Samstag, 4. Juli 2009

Statistik!

Wenn ich die "meistgelesenen Beiträge" dieses Weblogs aufrufe, erscheint als erstes, und zwar mit sieben Mal soviel Klicks wie der folgende Beitrag, mein kleines Geschimpfe über die Post. Sodann tummeln sich fast alle Beiträge der "superb story" auf den Folgeplätzen, dazwischen ein Textchen mit dem Titel "Die Großmutter und die drei Tenöre". Ach ja, und meine kleine Anmerkung zu Thomas Kretschmanns Boss-Parfum-Reklame. Was sagt uns das nun? Post, Auto, Kretschmann, drei Tenöre - danach wird gesucht, das interessiert die Surfer. Mensch, Ihr Kulturinteressierten, klickt doch mal ein bisschen mehr! Ist ja sonst peinlich.

Korrekt ist nicht gut genug

Konzert der Stuttgarter Philharmoniker - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht am 01.07.2009)

Nimmt man „Konzert" als „Zusammenwirken verschiedener Kräfte", dann war beim Konzert der Stuttgarter Philharmoniker mit der Pianistin Anna Gourari und dem Dirigenten Alexander Joel alles in Ordnung. Braunschweigs Generalmusikdirektor, erstmals am philharmonischen Pult zu Gast, und die russische Virtuosin musizierten Robert Schumanns a-Moll-Klavierkonzert in schönstem Einvernehmen. Dennoch (oder deshalb) kam man im Stuttgarter Beethovensaal über die korrekte Darstellung der Musik nicht hinaus - eine Zugabe gab Anna Gourari trotz großen Jubels auch nicht.

Die Stuttgarter Philharmoniker beendeten mit dem Konzert ihre „Große Reihe", die in dieser Saison mit literarischen Themen gespickt war. Zum Auftakt des letzten Abends, der unter dem Titel „Hoffmanns Erzählungen" stand, war die Ballettsuite „Coppélia" von Léo Delibes aufs Programm gelangt. Delibes hatte sich 1870 von E. T. A. Hoffmanns Schauermärchen „Der Sandmann" zu einem Ballett inspirieren lassen, das bis heute zum Standardrepertoire zählt. Dass solche Musik in den Orchestergraben gehört und dem Bühnentanz dient, ist kaum zu überspielen: Die tänzerische Eleganz kam trotz Alexander Joels schwunghafter Anleitung etwas kratzig buchstabiert daher.

Dirigent und Orchester wissen, wie man es besser macht: Hoffmanns Ouvertüre zur seinerzeit (also 1814) erfolgreichen Oper „Undine" ist ein feines, luzides Stück Musik und ein guter Vorspann zu Beethoven, dessen 5. Sinfonie den Abend beschloss. Hier fanden Alexander Joel und die animierten, in allen Gruppen brillanten Philharmoniker zwischen wildem Furor und Breitwandopulenz einen plausiblen Mittelweg: Klanglich bestens gestaffelt, deckten sie Beethovens Abgründe auf, ohne auf Versöhnliches völlig zu verzichten. In der kommenden Saison präsentieren die Philharmoniker „Wiener Wunderkinder" und üben sich in „Krieg und Frieden" - nur gut, dass Beethoven immer passt.

Ich tanz über die Krise, die Krise krieg' ich nicht



Der Freund von einem Freund - aber auch abgesehen davon gut, oder?

Dienstag, 30. Juni 2009

Nimm den Bassa, Konstanze!

Mozarts „Entführung“ bei den Ludwigsburger Festspielen - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (leicht gekürzt veröffentlicht am 29.06.2009)

Ein Musikerquartett zieht durch die Gänge des Ludwigsburger Schlosses, um das Publikum zur „Entführung aus dem Serail“ zusammenzutrommeln, und nicht ohne Grund wirft die Sängerin Simone Kermes am Schluss der bejubelten Festspielpremiere ihren Blumenstrauß dem Perkussionisten Murat Coskun zu. Unter dessen munterer Anleitung erklingen Wolfgang Amadeus Mozarts „alla turca“-Passagen, die dieser Oper die orientalische Würze geben, endlich einmal so richtig gepfeffert. Dirigent Michael Hofstetter vertraut ganz zu Recht auch hier auf Spezialisten. Von ihm und seinem Orchester gehen im schmucken Schlosstheater die kräftigsten Impulse aus. Mozarts Partitur wird geradezu schmerzhaft aufgeraspelt, und auch Peer Boysens Inszenierung arbeitet die tragischen Anteile des gar nicht heiteren Singspiels heraus.

