Montag, 21. Juli 2008

Es ist so, dass ich Ihnen was wünsche

"Frau Müller, ich wünsch' Ihnen was" - "Ja, Frau Meier, das wünsch' ich Ihnen auch" - dieser Dialog an der Supermarktkasse ist ja noch ganz lustig, obwohl auch das "ich wünsch Ihnen was" auf Denkfaulheit schließen lässt (immerhin ist da das inzwischen verbreitete "schönntachnoch" eine Verbesserung). Aber die neueste Modewendung der Wichtigsprecher ist furchtbar: "Es ist so, dass der Himmel blau ist" - reicht wirklich nicht "der Himmel ist blau"? Heute erst gehört: "Es ist so, dass wir beobachtet haben, dass die Mittelschicht immer kleiner wird". Das ist, um eine weitere Neusprechwendung zu zitieren, ein Stück weit doof.

Mittwoch, 9. Juli 2008

Nachtrag

Da habe ich doch glatt übersehen, dass noch ein Text fehlt: Mein Einführungsartikel zu einem Konzertprogramm der Bachakademie im Dezember 2007, hiermit nachgereicht. (Es geht um die Magnificat-Vertonungen von Bach Vater und Sohn sowie Mozarts Krönungsmesse.)

Hier als pdf zu lesen: Einfuehrung-Bach-Mozart (pdf, 58 KB)

Abschied von den Galionsfiguren

Auch jenseits des Mozartsaals: die Hugo-Wolf-Akademie stellt ihr Saisonprogramm vor - Bericht für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht heute)

Die Stuttgarter Hugo-Wolf-Akademie will nach dem Weggang ihres langjährigen künstlerischen Leiters Hartmut Höll offenbar nicht mehr auf eine Galionsfigur setzen. Dass Hölls Nachfolger, der Tenor und Gesangspädagoge Francisco Araiza, bei der Präsentation des Saisonprogramms 2008/09 gar nicht anwesend war, ist dennoch verwunderlich. Zwar verwies der Geschäftsführer Mario Schulz, der diesen Posten ehrenamtlich wahrnimmt, darauf, dass Araiza bei der Programmgestaltung ein gewichtiges Wort mitgesprochen habe, deren Bekanntgabe gehöre aber zum "operativen Bereich", den Schulz von der künstlerischen Leitung emanzipieren will.

Emanzipiert hat man sich auch vom Mozartsaal, der in der Vergangenheit beinahe exklusiver Spielort der Akademieprojekte war. Durch Araizas Professur an der Stuttgarter Musikhochschule befördert, werden einige Konzerte in deren Sälen stattfinden. Darüber hinaus will die Hugo-Wolf-Akademie in die Stadtteile ausstrahlen und bietet Konzerte im Bürgerhaus Möhringen und im Augustinum an.

Ausflüge in die Region ermöglichen zwei Programme im Deutschen Literaturarchiv Marbach, ein Abend im Tübinger Pfleghof und ein Konzert bei den Ludwigsburger Festspiele. Solide Qualität versprechen die Sängernamen, darunter Nathalie Stutzmann, Olaf Bär, Christiane Oelze, Michaela Kaune, Birgid Steinberger und Markus Marquardt. Auch zwei Legenden der Sangeskunst sind vertreten: Dietrich Fischer-Dieskau wird zum Auftakt einer neuen Reihe "Lied in der Oper" mit der erstmalig verliehenen Hugo-Wolf-Medaille geehrt; Peter Schreier gibt einen Meisterkurs. Abseits vom Schwerpunkt Kunstlied sind der Sprecher Max Schautzer und die Geigerin Mirijam Contzen angekündigt.

