Freitag, 21. November 2014

Das Schicksal ist ein schwieriger Geselle

Werke von de Falla und Beethoven im Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters - Vorbericht für die Zeitschrift "Kultur" der Kulturgemeinschaft Stuttgart, Ausgabe Dezember 2014

Das Schicksal ist auch nicht mehr, was es einmal war. Während die Menschen früher wohl so manches, was sie nicht ändern konnten, als „schicksalhaft“ hinnahmen, pflegen wir heutzutage als kritisch-aktive Persönlichkeiten auch zum Schicksal ein gebrochenes Verhältnis. Oder zumindest versuchen wir das. Ein aktuell berühmter Buch- und Filmtitel lautet „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, und was auf den ersten Blick nach lockerem jugendlichem Slang klingt, bedeutet letzten Endes: Zugegeben, es gibt Vorgänge, die sich unserem Willen und Einfluss entziehen, manchmal ist schlichtweg „nichts zu machen“.

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Aber manchmal eben doch. Die Ballettmusik „El amor brujo“ komponierte Manuel de Falla 1914/15 – wenn man so will, in historisch schicksalhafter Zeit vor ziemlich genau einhundert Jahren (wobei Spanien sich laut Regierungserklärung zu „striktester Neutralität“ verpflichtete und somit nicht in den ersten Weltkrieg verwickelt war). De Fallas Schicksal als Komponist war es zunächst, einen Misserfolg verdauen und sich in Geduld üben zu müssen. Als eine Art von szenischer Kantate aufgeführt, floppte „El amor brujo“ in seiner ersten Version, und de Falla verwendete das Material zunächst für ein Konzertstück, bevor er 1924 mit der in Paris und Chicago aufgeführten Ballettmusik seinen internationalen Ruhm begründete. „El amor brujo“, zu Deutsch etwa „Die verhexte Liebe“, spielt aber auch inhaltlich mit dem Schicksal, denn die Hauptperson Candela wird vom Geist ihres verstorbenen Mannes heimgesucht und fordert ihr Schicksal schließlich auf gewagte Weise heraus.

Das Stuttgarter Kammerorchester und sein Chefdirigent Matthias Foremny, der vor genau einem Jahr seinen Einstand auf dieser Position gab, kombinieren de Fallas farbenreiche Schicksalsmusik mit Werken von Ludwig van Beethoven. Im bewegten Leben dieses Komponisten brauchte es keine fünfte Sinfonie, damit das Schicksal an die Pforte pochte (wobei ohnehin sehr zweifelhaft ist, ob Beethoven selbst diese Verbindung hergestellt hat). Heute tätige freiberufliche Komponisten dürften mit gewissem Recht behaupten, dass auch ihre Zeiten schwierig sind, aber Beethoven in Wien – das ist denn doch eine extreme Geschichte des Auf und Ab in privater, beruflicher und nicht zuletzt gesundheitlicher Hinsicht. Die beiden im Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters aufgeführten Beethoven-Stücke lassen sich durchaus mit Gewinn in das „Schicksal“ Beethovens einordnen. So hatte das dritte Klavierkonzert nicht ohne Grund einen ungewöhnlich langen Entstehungszeitraum und wurde vom Komponisten mehrfach umgearbeitet. Es zeigt weit in die Zukunft – mit diesem Werk wandelte sich Beethoven, zumindest von heute aus betrachtet, zum romantischen Komponisten. Der türkische Pianist Fazil Say, der das Konzert am Dreikönigstag spielen wird, ist ein begnadeter Beethoven-Interpret: „Er findet einen ganz eigenen Ton für Beethoven, der hohen Wiedererkennungswert hat: Unnachgiebig, rastlos, aufgewühlt“, hieß es im NDR über seine Aufnahme des dritten Klavierkonzerts.