In so mancher Oper würde man der Sopranheldin gerne zurufen: Nimm den Bariton, nicht den Tenor! Aber die Gattungskonvention will es nun mal anders. Mozarts „Entführung“ bietet eine Alternative: Zwar hat der Bassa Selim – in Wirklichkeit ein aus Westeuropa in die Türkei Geflüchteter – Konstanze entführen lassen, aber dass er sie ehrlich liebt, daran besteht kein Zweifel. Den Status als Außenseiter schärft Mozart, indem er den Bassa als Sprechrolle konzipiert, und wie Heio von Stetten in Ludwigsburg dessen tiefe Melancholie ganz leise ausspielt, das geht ans Herz. Viel fehlt wohl nicht, und die tapfere Konstanze gäbe nach: Simone Kermes gestaltet die vertrackte Partie nach mäßigem Beginn zu wahrhaft dramatischer Größe. Mit glühendem Piano, heroischen Koloraturen und unendlichen vokalen Ausdrucksmitteln von Florett bis Machete steigert sie sich in die hoch expressive „Martern-Arie“ hinein, in der Hofstetter im Orchestergraben wahre Urgewalten entfesselt – ein glückhafter Musiktheatermoment, für den allein sich alle Mühe lohnt.

Aber Belmonte – der mit wenig lyrischem Schmelz aufwartende Tenor Bernhard Berchtold – kommt zur vermeintlich rechten Zeit und holt sich die abgekühlte Konstanze zurück. Peer Boysens Regie zeigt deutlich, dass das wohl nicht auf Dauer gut gehen wird, und interessanterweise spielt sich beim Dienerpaar Pedrillo und Blonde (Daniel Johannsen und Chen Reiss, beide tadellos singend) das Gleiche ab. Dass Blonde den Reizen des durchaus attraktiven Seraildieners Osmin (vokal korrekt, aber ein bisschen steif: Guido Jentjens) gar nicht abgeneigt ist, ist eine Überraschung der Regie, die durch die Musik eigentlich nicht beglaubigt wird. Peer Boysen hat die „Entführung“ wie ein Puppenspiel inszeniert: Durchdacht schematisch bewegen sich die Figuren, hin und wieder im Zuschauerraum platziert, in einer vom Regisseur selber angemessen historisch gestalteten Bühne und charakteristischen Kostümen von Ulrike Schlemm. Das ist schön, denn es wertet Noten und Worte auf, wenngleich Boysen die gesprochenen Dialoge in allzu karge Telegramme umgemodelt hat. Die humanistische Schlussansprache des Bassa indes verfehlt ihre Wirkung nicht: Mucksmäuschenstill lauscht der ausverkaufte Saal Heio von Stettens eindringlichen Worten. Ungerechtigkeit sei durch Wohltaten besser zu vergelten als durch Rache: Das klingt eine Weile nach. Mindestens bis zur nächsten Nachrichtensendung.

http://www.schlossfestspiele.de

Mittwoch, 24. Juni 2009

Puzzle 1989 (13)

In einem der letzten Beiträge erwähnte ich die Wessitussi von 1989 (Sie wissen schon: "So viel Dreck habe ich ja noch nie gesehen"). Heutzutage geht's längst auch umgekehrt. Kürzlich also Visite in Görlitz, dort kommt Zufallsbesuch hinzu, Verwandte von den Freunden, um die 50. Ich käme also aus Stuttgart, aha. Dort sei ich damals von Sachsen hin? Das sei aber ein schlechter Tausch gewesen. Ich, höflich, sage erstmal noch nichts. Und flott geht es weiter: Ja - als sie neulich mal in Stuttgart auf einer Tagung waren, hätten sie bemerkt, dass es in der Innenstadt um 21.00 Uhr nirgendwo etwas zu essen gäbe außer bei McDonalds. Ich melde Widerspruch an, denn hier geht es nicht mehr um subjektive Eindrücke, sondern um Tatsachen. Das Gespräch plätschert abseits dieses Themas weiter, aber die Abschiedsworte lauten: "Kommen Sie gut zurück nach Stuttgart - irgendjemandem muss es schließlich dort gefallen." Das alles geht mir noch eine ganze Weile nach, weil es mir im Gesamtbild meines Sachsenbesuches als ein Symptom weit verbreiteter schlechter Laune erschien, die munter an Besuchern, die man mit feiner Nase als Westdeutsche erkennt, ausgelassen wird. Das habe ich nun davon, dass ich neun Jahre meines Lebens, und beruflich nicht die unwichtigsten, in Greifswald und Görlitz verbrachte und immer voller Verständnis war!

