Verrückt und vergnüglich: Jacques Offenbachs „Pariser Leben“
Beitrag für das Theatermagazin "Buffo" der Staatsoperette Dresden (Premiere am 27.01.2012)

Früher, und auch zu Offenbachs Zeit, war es üblich, dass Sängerinnen ihre Bühnenkostüme selbst in Auftrag gaben. Was also hatte es zu bedeuten, dass Mademoiselle Elmire Paurelle, die in der Uraufführung von „Pariser Leben“ die Pauline spielen sollte, am Tag vor der Generalprobe ihr Kleid abbestellte? Ganz einfach: Die junge Sopranistin hatte sich von der allgemeinen Panik im Vorfeld der Premiere anstecken lassen und war sich sicher, dass Jacques Offenbachs neues Stück vor dem dritten Akt – in dem sie ihr Kostüm erst benötigt hätte – längst abgebrochen und auf Nimmerwiedersehen vom Spielplan verschwinden würde. Sie war nicht die Einzige, die einen Misserfolg voraussah: Auch den Librettisten Ludovic Halévy brachte die Probenarbeit an den Rand der Verzweiflung und er machte sogar eigenmächtig der Direktion des Theaters Palais Royal das Angebot, die neue Operette noch vor der Uraufführung zurückzuziehen. Wir wollen es ihm verzeihen: Der berühmte Theaterdichter war, wie er selbst zugab, „à peu près fou“ – also: so gut wie verrückt.
Nur einer blieb standhaft und glaubte an den Erfolg, der sich dann auch einstellen sollte – das war der Komponist selbst. Im Herbst 1865 hatte er den Auftrag erhalten, das neue Stück zur Weltausstellung 1867 fertig zu stellen (diese Verbindung regte ihn und die Textdichter gewiss dazu an, die „exotischen“ Gäste aus Brasilien und dem Reich der Phantasie zu erfinden und entsprechend reizvoll mit Musik zu versehen). Das Jahr der spektakulären Weltausstellung beförderte Jacques Offenbach auf den Zenit seiner Karriere: Im Jahr 1867 wurden an drei verschiedenen Theatern „Die Großherzogin von Gerolstein“, „Pariser Leben“ und – damals erfolgreich, heute vergessen – „Robinson Crusoe“ gespielt. Das Theater Palais Royal hatte regelrecht um den Komponisten geworben, der die Konkurrenzsituation der privaten Bühnen nicht nur in Paris, sondern auch in Wien für sich zu nutzen verstand.
Dass Jacques Offenbach das Theaterleben in Wien durchaus maßgeblich mitgeprägt hat und damit eine Vorbildfunktion für Komponisten wie Johann Strauß Sohn einnahm, ist nur auf den ersten Blick überraschend. Gerade Johann Nestroy, die zentrale Figur des Altwiener Volkstheaters im 19. Jahrhundert, war immer an neuen französischen Stücken interessiert. An der Seite Nestroys stand Karl Treumann, seit 1852 Schauspieler am Carltheater und schon bald darauf Bearbeiter, Übersetzer, Darsteller und Regisseur von „importierten“ Werken Offenbachs. 1861 erschien der französische Komponist erstmals in Wien auch als Dirigent, er gastierte dort mit seinen „Bouffes Parisiens“ und präsentierte 1864 an der Hofoper „Die Rheinnixen“ (ein böswilliger Kritiker machte sich seinen Reim darauf: dieses Werk sei „rein nix“ gewesen).
Karl Treumann, dessen deutsche Gesangstexte in der Neuinszenierung der Staatsoperette zu hören sind, muss man sich als echten Theater-Tausendsassa vorstellen. Nach dem Motto „Lasst mich auch den Löwen spielen!“, übernahm er bei der Wiener Premiere von „Pariser Leben“ nicht nur die drei Rollen Brasilianer, Frick und Prosper, sondern gab auch noch die pompöse Madame Quimper-Karadec. Die Staatsoperette orientiert sich daran, indem Christian Grygas die drei erstgenannten Rollen singen wird und die Madame von einem männlichen Interpreten (Hans-Jürgen Wiese) dargestellt ist. Die gesprochenen Dialoge der Wiener Fassung jedoch wären für eine heutige Aufführung zu lang, zu umständlich und zeitgebunden. Sie werden deshalb durch eine Neufassung der Regisseurin Jasmin Solfaghari ersetzt, deren Prägnanz und Situationskomik beim Publikum sicher für Vergnügen sorgen werden. Musikalisch beruht die Einstudierung von Chefdirigent Ernst Theis auf der inzwischen schon berühmten kritischen Edition des Offenbach-Spezialisten Jean-Christophe Keck. Für die Dresdner Produktion von „Pariser Leben“ wurde die Wiener Fassung als Aufführungsmaterial vom Verlag eigens hergestellt, so dass sich das Publikum der Staatsoperette auf eine gleichsam „inoffizielle“ Erstaufführung dieser Version freuen darf.