Kismara Pessatti hat den Beginn ihrer Karriere in einem Interview so beschrieben: „Alles war eine Fügung des Schicksals“. Eigentlich hatte sich die aus Brasilien stammende Sängerin nämlich dem Jazz ihres Heimatlandes widmen wollen, als sie sich für ihren ersten Gesangskurs einschrieb. Aus dem Irrtum – es handelte sich um einen Kurs für klassischen Gesang – erwuchs eine bemerkenswerte Karriere, die Pessatti unter anderem ans Opernhaus Zürich und später mehrfach zur Bachakademie Stuttgart führte. Als Interpretin von „El amor brujo“, dessen Musik von andalusischer Folklore inspiriert ist, kann die Mezzosopranistin gewiss auch aus ihrer Erfahrung mit dem „Brasilian Jazz“ schöpfen.

Auf dem Programm des Dreikönigskonzerts steht schließlich die achte Sinfonie Beethovens, ein Werk des Atemholens vor der gewaltigen Neunten, die wenige Jahre später alle Grenzen sprengen sollte. Aber der heitere Grundton, die überraschende Kürze haben eine Kehrseite. Der Musikwissenschaftler Peter Schleuning spürte in der Achten Ironie, Sarkasmus, womöglich Kritik oder gar Parodie auf, und der Dirigent Roger Norrington nannte das Werk gar eine „Handgranate“. Auch das war und ist wohl Beethovens Schicksal – als Witzemacher können wir ihn uns bis heute wahrlich nicht vorstellen.

(c) Jürgen Hartmann

Montag, 3. November 2014

Dramaturg der Herzen - genial

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Wie oft bin ich gefragt worden: Was macht eigentlich ein Dramaturg? Die ultimative Antwort gibt der Kollege vom Schauspiel Hannover, Henning Hartmann (nicht mit mir verwandt oder verschwägert, soviel ich weiß) - siehe oben! Viel Vergnügen und Glückwunsch nach Hannover! Meine Neigung zu Büchern, Strichfassungen und klitzekleinen Programmheften auf mattem Papier ist ungebrochen!

Montag, 13. Oktober 2014

GAIA Musikfestival 2014

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Zum wiederholten Male arbeitete ich beim GAIA Musikfestival in der Schweiz mit (und war dieses Jahr auch endlich mal dort). 2014 also war ich "nur" Redakteur des Programmhefts, das man hier als pdf herunterladen kann.

Über GAIA 2013 gibt es einen schönen Film, und überhaupt kann man im Youtube-Kanal des Festivals sehr schön stöbern!

http://www.gaia-festival.com

Dienstag, 23. September 2014

Experimentierfreudig, selbstkritisch, Tenor

Matthias Klink kehrt mit seinem Debüt als Max im „Freischütz“ ins Stuttgarter Opernensemble zurück - Beitrag für die Stuttgarter Zeitung, veröffentlicht am 18.09.2014

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„Feines Charakterisierungsvermögen“ müsse ein so genannter Zwischenfachtenor besitzen, steht im guten alten Opernführer von Rudolf Kloiber, der 1951 erstmals erschien und den zu konsultieren sich noch immer lohnt. Und was war das noch mal, das Zwischenfach? Laut Kloiber „das zwischen den lyrischen und schweren Organen liegende Stimmmaterial“. Das klingt nun fast klinisch, trifft aber doch den Kern: Es gibt eben Gesangsstimmen, die nicht (mehr) ganz lyrisch-weich, aber auch (noch) nicht heldenhaft gestählt klingen. Und es gibt, zumal für Tenöre, eine ganze Reihe von Opernrollen, die genau solche Stimmen erfordern: den Don José in „Carmen“ beispielsweise, und den Max im „Freischütz“. Dafür, dass diese Partien eine klangvolle tiefe Lage ebenso einfordern wie schmelzende hohe Passagen, werden sie von manchen Sängern gefürchtet, von anderen geschätzt. Matthias Klink, der im Oktober erstmals den Max singen wird, gehört zu den Letzteren.