Mario Schulz erläuterte auch die Kooperation mit den Ludwigsburger Festspielen und versuchte, die ob dieser Konstellation brodelnde Gerüchteküche trockenzulegen. Sekundiert von seinem Ludwigsburger Kollegen Markus Kiesel, unterstrich Schulz die klare Trennung von Kunst und Geschäft: Ludwigsburg unterstütze die Stuttgarter "in allen nichtkünstlerischen Bereichen" von Marketing und Vertrieb bis zur Betreuung der Drucksachen. Das Profil der Hugo-Wolf-Akademie werde nicht beeinträchtigt, dazu sei deren Vorstand "viel zu selbstbewusst", meinte Schulz. Kiesel wiederum betonte, die Ludwigsburger Türen stünden "weit offen" auch für eine intensivere Zusammenarbeit. Was hier geht und nicht geht, muss sich noch weisen - die bisherigen Erfahrungen werteten beide als positiv, ja "beispielhaft".

http://www.hugo-wolf-akademie.de

Des Kaisers neue Kleider

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Bild: http://www.art-magazin.de
Lese auch: http://www.zeit.de/2008/28/Eliasson

Dienstag, 8. Juli 2008

Cassandra's Dream

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Über Woody Allens Matchpoint schrieb die Zeit: "In seinem 37. Film ist die Welt so ungerecht, unerlöst und zynisch, wie er sie wohl immer sah, aber keinem zumuten wollte. Woody Allen zeigt Menschen voller Heimtücke und Habgier, ein Dasein ohne Sinn und Moral. Es ist ein harter, gnadenloser Film, sein bester seit Jahren." Der neue Film Cassandra's Dream kommt mir wie ein moralisches Seitenstück zum amoralischen "Matchpoint" vor - obwohl man das lange, lange nicht merkt. Sehr sehenswert. Und ja, die Welt ist auch in diesem Film ungerecht und unerlöst - aber am Ende eben doch nicht zynisch, finde ich.

Geblendet vom neuen Leben

Die etwas andere "Alceste": Anton Schweitzers Kammeroper bei den Luwigsburger Festspielen - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (Aufführung am 05.07.2008)

Admet liegt im Sterben, seine Gattin Alceste bietet sich den Göttern als Tauschobjekt an, damit ihr Mann weiterlebe. Das kann der Genesene nicht verwinden und verfällt in eine Depression, bis ein muskulöser Freund des Hauses die Verstorbene zurückholt - mit Kraftmeierei und guten Beziehungen: Nicht umsonst lautet sein Name Herkules. Da Admet nicht zurückgetauscht werden muss, ist das Ende glücklich.

Während Christoph Willibald Gluck, wie kürzlich in Stuttgart zu besichtigen, aus dem "Alceste"-Stoff eine ausladende Reformoper schöpfte, verdichteten am Weimarer Hof zur gleichen Zeit, um 1770 herum, Christoph Martin Wieland und Anton Schweitzer die Sache zu einem Kammerspiel. Außer den Genannten tritt nur noch Alcestes Schwester in Erscheinung, dazu ein bisschen Chor.

Mag die Diskrepanz zwischen Stoff und Realisierung zunächst auch irritieren - auf den zweiten Blick wirkt diese Oper in ihrer Konzentration aufs Wesentliche richtig modern. Es war also gut, dieses Werk zur Wiedereröffnung der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar auszugraben und es dann auch auf eine Reise zu schicken, die nun zu den Ludwigsburger Festspielen und dort ins Schlosstheater geführt hat.

Während die Bühne umständehalber mit bescheidenen Mitteln auskommen muss, ist für die Musik ein Ensemble von Rang aufgeboten: Das Concerto Köln, wenngleich am ersten von zwei Ludwigsburger "Alceste"-Abenden mehrmals von Trübungen befallen, legt unter Michael Hofstetters vorwärtstreibender Leitung viel Ehre für den vergessenen Hofkomponisten Schweitzer ein. Und was hat der für eine erstaunliche Musik geschrieben! Die Arien abwechslungsreich, die Rezitative mit vielfarbiger orchestraler Grundierung und doch ganz nah an Wielands ebenmäßiger Sprache.

Den Sängern mutet Schweitzer einiges zu, und dass Simone Schneider in der Titelrolle so auffällig hell strahlt, liegt nicht nur daran, dass sie eine sehr gute Sängerin ist, die seit einiger Zeit an jeder Aufgabe immer noch weiter wächst. Es liegt auch daran, dass Christoph Genz (Admet) und Josef Wagner (Herkules) bei aller Tonschönheit ein wenig sorglos mit ihren Partien umgehen. Und Emma Pearson kann die Aufgabe, als Parthenia die eigentlich angekündigte Cynthia Sieden zu ersetzen, im Hinblick auf die virtuosen Koloraturen nicht vollständig meistern.