Jacques Offenbach hat in seinen Operetten oft auf antike Stoffe („Orpheus“) und alte Märchen („Blaubart“) zurückgegriffen oder die Handlung in Fantasiereiche wie „Gerolstein“ verlegt – immer mit dem Ziel, durch die Umdeutung alter Stoffe die aktuellen Zeitbezüge herauszustreichen. In „Pariser Leben“ jedoch gingen der Komponist und seine Autoren Meilhac und Halévy einen anderen Weg und brachten den Alltag ihrer eigenen Zeit auf die Bühne. Dass in dieser Operette ständig Theater gespielt, genauer gesagt immerzu improvisiert wird, um den Gästen aus Schweden das vermeintliche „Pariser Leben“ vorzuführen, deutete damals auf die Verhältnisse im pompösen Kaiserreich Napoléons III., dessen Herrschaft im Grunde auch eine permanente Theateraufführung auf dünnem Eis war; in ständiger Gefahr, krachend zu scheitern. Dies auf der Bühne zu gestalten, war ein ziemlich genialer Schachzug und dürfte damals sehr wohl verstanden worden sein. Und wie ist das heute? Politische Zeitkritik ist Offenbachs „Pariser Leben“ nur schwerlich zu entlocken. Aber: Spielen wir auch heutzutage nicht oft genug im Alltag Theater? Lassen wir uns nicht gerne etwas vormachen und gehen mehr oder minder begabten Blendern auf den Leim? Und: Haben wir nicht sogar Spaß an diesem ganzen Lug und Trug? Auf diese Fragen will die Staatsoperette einige vergnügliche Antworten geben.
(c) Jürgen Hartmann
http://www.staatsoperette-dresden.de

Früher, und auch zu Offenbachs Zeit, war es üblich, dass Sängerinnen ihre Bühnenkostüme selbst in Auftrag gaben. Was also hatte es zu bedeuten, dass Mademoiselle Elmire Paurelle, die in der Uraufführung von „Pariser Leben“ die Pauline spielen sollte, am Tag vor der Generalprobe ihr Kleid abbestellte? Ganz einfach: Die junge Sopranistin hatte sich von der allgemeinen Panik im Vorfeld der Premiere anstecken lassen und war sich sicher, dass Jacques Offenbachs neues Stück vor dem dritten Akt – in dem sie ihr Kostüm erst benötigt hätte – längst abgebrochen und auf Nimmerwiedersehen vom Spielplan verschwinden würde. Sie war nicht die Einzige, die einen Misserfolg voraussah: Auch den Librettisten Ludovic Halévy brachte die Probenarbeit an den Rand der Verzweiflung und er machte sogar eigenmächtig der Direktion des Theaters Palais Royal das Angebot, die neue Operette noch vor der Uraufführung zurückzuziehen. Wir wollen es ihm verzeihen: Der berühmte Theaterdichter war, wie er selbst zugab, „à peu près fou“ – also: so gut wie verrückt.
Nur einer blieb standhaft und glaubte an den Erfolg, der sich dann auch einstellen sollte – das war der Komponist selbst. Im Herbst 1865 hatte er den Auftrag erhalten, das neue Stück zur Weltausstellung 1867 fertig zu stellen (diese Verbindung regte ihn und die Textdichter gewiss dazu an, die „exotischen“ Gäste aus Brasilien und dem Reich der Phantasie zu erfinden und entsprechend reizvoll mit Musik zu versehen). Das Jahr der spektakulären Weltausstellung beförderte Jacques Offenbach auf den Zenit seiner Karriere: Im Jahr 1867 wurden an drei verschiedenen Theatern „Die Großherzogin von Gerolstein“, „Pariser Leben“ und – damals erfolgreich, heute vergessen – „Robinson Crusoe“ gespielt. Das Theater Palais Royal hatte regelrecht um den Komponisten geworben, der die Konkurrenzsituation der privaten Bühnen nicht nur in Paris, sondern auch in Wien für sich zu nutzen verstand.