In den letzten sechs Wochen der vergangenen Spielzeit habe er das inszenierte Oratorium „Le vin herbé“ des Schweizers Frank Martin in Berlin, eine Operette mit dem Rundfunkorchester München, den Lenski in Tschaikowskys „Eugen Onegin“, den Edwin in der „Csárdásfürstin“, Alfredo in Verdis „Traviata“ und ein Konzert mit Werken von Luigi Nono gesungen, erzählt Matthias Klink durchaus mit einem gewissen Stolz. Das Spektrum zwischen alt und neu, zwischen ernst und locker gehört für den Tenor zum Sängerleben, wobei man wissen muss, dass die ersten zehn Jahre seiner Karriere – wie er sagt – „fast nur aus Tamino und Belmonte bestanden“. Mit diesen Mozart-Rollen machte sich der in Fellbach-Schmiden geborene Sänger schon bald nach seinem Studium auch an der Oper Stuttgart bekannt. Vielen Musikfreunden wird sein Belmonte in der legendären Neuenfels-Inszenierung der „Entführung“ in guter Erinnerung sein. Als Tamino betrat Klink später auch die allerheiligsten Bühnenbretter – bei den Salzburger Festspielen, in der Wiener Staatsoper und der New Yorker Met.

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Von dieser „Mozartschule“, so sagt Klink, sei er bis heute geprägt. Er geht jede Partie von der psychologischen Seite an, erarbeitet sich „ein klares Bild von der inneren Haltung“ der Bühnenfigur und lotet auch die „körperliche Qualität“ einer Partie aus. Matthias Klinks Experimentierlust prägt den Umgang mit seinem Beruf ebenso wie seine Fähigkeit zur Selbstkritik. So lässt er sich zwar auf das Risiko ein, in großen Partien wie Don José oder Hoffmann nach nur wenigen Proben zu debütieren. Aber er weiß auch, wenn es für eine Partie zu früh oder ein Abend nicht zufriedenstellend gelungen ist. „Meine Stimme ist im Kern lyrisch und wird es auch bleiben“, sagt Klink, „aber man muss flexibel sein und es wäre ja langweilig, immer auf denselben Knopf zu drücken“. Und der Max im „Freischütz“? „Ein bisschen Wahnsinn steckt schon in ihm, er ist Täter und Opfer zugleich“, überlegt Matthias Klink, fragt sich dann selbst, wie er in diesem Fall einen „interessanten Charakter“ schaffen könnte und antwortet halb nüchtern, halb geheimnisvoll: „Ich weiß noch nicht“. Dass er beim „Freischütz“ in eine über dreißig Jahre alte Inszenierung von Achim Freyer einsteigt, die er selbst als jugendlicher Zuschauer gesehen hat, findet er prima, zumal er den Regisseur aus mehrfacher Zusammenarbeit kennt. Ebenso übrigens wie Toni Krämer, den allerersten Max in dieser Produktion von 1980: Als Matthias Klink (er weiß es noch genau: „am 16. Juli 1996“) in Stuttgart als Tamino debütierte, stand Krämer als 1. Geharnischter auf der Bühne – und kündigte in dieser Funktion dem jungen Kollegen „eine Straße voller Beschwerden“ an.

Zur bewussten Vielseitigkeit gehört auch die Operette, über die manche Sänger gern die Nase rümpfen. „Sie erfordert 150-prozentige Energie“, erklärt Matthias Klink, der mit seiner Frau, der Sopranistin Natalie Karl, eine CD mit Duetten von Lehár, Kálmán und anderen Meistern der Gattung produziert hat. Natürlich müsse man, so viel zum Thema Psychologie, in der Operette auch einfach mal an die Rampe treten und etwas „behaupten“, aber es gebe eben auch sehr viel Tiefgründiges, Witziges, Schmerzliches, Menschliches, meint der Sänger, der zur populären Musik ohnehin eine ehrliche Neigung pflegt – auch wenn die Kunst des Hobbygitarristen bislang noch im Keller des Heslacher Eigenheims verborgen bleibt.

