Einführungsartikel für ein Programmheft der Stuttgarter Philharmoniker (Konzert am 16.02.2013, Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1; Suk: Asrael-Sinfonie)
Dass Musik viel mit Gefühl zu tun hat, nimmt man meist als selbstverständlich hin. Man kann das aber auch wissenschaftlich untersuchen, etwa so: „Um Aufschlüsse über die Dynamik der akustischen Parameter zu erhalten, erzeugen 80 Versuchspersonen beim Hören ihrer Lieblingsstücke eine zweidimensionale Trajektorie ihres emotionalen Erlebens mittels eines Joysticks in Echtzeit mit Anzeige der Basisdimensionen Valenz und Aktivierung“. Dieser Satz entstammt der Beschreibung eines universitären Langzeitprojekts im Studienfach Musikpsychologie an der Musikhochschule Hannover. Da staunt der Fachmann, und der Laie ist froh, dass der zuständige Professor Reinhard Kopiez es auch einfacher sagen kann: „Die Musik und der Schmerz werden zu einer sehr intensiven Erfahrung. Das kann helfen, die Situation zu bewältigen“. So weit, so gut.
Aber es geht ja beim Zusammenhang von Musik und Gefühl, von Musik und Schmerz keineswegs nur um den Hörer. Musik wäre wohl keine Kunst, würde sie nicht Empfindungen ihres Urhebers ausdrücken und damit eine gewisse Gefühlsintensität schon „ab Werk“ in sich tragen. Wie sich dies mischt, wie das vom Komponisten Erfühlte (oder zumindest Erdachte) und Ausgedrückte beim Hörer ankommt; mit welchen Erfahrungen, Schmerzen oder Glücksgefühlen es dieser verknüpft, lässt sich wohl nur ganz subjektiv beurteilen und bestenfalls um den Preis weitgehender Verallgemeinerung in objektive Erkenntnisse überführen.
Die Komponisten Dmitri Schostakowitsch und Josef Suk schrieben ihre in diesem Konzert erklingenden Werke in extremen Situationen, unter starkem emotionalem Druck. Ihre, nüchtern formuliert, Ausgangsproblematik findet sich bei Schostakowitsch auf beruflichem Gebiet und bei Suk in der privaten Umgebung. Ob dieser Unterschied den beiden gleichermaßen emotional aufgeladenen Werken anzumerken ist – für diese Frage gilt wohl auch das oben Gesagte: Es bleibt der subjektiven Wahrnehmung und, wenn man so will, dem Gefühl des Hörenden überlassen.
„Wenn man dich auf Befehl des Führers und Lehrers von oben bis unten mit Schmutz übergießt, wage ja nicht, dich zu säubern. Verbeuge dich und bedanke dich! Es wird sowieso niemand deinen feindlichen Ansichten Beachtung schenken. Niemand wird für dich eintreten. Und das traurigste: Du kannst dich bei deinen Freunden nicht aussprechen, denn unter diesen traurigen Umständen hast du gar keine Freunde mehr.“ So schrieb Dmitri Schostakowitsch dem jungen Musikwissenschaftler Solomon Volkov Ende der 1960er Jahre. Man darf davon ausgehen, dass er darauf anspielte, was er einige Jahrzehnte zuvor erlebt hatte: Die Ausgrenzung aus dem Musikleben der Sowjetunion, die grundstürzende Kritik der Offiziellen an seinen Werken und damit an seiner künstlerischen Persönlichkeit. 1936 war Schostakowitsch durch diese Hölle gegangen, und nochmals 1948 – das in diesem Jahr komponierte erste Violinkonzert wagte er nicht zu veröffentlichen und kaschierte es noch sieben Jahre später bei der Uraufführung mit neuer Opuszahl als aktuelles Werk.
