einleitung. Damit gelangte wahrscheinlich erstmals ein Teil der h-Moll-Messe zur öffentlichen Aufführung, bevor nach Carl Philipp Emanuel Bachs Tod das Autograph erneut in „Schubladen“ verschwand: jenen der Witwe und sodann der Tochter. Aus deren Nachlass wiederum kaufte der Zürcher Verleger und Komponist Hans-Georg Nägeli die Noten und bereitete eine Edition vor, die erst 1845 komplett erschien. Aufführungen aus Abschriften Carl Philipp Emanuels hatte es indessen schon zuvor gegeben, darunter 1834/35 – in zwei Teilen! – die erste quasi komplette Darbietung durch die Berliner Singakademie, wenige Jahre nachdem der junge Mendelssohn die Matthäus-Passion der Nachwelt und deren bürgerlichem Konzertbetrieb gewonnen hatte. „Am Stück“ erklang die Messe sogar erst 1856 in Frankfurt am Main. Im Zusammenhang mit den Editionsversuchen und teils bruchstückhaften Aufführungen formte sich der „Nimbus“ der h-Moll-Messe als alles überragendem Werk, dem „größten musicalischen Kunstwerk aller Zeiten und Völker“ (Nägeli), dem „schwierigsten aller bekannten Werke“ (so der Dirigent Rungenhagen), und auch das Etikett „Hohe Messe“ wurde dem Werk in jener Zeit aufgeklebt.
Bis zur erstmaligen Herausgabe der h-Moll-Messe in der „alten“ Bach-Edition (auf Grund persönlich-privater Verwicklungen ohne Einsicht in das Autograph), deren Revision nach Ankauf der Handschrift durch die Deutsche Bach-Gesellschaft, der verdienstvollen, aber doch auch kritisch angefochtenen Edition Friedrich Smends in der nunmehr „neuen“ Bach-Ausgabe (NBA) 1954/56 und deren wiederum 2010 erschienener Revision durch Uwe Wolf ist es jeweils ein weiter und durchaus steiniger Weg gewesen. Smend positionierte sich energisch – vielleicht auch, um sich von jenem, den nüchternen Blick inzwischen vernebelnden Nimbus abzugrenzen –, indem er der h-Moll-Messe den Charakter als einheitliches Werk überhaupt absprach und seinem NBA-Band diesen Titel nur im Kleingedruckten beifügte. Die Aufregung darüber wurde nach kurzer Zeit durch Erkenntnisse der Bachforscher Alfred Dürr und Georg von Dadelsen versachlicht, die nachweisen konnten, dass die Entstehungsfolge der Messeteile sehr wohl Bachs Absicht ausdrückt, „eine vollständige Messe, hervorgegangen aus den Einzelkompositionen der protestantischen Missa und des Sanctus, die damit in einen größeren, ewig gültigen Zusammenhang gestellt werden“, zu schaffen.
Allerdings führte von Dadelsen mit den Begriffen „abstrakt“ und „spekulativ“ (die er auch anderen zyklischen Werken wie der „Kunst der Fuge“ zuschrieb) einen Zungenschlag in die Debatte um die h-Moll-Messe ein, der der Rezeption des Werkes nicht nur förderlich war, zumal die hybride Situation des „Kirchenkonzerts“ die Grenzen zwischen sakraler und weltlicher Aufführungssituation verwischt und die Frage nach der Passgenauigkeit des Werks für die gottesdienstliche Liturgie in den Hintergrund gedrängt hat: Wären, so gesehen, längst nicht auch Bachs Passionen „abstrakte“ Werke zumindest mit der Zeit geworden?
Katholisch, lutherisch, ökumenisch?