Montag, 22. Juni 2009

Der Weg in die Katastrophe

„Eugen Onegin“ in einer Produktion der Musikhochschule – Rezension für die Stuttgarter Zeitung, veröffentlicht am 12.06.2009

Manchmal spielen Kinder „erwachsen“, und nicht wenige Erwachsene verhalten sich, milde gesagt, hin und wieder kindlich. Wenn Jugendliche sich überfordern mit Coolness oder übergroßem Gefühl und Herangewachsene partout nicht reifen wollen, kann das peinlich sein – oder katastrophal. In dieser prekären Grauzone bewegen sich die Figuren in Peter Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“. Dass es sich bei den Hauptpersonen um halbe Kinder handelt, zeigt die Inszenierung von Matthias Schönfeld mit Studierenden der Stuttgarter Musikhochschule im Wilhelma-Theater in bestürzender Klarheit.

So zahlt sich die Kühnheit aus, „Eugen Onegin“ in derselben Saison zu zeigen wie die Staatsoper. Dass die Musikhochschule, nimmt man es sportlich, mindestens ein Remis erzielt, liegt nicht nur an der jungen Besetzung der Hauptrollen, deren Darsteller mit ihren russisch gesungenen Partien kaum einmal überfordert sind. Ein kleiner Geniestreich ist auch die Bühne von Kersten Paulsen: Sie nimmt den schmucken Zuschauerraum des Wilhelma-Theaters auf, dekoriert sparsam mit variablen Stuhlreihen und schafft verblüffend weite Räume, in denen Schönfelds subtile Personenregie ihre werkdienlich intensive Wirkung entfalten kann.

Mit dem Stuttgarter Kammerorchester und Mitgliedern des Hochschulorchesters lichtet der Dirigent Per Borin die zartgliedrige Musik fein ausbalanciert auf. Das tut den Sängern gut, von denen Larissa Ciulei als Tatjana die souveränste Leistung erbringt und den erzwungenen Wandel vom Backfisch zur schönen Frau glaubhaft macht. Byeong In Park steht ihr als kerniger Titelheld kaum nach, und Hyun Ouk Cho als sein Freundfeind Lenski legt in seiner anrührend gestalteten Arie die vorher hinderliche Nervosität ab. Prima besetzt waren auch die kleineren Rollen in diesem Ensemblestück – alles in allem eine imponierende Leistung.

http://www.wilhelma-theater.de

Puzzle 1989 (12)

Literaturempfehlung: Ilko-Sascha Kowalczuks "Endspiel" (hier bei den Perlentauchern). Und Besuchsempfehlung: Diese Ausstellung in der Deutschen Kinemathek Berlin. Bei den privaten Fotos von der Maueröffnung wurde mir ganz warm ums Herz, aber die Desillusionierung folgte prompt: "Ich war ein Weimar, so viel Dreck habe ich noch nie gesehen, da fahre ich nicht wieder hin", mault eine Wessitussi in einem Fernsehbericht. Kommt mir auch bekannt vor.