Solche Häuslichkeit ist international tätigen Opernsängern heutzutage selten vergönnt – zu selten, wie Matthias Klink vor einiger Zeit für sich entschieden hat. Der zweifache Vater, vier und neun sind die Kinder, mochte irgendwann nicht mehr „zwei Monate im winterlichen Chicago verbringen, um den Alfred zu singen“, wie er sagt. Auch wenn der Tenor weiter in aller Welt auftreten möchte und wird, sei gerade das Ensemble der Oper Stuttgart in gewisser Weise ein Ort der Geborgenheit, an dem er sich nicht ständig „verkaufen“ müsse und der dennoch die geliebten Experimente erlaube. Auch eine Partie in Mussorgskys „Chowanschtschina“ und der Ismaele im „Nabucco“ stehen demnächst an – diese Verdi-Partie lernt Matthias Klink für nur drei Vorstellungen im Februar 2015; wohl kaum, weil er unbedingt muss, sondern weil es ihm Spaß macht. Die Hoffnung, dass „nicht einfach jeder sein Ding macht, sondern eine partnerschaftliche Zusammenarbeit gelingt“, beschäftigt den Sänger, der auch die Schattenseiten der oft einfach nur funktionierenden Opernwelt kennt. Diese Hoffnung dürfte in Stuttgart auf Gegenliebe treffen. Wie hieß es doch damals beim alten Kloiber? „So verfügt heute jede qualifizierte Opernbühne über ein sorgfältig aufeinander abgestimmtes Solisten-Ensemble, dessen Zusammenwirken man als Ensemblekunst bezeichnet“.

http://www.matthiasklink.de

Donnerstag, 18. September 2014

Uf Wiederluege!

Über das Musikkollegium Winterthur (Beitrag für die Zeitschrift "Kultur" der Kulturgemeinschaft Stuttgart, September/Oktober 2014, Konzert am 5. Oktober in der Liederhalle Stuttgart)

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Die professionelle Schweizer Orchesterlandschaft ist vielfältig – es gibt die Klangkörper der kleineren Musiktheater in St. Gallen, Biel/Solothurn und Luzern, es gibt das kürzlich in „Philharmonia Zürich“ umbenannte Orchester des dortigen Opernhauses und die hauptstädtische „Stiftung Konzert Theater Bern“. International bekannter sind das Tonhalle-Orchester in Zürich und das Genfer Orchestre de la Suisse Romande. Hinzu kommen das Sinfonieorchester Basel, das Orchestra della Svizzera Italiana in Lugano, die Kammerorchester in Zürich und Lausanne, die Festival Strings Lucerne, zahlreiche Projektensembles – und das Musikkollegium Winterthur, das am 5. Oktober mit Werken von Sibelius, Tschaikowsky und Haydn in der Stuttgarter Liederhalle gastiert.

Die organisatorischen Strukturen dieser Orchester haben sich insbesondere in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Wie es inzwischen auch in Deutschland zu beobachten ist, zog sich der Schweizer Rundfunk schon vor Jahren aus der alleinigen Verantwortung für die großen Klangkörper zurück, pflegt mit den Orchestern in Lugano und Genf nur mehr eine lockere Zusammenarbeit und entließ seine Basler Musiker in eine Fusion mit dem heutigen Sinfonieorchester Basel, dessen Finanzierung inzwischen auf einer Stiftung beruht. Ebenfalls eine erst in den letzten Jahren gegründete Stiftung ist Träger von „Konzert Theater Bern“, worin das Sinfonieorchester der Hauptstadt integriert ist. Dort hat man damit die nicht immer als vorteilhaft empfundene Trennung von Opernhaus und Orchester beseitigt und sich an Zürich orientiert, während in Basel ebenso wie in Genf und Lausanne die Orchestermusiker weiterhin vom Theater quasi gemietet werden.