Man muss sich die Kritik an Schostakowitsch auf dem Komponistenkongress 1948 auf der Zunge zergehen lassen, um all ihre Widersprüchlichkeit, ja ihre Idiotie zu erspüren. Tichon Chrennikow (1913-2007), frisch gebackener Generalsekretär des Komponistenverbandes, hatte dort zunächst am Beispiel von Schostakowitschs zweiter Sinfonie den so genannten Konstruktivismus gebrandmarkt, „wo eine kalte lineare Grafik und ein gewolltes Spiel mit Rhythmen und Klangfarben den geringsten Vorschein eines lebendigen, gestalthaften und emotionalen Inhalts verdrängte“. Gleich darauf folgte der Vorwurf, der Konkurrent pflege die „nihilistisch-zynische Groteske, die bei den zeitgenössischen bürgerlichen Künstlern gewöhnlich deren skeptische, innerlich leere und zerbrochene Weltanschauung markiert. Dem Vergnügen am Banalen, Vulgären und Unbedeutenden widmete der junge Schostakowitsch viele Kräfte, hierin den westlichen ‚Meistern‘ der Groteske folgend“. Dann holte Chrennikow zum Rundumschlag aus, unbekümmert um Widersprüche zum Vorhergehenden: „Gröbster physiologischer Naturalismus und expressionistisch krankhafte Übertreibung“ seien in Schostakowitschs Opern zu finden, und die achte Sinfonie von 1943 galt ihm als „besonders deutliches Symptom der tiefen Krise und der formalistischen Verblendung dieses Künstlers, seiner Isolierung von der ihn umgebenden Wirklichkeit“.
Was denn nun, so fragt man sich – kein gestalthafter Inhalt, aber physiologischer (!) Naturalismus? Nihilismus, Zynismus und expressionistische Übertreibung, alles zugleich? Es fragte aber niemand so – Schostakowitsch schon gar nicht. Wissend um seine Abhängigkeit vom Wohlwollen der Sowjetfunktionäre, trotzte er der durch die Kaltstellung verursachten finanziellen Klemme, komponierte jahrelang für die Schublade und hoffte auf bessere Zeiten, die nach Stalins Tod im März 1953 dann auch kamen. Die Uraufführung des a-Moll-Violinkonzerts in Leningrad am 29. Oktober 1955 wurde allerdings von der staatlich gelenkten Presse weitestgehend ignoriert.
Es blieb dem Solisten David Oistrach (1908-1974) überlassen, dem von ihm hoch geschätzten Werk die verdiente öffentliche Beachtung zu verschaffen. Im Juli 1956 verfasste er einen Artikel für die Zeitschrift „Sowjetskaja Musyka“, in dem er das Werk ausführlich vorstellte und anschließend den Komponistenverband dafür verantwortlich machte, dass er Kritiker und Musikwissenschaftler davon abgehalten habe, über das Violinkonzert zu schreiben. Oistrach nahm das Werk mit auf eine USA-Tournee und spielte es am 9. Dezember 1955 in der New Yorker Carnegie Hall unter der Leitung des griechischen Dirigenten Dimitri Mitropoulos. Es muss ein großartiger Abend gewesen sein. Der aus Russland stammende Musikwissenschaftler Boris Schwarz schwärmte von „seltener Vollkommenheit“, Mitropoulos hielt beim Applaus die Partitur dem Publikum entgegen – eine anrührende Geste für den Komponisten in noch immer schwierigen Verhältnissen.
Schostakowitsch konzipierte das Violinkonzert sinfonisch – die Sologeige gliedert sich in eine vielfältige orchestrale Struktur ein und tritt am Ende des dritten Satzes mit einer außergewöhnlich langen Kadenz hervor, die ganz und gar dem Ausdrucksgedanken dieses ebenso trauergesättigten wie verzweifelt-schrillen Werks untergeordnet ist. Die Bezeichnungen der vier Sätze (Nocturne, Scherzo, Passacaglia, Burleske) wirken eher wie die Titel von Charakterstücken. Die „Nachtmusik“ des ersten Satzes transportiert in gewisser Weise eine unruhige Ruhe, ein nervöses Kreisen, das eine kalte russische Winternacht ebenso evoziert wie das mentale Pendant dazu: Schostakowitschs Situation ohne konkrete Aussichten auf Besserung. Den zwei musikalischen Themen gesellt der Komponist zurückhaltend sein Initialmotiv D-Es-C-H hinzu, das er in spätere Werken immer wieder einwebte. Diese Tonfolge taucht auch im anschließenden Scherzo auf, das ein atemberaubendes Tempo und höchstes Können des Solisten einfordert. Die groteske Übersteigerung dieses schnellen Satzes findet ihr Gegenstück in der folgenden, düster tragischen Passacaglia (eine Form, die Schostakowitsch gern für tief ernste Ausdrucksschattierungen einsetzte). Aus der typischen Basslinie entwickelt sich nach und nach das vordergründige Thema, das gegen Ende des Satzes in einem enervierend einprägsamen „Ein-Ton-Motiv“ der Violine aufgeht. Diese musikalische Anklage gegen das erstarrte sowjetische Musikleben ruft nach weiterer Steigerung.