Puzzle 1989 (11)

Besuch in Berlin, fast zehn Jahre "danach". Erstmals die Gedenkstätte in Hohenschönhausen besucht - zu Beginn der Führung sammelt der Mitarbeiter die Interessenten ein: "Wollen Sie zum öffentlichen Rundgang?" Ein Besucher, im typischen Adler-Seniorendress, leicht schwäbelnd: "Öffentlicher Rundgang? Ich will erstmal ein Eis." Solch kindliches Verhalten fällt doppelt auf an einem Ort, der mich furchtbar bedrückt hat und an dem ich während der Führung mehrfach mit den Tränen kämpfen musste. Es macht mich wütend nachzuempfinden, wie dort Menschen in so genannter Untersuchungshaft von der Stasi gefangen gehalten und körperlich oder psychisch gefoltert wurden. Und es macht mich wütend, wenn da jemand "erstmal ein Eis" haben möchte und - das würde passen - es dort im Grunde ganz gemütlich findet. Unrechtsstaat? Ach nee, es gab doch auch so nette Seiten. - Während des Berlinbesuchs diskutierte ich auch mit einem (ostdeutschen) Freund über dies und das, und seine italienische Lebensgefährtin wird sich gewundert haben über unsere typisch deutschen Ost-West-Kisten. Und doch, so sehr ich es verstehe, dass das Leben nicht erst 1989 beginnen kann: Wenn behauptet wird, ein ganzes Volk habe damals seine Identität verloren, aber - und hier spinne ich das Gespräch fiktiv weiter! - außer Ampelmännchen und Polikliniken nichts an "Identität" beschrieben werden kann - dann grummelt es bei mir. Nur ein einziges Argument hat mich berührt, das ich anderswo aufschnappte: Es sei in der DDR nicht ständig ums Geld gegangen. Ob das so pauschal stimmt, kann ich nicht unanfechtbar beurteilen. Aber es ging auch "im Westen" früher, also in den Achtzigern, nicht so sehr ums Geld wie heute. Das ist ein wichtiger Punkt, finde ich: Deutschland hätte sich, wie die Welt im Ganzen, in zwanzig Jahren ohnehin verändert, und wer damals davon träumte, eine bessere DDR zu bekommen und zu behalten, hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert. Selbst unter der Regierung von Exkommunisten haben sich die östlichen Nachbarstaaten eher noch radikaler verändert und gen Westen orientiert. Ach, es ist eine komplizierte Welt, nicht wahr? Aber gerade deswegen sollte man nicht nostalgisch vereinfachen und als "sozial" verbrämen, was Unrecht war.

Also von daher...

In der ersten Ausgabe der neu gestalteten Stuttgarter Zeitung (also vorgestern) spießt der geschätzte Sprachkritiker Ruprecht Skasa-Weiß das "Patentwort 'von daher'" auf, das in den meisten Fällen mithilfe geringer geistiger Anstrengung durch ein passenderes Wörtchen wie "darum" ersetzt werden könne. Stimmt. Aber ach, Herr Skasa-Weiß, es ist ja noch viel schlimmer! In den letzten Jahren hat sich bei vielen Mitmenschen die Unsitte ausgebreitet, die Wendung "von daher" (meistens noch mit einem "also" davor) einfach an jeden beliebigen Satz anzuhängen. Das soll das Gesagte vermutlich "irgendwie" unterstreichen - aber zumindest ich warte dann immer auf eine Fortsetzung: "von daher" muss doch noch "irgendwas" kommen, oder? Noch schlimmer, aber zum Glück seltener, ist das Anhängen von einem gedehnten "und" an einen Satz - am besten noch so mit leicht amerikanischem Akzent: "ooooouuuhooonnnd". Ja, und?

Ungerecht

Der wunderbare Louis Begley in der frisch renovierten Stuttgarter Zeitung (befragt von Tim Schleider u.a. zum Thema Guantánamo): "Sehen Sie, genau das ist meine tiefe Überzeugung, meine Moral: Es ist viel schlimmer und verwerflicher, wenn ein Unschuldiger Ungerechtigkeit erleidet, als wenn ein Schuldiger womöglich unbestraft bleibt. Der Schaden für eine Gesellschaft, für unser Zusammenleben ist im ersten Fall weitaus größer als im zweiten." So ist es - und es wurde mir in aller Schärfe wieder deutlich beim Besuch der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen sowie beim Wiedersehen mit den Kempowski-Verfilmungen. Aber dazu später im puzzle 1989.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Eine Woche Pause

Berlin!

Dienstag, 9. Juni 2009

Wer hätte das gedacht?