Dass Jacques Offenbach das Theaterleben in Wien durchaus maßgeblich mitgeprägt hat und damit eine Vorbildfunktion für Komponisten wie Johann Strauß Sohn einnahm, ist nur auf den ersten Blick überraschend. Gerade Johann Nestroy, die zentrale Figur des Altwiener Volkstheaters im 19. Jahrhundert, war immer an neuen französischen Stücken interessiert. An der Seite Nestroys stand Karl Treumann, seit 1852 Schauspieler am Carltheater und schon bald darauf Bearbeiter, Übersetzer, Darsteller und Regisseur von „importierten“ Werken Offenbachs. 1861 erschien der französische Komponist erstmals in Wien auch als Dirigent, er gastierte dort mit seinen „Bouffes Parisiens“ und präsentierte 1864 an der Hofoper „Die Rheinnixen“ (ein böswilliger Kritiker machte sich seinen Reim darauf: dieses Werk sei „rein nix“ gewesen).
Karl Treumann, dessen deutsche Gesangstexte in der Neuinszenierung der Staatsoperette zu hören sind, muss man sich als echten Theater-Tausendsassa vorstellen. Nach dem Motto „Lasst mich auch den Löwen spielen!“, übernahm er bei der Wiener Premiere von „Pariser Leben“ nicht nur die drei Rollen Brasilianer, Frick und Prosper, sondern gab auch noch die pompöse Madame Quimper-Karadec. Die Staatsoperette orientiert sich daran, indem Christian Grygas die drei erstgenannten Rollen singen wird und die Madame von einem männlichen Interpreten (Hans-Jürgen Wiese) dargestellt ist. Die gesprochenen Dialoge der Wiener Fassung jedoch wären für eine heutige Aufführung zu lang, zu umständlich und zeitgebunden. Sie werden deshalb durch eine Neufassung der Regisseurin Jasmin Solfaghari ersetzt, deren Prägnanz und Situationskomik beim Publikum sicher für Vergnügen sorgen werden. Musikalisch beruht die Einstudierung von Chefdirigent Ernst Theis auf der inzwischen schon berühmten kritischen Edition des Offenbach-Spezialisten Jean-Christophe Keck. Für die Dresdner Produktion von „Pariser Leben“ wurde die Wiener Fassung als Aufführungsmaterial vom Verlag eigens hergestellt, so dass sich das Publikum der Staatsoperette auf eine gleichsam „inoffizielle“ Erstaufführung dieser Version freuen darf.
Jacques Offenbach hat in seinen Operetten oft auf antike Stoffe („Orpheus“) und alte Märchen („Blaubart“) zurückgegriffen oder die Handlung in Fantasiereiche wie „Gerolstein“ verlegt – immer mit dem Ziel, durch die Umdeutung alter Stoffe die aktuellen Zeitbezüge herauszustreichen. In „Pariser Leben“ jedoch gingen der Komponist und seine Autoren Meilhac und Halévy einen anderen Weg und brachten den Alltag ihrer eigenen Zeit auf die Bühne. Dass in dieser Operette ständig Theater gespielt, genauer gesagt immerzu improvisiert wird, um den Gästen aus Schweden das vermeintliche „Pariser Leben“ vorzuführen, deutete damals auf die Verhältnisse im pompösen Kaiserreich Napoléons III., dessen Herrschaft im Grunde auch eine permanente Theateraufführung auf dünnem Eis war; in ständiger Gefahr, krachend zu scheitern. Dies auf der Bühne zu gestalten, war ein ziemlich genialer Schachzug und dürfte damals sehr wohl verstanden worden sein. Und wie ist das heute? Politische Zeitkritik ist Offenbachs „Pariser Leben“ nur schwerlich zu entlocken. Aber: Spielen wir auch heutzutage nicht oft genug im Alltag Theater? Lassen wir uns nicht gerne etwas vormachen und gehen mehr oder minder begabten Blendern auf den Leim? Und: Haben wir nicht sogar Spaß an diesem ganzen Lug und Trug? Auf diese Fragen will die Staatsoperette einige vergnügliche Antworten geben.
(c) Jürgen Hartmann
http://www.staatsoperette-dresden.de
kulturchronist - 28. Jan, 17:23