Schostakowitsch antwortet jedoch mit der bereits erwähnten langen Solokadenz, die aus scheinbarer Erschöpfung neue Kraft gewinnt. Das Finale beginnt mit Paukenschlägen, die einem Satz den Rhythmus vorgeben, der höchst unterschiedlich interpretiert worden ist – als „fröhliche Burleske mit Elementen russischer Volksmusik“ (so Krzysztof Meyer), als „Jahrmarktstreiben“ (Oistrach), als „groteskes Idyll“ (Wiebke Matyschok), als Höllentanz, Delirium und manischer Ausbruch. Die Grundlage dieses offensichtlich vieldeutigen Satzes ist ein tänzerischer Rhythmus, der an Peter Tschaikowskys rund siebzig Jahre zuvor entstandenes Violinkonzert erinnert. Aber selbst wenn man diese Reminiszenz noch als „fröhlich“ einordnen wollte, sprechen der finale Einbruch des Passacaglia-Motivs und die grelle Coda unter maßgeblicher Beteiligung der „verrückt spielenden“ Solovioline eine ganz andere Sprache.
„Der Engel des Todes, der über euch eingesetzt ward, wird eure Seelen hinnehmen; zu eurem Herrn dann werdet ihr zurückgebracht“, heißt es in Vers 11 der 32. Sure des Korans. Der Engel Asrael, der der am 3. Februar 1907 uraufgeführten Sinfonie von Josef Suk ihren Namen gab, wird auch in einem Hadith, einer Geschichte um den Propheten Mohamed, beschrieben: „Während der Himmelsfahrt kam ich bei einem Engel vorbei, der auf einem Bett aus Licht saß, eines seiner Beine war im Osten, das andere Bein im Westen. Zwischen seinen Händen war eine Tafel, auf die er schaute. Die gesamte Welt war zwischen seinen Augen und die Schöpfung war zwischen seinen Knien. Und seine Hände reichten bis zum Osten und Westen.“ Asrael (auch Azrael), der im Islam ebenso bekannt ist wie im Judentum, führt also Buch über die Todesfälle. Der Begriff vom „Todesengel“ ist nicht eindeutig, denn Asrael bringt nicht etwa den Tod, sondern nimmt ihn zur Kenntnis, leitet die Verstorbenen in eine bessere Welt und kann Beistand für die Trauernden sein.
Josef Suk, der nicht nur als Komponist, sondern auch als Musiker und Pädagoge großen Einfluss auf die tschechische Musik seiner Zeit hatte, erhielt die Nachricht vom Tode seines Schwiegervaters Antonín Dvořák während einer Spanientournee mit seinem Streichquartett. Der berühmteste tschechische Komponist war am 1. Mai 1904 verstorben, und bald darauf begann Suk, ihm mit der Sinfonie „Asrael“ eine tief empfundene Trauermusik zu schreiben. Als Suk den ersten Satz fertig komponiert hatte, existierten Skizzen für die weiteren vier Teile, die auf eine mäßig optimistische Entwicklung hätten schließen lassen, wäre das Werk ohne weiteres vollendet worden. Es kam anders: Am 6. Juli 1905 starb auch Suks Gattin Otilie (Otilka), die Tochter Dvořáks, im Alter von nur 27 Jahren. Der Komponist, selbst gerade einmal Anfang dreißig, legte die Skizzen beiseite und formte die „Asrael“-Sinfonie zu einem weit ausgreifenden Orchestergesang über Tod, Verlust und Trauer. Insbesondere sind der vierte und der fünfte Satz Otilie gewidmet.