In Winterthur hingegen ist – durchaus im guten Sinne – alles beim Alten geblieben, sieht man von der zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfolgten Umbenennung des „Stadtorchesters“ in „Musikkollegium“ einmal ab. Damit besann sich das rund 50-köpfige Orchester aus der 100.000-Einwohner-Stadt gut 25 Kilometer nördlich von Zürich ausdrücklich auf seine große Tradition. Schon 1629 – auf bürgerliche Iniatiative und als Laienorchester – gegründet, zählt es zu den ältesten musikalischen Institutionen Europas. 1875 wurde es in ein professionelles Ensemble umgewandelt und prägt heute das städtische Musikleben maßgeblich durch rund vierzig Konzerte sowie nicht unwichtige „Nebenwirkungen“ wie einer exemplarischen Jugendarbeit und der Pflege von bedeutenden Archivbeständen.

Regelmäßig sagt das Musikkollegium aber auch der weithin gerühmten Lebensqualität Winterthurs „Uf Widerluege“ und begibt sich auf Reisen. Rund dreißig Konzerte finden bei Konzerttourneen in der Schweiz und im Ausland statt, immer wieder kommt das Orchester nach Deutschland: Dem Stuttgart-Gastspiel folgt in diesem Jahr noch ein Auftritt in Leverkusen mit Heinz Holliger am Pult, im Januar tut sich das Musikkollegium mit dem Else-Klink-Ensemble Eurythmum Stuttgart für Auftritte in Karlsruhe, Köln und erneut Stuttgart zusammen, und bis Ende der Spielzeit stehen Lörrach, Darmstadt und abermals Köln auf dem Programm. Beim aktuellen Stuttgarter Konzert steht Chefdirigent Douglas Boyd am Pult, dessen Vertrag man in Winterthur erst kürzlich bis Ende der Saison 2015/16 verlängert hat. Der schottische Musiker ist seit 2009 Chefdirigent des Musikkollegiums. Das Stuttgarter Programm enthält zwei Schwerpunkte, die Boyd die Spielzeit über verfolgt: Sibelius, den er für „einen zu Unrecht Benachteiligten in unserem Konzertleben“ hält, und Haydn, bei dem die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis gerade auch einem Orchester wie dem Musikkollegium Winterthur zu Gute kommen, das auf Grund seiner Größe die Klassik zu seinem gleichsam natürlichen Repertoire zählt, aber auf modernen Instrumenten musiziert.

Auch wenn Anna Vinnitskaya schon seit fünf Jahren Klavierprofessorin in Hamburg ist, darf man die 1983 in Russland geborene Pianistin zur „jungen Generation“ zählen. 2007 gewann sie den anspruchsvollen „Concours Reine Elisabeth“ in Brüssel, der schon so manche große Karriere begründet hat, 2011 erhielt sie einen ECHO-Klassikpreis als Nachwuchskünstlerin des Jahres, und zwei ihrer bisher drei CDs wurden mit dem Diapason d’Or ausgezeichnet. Ihre Zusammenarbeit mit dem Musikkollegium Winterthur verweist auch darauf, dass man dort immer wieder gezielt jüngere, aufstrebende Musiker (wie beispielsweise den Pianisten Kit Armstrong) fördert. Dafür spricht auch die Kooperation mit der 2007 aus Musik- und Kunsthochschule fusionierten Zürcher Hochschule der Künste, die in Winterthur eine Dépendance hat.

Träger des Musikkollegiums Winterthur ist ein Verein, was auf die starke Verankerung des Musiklebens in der durch die ständige Entwicklung bürgerlicher Freiheiten geprägten Schweizer Gesellschaft deutet. Präsidentin des Musikkollegiums ist die Parlamentsabgeordnete Maja Ingold, und 2012 gründete sich in Zeiten finanzieller Probleme ein Freundeskreis des Orchesters mit dem schwungvollen Namen „Allegro“. Auf dessen Website kann man lesen, man sei „hell begeistert davon, dass es in Winterthur solch ein weit über die Region hinaus bekanntes Stadt-Orchester gibt. Gar keine Frage: Winterthur verdient dieses Orchester. Und: Winterthur soll sich ein Orchester dieses Formats auch leisten“. Solche Aufrufe kommen einem hierzulande sehr bekannt vor – auch die Schweiz ist keine Insel der Seligen mehr.