Darstellerisch haben sie allesamt kein Problem, Hendrik Müllers zweckdienliche Regie umzusetzen. Ob aber die stumme Garnitur durch Diener und Täubchen mehr bringt als ein wenig Ablenkung? Die damit angestrebte Mehrdeutigkeit konterkariert Müller selbst durch einige durchaus erfrischende Albernheiten. Berührend der Schluss: Wenn Alceste wiederkommt, wirkt sie lange wie geblendet vom neuen Leben. Ganz unbeschädigt steht eben niemand vom Tode auf.

Die nächste Aufführung der Oper findet am 21. November in der Stadthalle Biberach statt. Die Aufzeichnung der Weimarer Premiere ist auf CD und DVD erhältlich.

http://www.schlossfestspiele.de

Freitag, 27. Juni 2008

Ein Opernexot zu sein...

...ist zumindest gegenüber den Medien wohl von Vorteil: Kein Artikel über Barrie Kosky, der nicht die Ringe und/oder das Hündchen erwähnt, mit denen sich der künftige Intendant der Komischen Oper Berlin ziert. Dass die Oper "im Moment so einen kick in the ass" braucht, damit könnte er Recht haben. Schauen wir mal, was der "jüdische, schwule Opernzigeuner" (Kosky über Kosky via Süddeutsche Zeitung) in Berlin so anstellt. Vorbildlich und nicht nur in der Hauptstadt ganz und gar ungewohnt: Der Wechsel von Homoki zu Kosky wurde ganze vier, in Worten vier Jahre im Voraus organisiert und bekanntgegeben. Davon sollten sich die Berufungströdler und -hektiker, die im Kulturbetrieb immer zahlreicher werden, gleich mehrere Scheiben abschneiden.

Meine Reiselust...

...kann ich zwar im Sommer nicht befriedigen (Grund: hier). Aber ich will wenigstens endlich mal meine vier Lieblingshotels vorzeigen. Alle Richtung Süden, aber nicht zu weit. Also: Stadturlaub in Bern gefällig? Dann ab ins Marthahaus. Lieber in die Berge? Dann gute Fahrt zum Valserhof (Vals, Graubünden). Über die Alpen hinweg ins Tessin: Mein Lieblingsort ist Brissago am Lago Maggiore, Hotel Eden. Und wer besteht schon auf dem Bodensee-Ufer, wenn er ein paar Kilometer oberhalb von Lindau die Martinsmühle haben kann? Was verbindet die drei? Eine schöne Lage (Marthahaus: mitten in Bern, aber ruhig; Eden zwar an der Straße, aber mit stillem Garten am See; die anderen beiden sowieso), vernünftige Preise, eher klein, persönliche und doch diskrete Zuwendung durch die Hoteliers.

It's the economy...

Ich gehöre nicht zu den Kulturmachern mit Abneigung gegen die Wirtschaft. Und deshalb freue ich mich über die guten Nachrichten aus der Stuttgarter Stadtkämmerei. (2010 will Herr Föll also eine schuldenfreie Stadt haben - wenn das kein roter Teppich auf seinem Weg zum OB-Amt ist...) Was ich davon habe, wenn Stuttgart im Geld schwimmt? Die Kürzung der Grundsteuer, 10 Euro im Jahr ungefähr in unserem Fall, ist mir eher egal, aber: Womöglich kann die neue Stadtbücherei (ja, genau die, die es ohne Stuttgart 21 nicht geben könnte) einige Bücher mehr anschaffen? Kann endlich die Auto-Einflugschneise zwischen Staatstheater und Musikhochschule trockengelegt werden? Und 600 Millionen mehr, auf zwei Jahre verteilt, für die Kinderbetreuung berühren mich zwar nicht persönlich, aber das ist doch auch fein. Kurz und gut: Ich bleibe Stuttgart-Fan.

Mittwoch, 25. Juni 2008

Nur Top oder Flop...