Der Beiname „große catholische Messe“ indes steht im Nachlassverzeichnis des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel – und hier fehlt gleichsam die Abstraktion: War es nur der familiäre Sprachgebrauch, in dem Sinne, dass Bach hier jenen Teil des Credo mit den Worten „unam sanctam ecclesiam catholicam“ in Musik gesetzt hatte? War „catholisch“, analog zur eigentlichen Übersetzung von „catholicam“, nur als „allumfassend“ gemeint? Oder steckt mehr dahinter? Dieser theologische Aspekt sorgt nach wie vor für Unruhe, sei es in gelehrten Diskussionen, sei es bei einigen, sicher wenigen Bachfreunden, denen dieses Werk allen Ernstes „zu katholisch“ ist. Auch hier lädt die Dürftigkeit der überlieferten Biografie Johann Sebastian Bachs, wie seine Sparsamkeit bei grundsätzlichen Stellungnahmen, zur Spekulation ein.
Der Bachforscher Yoshitake Kobayashi hat die „Faktoren“, die jeweils für eine evangelisch-lutherische oder katholische „Bestimmung“ sprechen, aufgelistet: Abweichungen vom katholischen Messtextgebrauch, das auch für einen katholischen Gottesdienst zu große Format, die Disposition der Abschnitte und die zentrale Stellung des „Crucifixus“ sprächen demnach für die protestantische Bestimmung; die Widmung schon der frühen Kyrie-Gloria-Messe 1733 an den katholischen Kurfürsten in Dresden sowie die Verwandtschaft mit den dort ansässigen Komponisten, das laut Kobayashi „betonte Mitkomponieren“ der oben zitierten Textzeile und jener Titel im Nachlassverzeichnis des Sohnes wären die Argumente für die katholische Seite.
Man mag dies diskutieren oder gar entscheiden wollen – vielleicht bezeichnend für den Buddhisten Kobayashi ist indes, dass er in versöhnlicher Weise den „ökumenischen Geist“ der h-Moll-Messe herausstreicht und dies auf eine gewisse Altersmilde des Komponisten im Umgang mit der katholischen Kirche bezieht: Bachs „Universalität“ habe sich hier in einer „gegensätzliche Konfessionen und verschiedene musikalische Stile integrierenden Kraft“ ausgeprägt. Martin Petzoldt hingegen weist die Überlegung, Bach habe sozusagen vorzeitig ökumenische Gedanken verfolgt, als „anachronistisch“ und damit „unzulässig“ zurück und verortet die von Bach angestrebte Vervollständigung der protestantischen Kyrie-Gloria-Messe zur „Missa tota“ in einem verstärkten Reflexionsprozess des Komponisten über das eigene Lebenswerk und die „Legitimationsfragen der Kirchenmusik und des Kirchenmusikers im Gottesdienst“.
Die h-Moll-Messe als musikalisches Denkmal
Mögen die Überlegungen, die die h-Moll-Messe in historische oder gegenwärtige konfessionelle Spannungsverhältnisse rücken, in die Irre führen – der Charakter des vollständigen Werkes als „musikalisches Denkmal“ ist weitgehend unbestritten. Helmuth Rilling hat dies in einem Artikel über die h-Moll-Messe folgendermaßen zusammengefasst:
„Und sie ist vielschichtig, diese Sprache! Am Beginn des Credo reicht sie zurück in die geistige und stilistische Welt Palestrinas. Gleich am Beginn des Werkes wird dessen liturgische Dimension in den drei majestätischen Kyrie-Akkorden deutlich. Aber die traditionell kirchliche Bindung hindert Bach nicht, die Vitalität zeitgenössischer konzertanter Musik in groß angelegten Chor-Orchester-Sätzen zu nützen. Demselben konzertanten Bereich zugehörig sind manche der vokal- und instrumental-solistischen Sätze, deren virtuose Komponente sich aber nie verselbständigt, sondern immer der Sinndeutung des Textes dient. Den Formbegriff der Fuge hat ja erst Bach zu dem gemacht, was wir heute unter ihm verstehen. Wie souverän und wie verschieden nützt er ihn in seiner Messe! Die ihm wichtigste