Die Verbindung zu Dvořák hat Suk im zweiten Satz hergestellt, wo er eine Phrase aus dessen Requiem zitiert. Doch ist das die gesamte „Asrael“-Sinfonie durchziehende Motiv als „Keim“ bereits ganz am Anfang des Werkes zu hören, und dieses Motiv ist mit jenem Dvořák-Zitat verwandt. Diese recht strenge Handhabung der musikalischen Thematik gibt dem Werk über die persönlich gefärbte Grundierung hinaus starken inneren Zusammenhalt. Die fortschrittliche Kompositionsweise, die Suk nach eigenen Angaben erstmals bei diesem Werk anwandte, drückt sich vor allem im dramatischen Ansatz aus, der indessen – blickt man auf Suks Zeitgenossen Mahler und Strauss – weder sinfonische Grenzüberschreitung noch schiere Programmmusik zur Folge hat. Der Dirigent des heutigen Konzertes, Walter Weller, hat überdies die Bindung des Werkes an das Land seiner Entstehung hervorgehoben: „Suk gehört ganz zur tschechischen Tradition. Das hört man auch an den typisch tschechischen Rhythmen, die es in einfacherer Form schon bei Smetana gibt. Manches ist dissonant, aber der Grundcharakter der Musik ist immer noch tief romantisch“.
Der erste Satz ist konfliktgeladen, alptraumhaft, mit grotesken Momenten und Stürzen in abgrundtiefe Leere. Einsam, eisig mit Holzbläsern und Violinen beginnt – und endet – der zweite Satz, ein Trauermarsch formt sich, doch was trösten könnte (ein sangliches Motiv der Celli), verebbt schnell. Der dritte Satz (Vivace) hat Züge eines traditionellen Scherzos, mit Trio und Wiederholung. Diese endet jedoch mit einem erschreckenden, auskomponierten Seufzer, bevor – beinahe wie ein eigener Satz – ein Andante-Abschnitt folgt, der nicht als Trost funktioniert, sondern als Übergang in einen kurzatmigen, hektischen Tanz, bevor das nochmals intensivierte Scherzo wiederholt wird.
Mit dem ersten Adagio, dem vierten Satz, setzte Josef Suk seiner verstorbenen Frau ein Denkmal. Aus einem stillen Klagegesang der tiefen Streicher wächst ein ausdrucksstarkes Erinnerungsmotiv in der Oboe, das nach und nach das ganze Orchester einbezieht. Im Wechselspiel des Mittelteils kommt die ganze Bandbreite von Erinnerung – zwischen tiefster Trauer und wehmütiger Nostalgie – zur Sprache. Auch der Schlusssatz ist ein Adagio (maestoso), jedoch ungleich zerrissener und in der Behandlung des musikalischen Materials überraschend modern. Hier nehmen Ausweglosigkeit, Wut und Verzweiflung Gestalt an, bevor etwa in der Mitte des Satzes eine vorsichtig tastende Bewegung, ein Suchen einsetzt, die zu einem verhalten zuversichtlichen Schluss des Werkes führen.
Wie schrieb der Professor Kopiez? „Die Musik und der Schmerz werden zu einer sehr intensiven Erfahrung. Das kann helfen, die Situation zu bewältigen“. Dies gilt sehr wohl für Josef Suk, der ins Leben zurückfand, ohne den erlittenen Verlust je ganz zu überwinden. Gilt es auch für denjenigen, der hört und – mitfühlt? Suk schrieb über die „Asrael“-Sinfonie: „Es wurde von diesem und anderen meiner Werke gesagt, sie seien extrem subjektiv. Natürlich entstammen sie meiner Lebenserfahrung, aber mit ihrem musikalischen und menschlichen Gehalt richten sie sich an die ganze Welt. Wenn am Ende des stürmischen, nervenaufreibenden Schlusssatzes der rätselhafte, weiche C-Dur-Akkord zu hören ist, sehe ich oft Tränen in den Augen der Hörer. Es sind Tränen der Erleichterung, die läutern und aufrichten. Es sind also nicht nur meine Tränen.“
(c) Jürgen Hartmann