Dass sich die ganze Opelretterei für die SPD so wenig auszahlt, hätte ich nicht erwartet. Wie vernünftig "der Wähler" doch sein kann - er traut ausgerechnet den geschmähten Liberalen offenbar doch einiges zu. Und siehe da: Prompt muss auch der Kanzlerkandidat gar nicht mehr retten, und für Arcandor ist die Insolvenz jetzt viel weniger schlimm als sie noch für Opel gewesen wäre. Ist das nun völlig abgedreht oder nur allzu verständlich? Jedenfalls scheint es mir - vernünftig. Und Stuttgart sorgt für eine Sensation, hier sind nun die Grünen stärkste Fraktion, in Worten: stärkste Fraktion im Gemeinderat (und die FDP legt auch flotte vier Prozent zu). Diese Überraschung basiert zwar auf einem Phänomen, der Anti-Stuttgart-21-Mehrheit, zu dem ich anderer Meinung bin. Aber frischer Wind ist willkommen, und in drei Jahren wählen wir dann Boris Palmer zum Stuttgarter OB (fände ich gut), oder doch Cem Özdemir (fände ich weniger gut). Dass Stuttgart 21 bis dahin oder dann wieder rückgängig gemacht wird, darauf würde ich allerdings nicht wetten, ganz unabhängig von meiner "Pro"-Haltung.

Puzzle 1989 (10)

Wieder Greifswald, Theaterfest zur Spielzeiteröffnung im Herbst 1991. Ein Wichtigtuer stolziert durch das Foyer und spricht mich an, nachdem er in mir den Dramaturgen erkennt. Was er genau sagte, weiß ich nicht mehr. Dann kommt er näher, hebt das Revers und will, dass ich mir eine kleine Anstecknadel näher betrachte. „Wissen Sie, was das ist?“ Ich verneine zunächst perplex. „Das sollten Sie aber!“ Eine Anstecknadel von der CSU.

Freitag, 5. Juni 2009

Kommunalwahl komplex

Ich bin meiner Wahlpflicht nachgekommen und habe nun Briefwahl gemacht (wg. Sonntagsausflug). Einfach war's nicht. Europawahl und so genannte Regionalversammlung - kein Problem, ein Kreuz machen und fertig, wobei allerdings die Parteien nicht etwa in gleicher Reihenfolge auf dem Zettel stehen. Aber die Kommunalwahl! Ich habe 60 Stimmen und darf "panaschieren" und "kumulieren", kann die Stimmen also verteilen auf verschiedene Kandidaten (von verschiedenen Parteien, wenn mir danach ist), wobei ich einzelnen jeweils eine, zwei oder drei Stimmen geben kann, aber keinesfalls die 60 insgesamt überschreiten darf, weil's dann ungültig ist. Zu diesem Zweck bekommt man vorab einen langen bunten Block von Stimmzetteln zugeschickt, den man schon präpariert ins Wahllokal mitbringen soll. Aber was mache ich mit 60 Stimmen, wenn ich die Kandidaten doch nur vom Plakatgesicht kenne? Nach Sympathie ankreuzen? Das wäre eine Verspottung der Demokratie, geht also nicht. Ich atme auf, als ich die umfangreiche Anleitung weiterlese: "Sie können auch den Stimmzettel einer Partei abtrennen und ohne jede Markierung in den Umschlag stecken. Dann bekommen alle 60 Kandidaten jeweils eine Stimme." Gelobt sei der Erfinder dieser Regel - obwohl es seltsam ist, den gelben Zettel nun wieder ohne ein einziges Kreuz abzugeben. Denn einige Plakatgesichter waren durchaus sympathisch.

Puzzle 1989 (9)

„Zu DDR-Zeiten“ – schon bald in den Neunzigern wurde dieses verbale Einsprengsel Mode und ging Theaterkollegen, die aus „dem Westen“ oder gar dem westlichen Ausland kamen, auf die Nerven. Das Kuriose daran: Es wurde auch gern von ziemlich jungen Theaterleuten gebraucht, die „zu DDR-Zeiten“ bestenfalls Studenten gewesen sein konnten, wenn nicht Schüler. Damals entstand wohl diese aggressive Abgeklärtheit – oder abgeklärte Aggressivität -, die sich inzwischen doch weit verbreitet hat, ja ausgeufert ist.

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