(c) Jürgen Hartmann

http://www.musikkollegium.ch

Sonntag, 14. September 2014

Saisonstart in Wiesbaden

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Ganz subjektive Bemerkungen zum Spielzeitstart in Wiesbaden - angenehme Aufbruchstimmung, vier Premieren an vier Tagen plus Theaterfest usw. In der Stadt aber wenig davon zu sehen (wo gibt es eigentlich noch Litfasssäulen?). Ich habe mir zwei der Premieren angesehen - "Die Frau ohne Schatten" und "Die Dreigroschenoper". Ersteres, Kammerspiel und monströser Brocken von Richard Strauss, hatte eine sehr gute Premiere, meine ich: Sorgfältig und deutlich inszeniert mit einigen geradezu sensationellen Bildern, musikalisch über sich - d.h. die Verhältnisse - hinausgewachsen. "Dreigroschenoper" hingegen - braucht man ein Werk von Brecht, um zu zeigen, dass Brecht von gestern ist? Es war gewissermaßen eine konservative Inszenierung, ein Stück Schauspielmuseum: Bei Castorf war's vor zwei Jahrzehnten noch neu, das Aus-der-Rolle-treten, Improvisieren, Schreien, Maulen, Spucken, Kotzen. Dennoch bin ich gespannt, wie's weitergeht.

http://www.staatstheater-wiesbaden.de

Mittwoch, 10. September 2014

Am schönsten ist es zu Hause!

Ulf Schirmers Aufnahme von Richard Strauss' "Intermezzo" ist eine echte Bereicherung im Jubiläumsjahr.

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Während es zum 150. Geburtstag die Salomes, Elektras und Rosenkavaliere am laufenden Band gibt, werden die weniger bekannten Opern von Richard Strauss vernachlässigt. Dabei ist nicht zuletzt ' Intermezzo', 1924 in Dresden uraufgeführt, reizvoll für ein versiertes Aufnahmeteam. Die locker-bissige Komödie um Eheleben und Eifersucht, deren Libretto Strauss selbst verfasste, ist zwar nicht gerade ein Hohelied auf die Emanzipation, bietet aber doch eine gut gemachte, vielseitige Musik. Manchmal klingt es nach silberner Rose, dann nach sieben Schleiern, und es gibt für alle Beteiligten dankbare Aufgaben.

Ulf Schirmer und das Münchner Rundfunkorchester führten diese Ode an die Häuslichkeit 2011 beim Richard-Strauss-Festival in Garmisch auf, und der genius loci hat sie inspiriert. Das Orchester glänzt in den ausführlichen sinfonischen Zwischenspielen der aus vielen kurzen Szenen montierten Komödie, und man kann nachvollziehen, dass die direkt aus dem Leben gegriffene Handlung - wenig später als 'Zeitoper' in Mode - damals etwas ganz Neues war. Vor allem die Partie der zickigen Hausfrau hat es in sich und fordert vom reinen Sprechen über unterschiedlich schattierte Rezitative bis hin zum typisch großen Strauss-Ton alle vokalen Register.

Simone Schneider, Ensemblemitglied der Oper Stuttgart, bekommt das mit der Lockerheit der ehemaligen Koloratursängerin und dem inzwischen erreichten jugendlich-dramatischen Sopranglanz prima hin. Als ihr Partner poltert Markus Eiche standesgemäß heldenbaritonal, und auch hinsichtlich der Nebenrollen (neben anderen Martina Welschenbach als muntere Kammerjungfer und Martin Homrich als durchtriebener Baron Lummer) muss sich das Ensemble nicht verstecken. Für den Spaß am Rande sorgt die Garmischer Festspielchefin Brigitte Fassbaender unter anderem als missgelaunte Köchin - wenn das keine Luxusbesetzung ist!

http://www.richard-strauss-festival.de
http://www.cpo.de

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