...gibt es bei den Amazon-Kundenbewertungen für Jonas Kaufmanns Arien-CD. Immerhin erweisen sich sowohl die Ein-Stern-Verdikte wie die Fünf-Sterne-Schwärmereien als durchaus sachkundig und reden weniger von des Tenors angeblich so attraktivem Äußeren als Labelmarketing und nachplappernde Presse. Die Wahrheit liegt, wie meist, in der goldenen Mitte (nicht nur, was das Äußere angeht): Jonas Kaufmann ist ein guter Sänger, aber mit so manchem, was er quer durchs Repertoire auf dieser CD präsentiert, hat er sich übernommen. Piano-Passagen klappen nicht, dann wieder wird gebrüllt, was das Zeug und die Stimmbänder halten. Ob letztere so strapazierfähig sind, wie der Sänger selbst verkündet ("ich singe im Studio genau so wie unter der Dusche", sinngemäß) - man wird es in den nächsten Jahren hören. Katastrophal ist das Orchester; auch wenn's billig sein muss, braucht es doch nicht ein dermaßen langweiliger, eintöniger Begleitungsdienst nach Vorschrift zu sein.

Montag, 23. Juni 2008

Hör- und Lesefrüchte

Herrlich, wie Wolf Biermann sich über die so genannte Linke aufregt - eingeschlossen Gesine Schwan, und Beck sowieso. (Empfehlung: Audio ist nochmal so schön wie die Lektüre.) Im Rheinischen Merkur geht es darum, dass die Deutschen Obama so lieben und dass sie ihn höchstwahrscheinlich - hielte er als deutscher Kanzlerkandidat die gleichen Reden - gar nicht so sehr lieben würden. Ein sehr lesenswerter Artikel von Raoul Löbbert, auch wenn zwischendurch das Thema "Vision" mit Blick auf deutsche Chefetagen abgehandelt wird: "'Was unter dem hochtragenden Begriff der Vision entstanden ist hat sich als Luftschlösser und Kartenhäuser erwiesen.' (Zitat Fredmund Malik, Wirtschaftswissenschaftler, dann weiter Löbbert:) Hoch kamen, wenn überhaupt, nicht die Visionäre, sondern die 'Träumer und Scharlatane', die 'Bluffer und Angeber'". Wie heißt es bei Shakespeare: Die Zeiten sind, wie sie sind...

Freitag, 13. Juni 2008

Lenz und Munro

Schweigeminute von Siegfried Lenz wurde als ebenso "keusch" wie "erotisch" beschrieben, von "älteren Rezensenten", wie der offenbar jüngere Kollege beim Deutschlandradio maliziös anmerkte. Da sieht man mal, wie ungewöhnlich es inzwischen ist, dass ein Liebesakt in einem Roman nicht in allen Details beschrieben oder mit Assoziationen respektive Unterströmungen von Gewalt oder Psychose befrachtet wird. "Sie liebten sich im Sand" - na und? Ist doch prima! (Und weder keusch noch besonders erotisch - um so besser). Ein schönes Buch. Weniger "schön" im inhaltlichen Sinne ist die Erzählung "Der Bär kletterte über den Berg" in dem Band Himmel und Hölle von Alice Munro. Hier beschreibt die kanadische Autorin lakonisch und doch eindringlich, wie eine Frau demenzkrank wird und wie ihr Mann darauf reagiert. "Eines dieser kurzen und freundlichen und in die Verzweiflung treibenden Gespräche", so formuliert sie ebenso knapp wie treffend, was ich tagtäglich am Telefon und alle paar Wochen unmittelbar erlebe. Seltsam, dass eine solche Lektüre, die nichts beschönigt, letztlich doch ein bisschen tröstet.

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Es ist so, dass ich Ihnen...
"Frau Müller, ich wünsch' Ihnen was" - "Ja,...
kulturchronist - 21. Jul, 11:50
Nachtrag
Da habe ich doch glatt übersehen, dass noch ein...
kulturchronist - 9. Jul, 18:26
Abschied von den Galionsfiguren
Auch jenseits des Mozartsaals: die Hugo-Wolf-Akademie...
kulturchronist - 9. Jul, 09:53
Des Kaisers neue Kleider
Bild: http://www.art-magazin.de Lese auch: http://www.zeit.de/2008/28 /Eliasson
kulturchronist - 9. Jul, 09:43
Cassandra's Dream
Über Woody Allens Matchpoint schrieb die Zeit:...
kulturchronist - 8. Jul, 22:51

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