chorische Aussage formuliert Bach im Mittelteil seiner Vertonung des Glaubensbekenntnisses in drei aufeinander folgenden Sätzen. Im Et incarnatus est bildet er das Herabsteigen Gottes zur Erde ab, umgibt aber den wohl so zu verstehenden Chorsatz mit einem Violinmotiv, das Abbild des Kreuzzeichens ist. Die Kreuzbeziehung des Incarnatus wird im Crucifixus Mittelpunkt der Reflexion. Die jetzt verwendete Form der Chaconne wird musikalisches Gefäß einer Meditation, die dem wichtigsten Aspekt christlicher Theologie, dem ‚für uns gestorben’ gilt. Am Ende des Crucifixus führt Bach zu den Worten „sepultus est“, sinndeutend der Grablegung nachspürend, den nur vom Continuo begleiteten Chor in den tiefen Klangbereich. Unmittelbar anschließend lässt er zum Et resurrexit das ganze Orchester zusammen mit dem Chor in hoher Lage einsetzen. Wohl nie ist dem Glauben an die Auferstehung entschiedener Ausdruck verliehen worden. Das vokalsolistisch für mich bedeutsamste Stück ist das Agnus Dei, das am Schluss des Werks alles „eleison“ und „miserere“ der Messe in großem Ernst zusammenfasst und mit seinem Dona nobis pacem zur mächtigen, zuversichtlichen Bitte um Frieden werden lässt.“
Die von Helmuth Rilling hier angerissene Vielfalt der musikalischen Formen bei größtmöglicher Einheitlichkeit des Werkes in seiner Gesamtheit – bemerkenswerterweise unter Aussparung von Da-Capo-Arien und Rezitativen, wie sie für die handlungsgeprägten Passionen und die meisten Kantaten typisch sind! –, diese Formenvielfalt also ist es, die der h-Moll-Messe die doch sehr wahrscheinlich von Bach intendierte musikalische Universalität verleiht und sie, vom Komponisten womöglich auch so wahrgenommen, zum Schlussstein einer ganzen musikalischen Epoche, des Barock, formt.
Parodien ohne Ende?
Dass ausgerechnet diese Universalität zu einem großen Teil auf den so genannten „Parodien“ beruht, auf Musik aus vermeintlich zweiter oder in einem Fall, der noch zu erläutern bleibt, gar dritter Hand, ist für viele Deuter und Hörer der h-Moll-Messe auch heute noch eine, salopp formuliert, „harte Nuss“. In seiner individuellen Sichtweise hat Kobayashi das Verfahren Bachs – bei dem die Anpassungen der „alten“ Musik an den „neuen“ Zweck oft komplexer gewesen sein dürften als eine Neukomposition – so gedeutet, dass die schon einmal für einen anderen Text komponierte Musik gleichsam auf ihre eigentliche Bestimmung im Rahmen der h-Moll-Messe gewartet und hier ihre Vollendung gefunden hätten. Dies ist ein berührender Gedanke, der allerdings wieder die Grenze zum Spekulativen streift. Dass ausgerechnet der Schlusssatz der h-Moll-Messe, das Dona nobis pacem, auf das Gratias agimus tibi des Gloria-Abschnittes zurückgreift und, da jenes Gratias auf einen Kantatensatz zurückgeht, die Parodie einer Parodie wäre, resultiert gewiss nicht aus praktischen Gesichtspunkten oder gar Bequemlichkeit. Zunächst einmal entspricht die Parodievorlage, der Satz „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ aus der Kantate BWV 29, in seinem Inhalt dem Gratias der Messe – so dass Kobayashis Deutung des Strebens jener Musik nach „Vollendung“ hier durchaus greifen könnte. Dass nun Bach aber nicht, wie sonst gängig, mit der Bitte um Frieden im Dona nobis pacem auf das um Erbarmen flehende Kyrie rekurriert, sondern ausgerechnet die Musik eines Dankes erneut präsentiert, sollte den gedanklichen Horizont erweitern statt verengen: Womöglich fallen hier Dank und Bitte ganz bewusst in eins, wollte Bach – paradox zugespitzt – dafür danken, dass er bitten durfte? Zum Schlusse bleibe also: eine Frage.
(c) Jürgen Hartmann
http://www.bachakademie.de