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Dienstag, 1. Dezember 2009

Ein blonder Minister?

"Jung, ledig, Ministerin" titelte die Welt am Sonntag. Nun gut. Die Unterzeile ist tückischer: "Politik als Krimi - Hektische Tage, die aus einer blonden, 32-jährigen Soziologin die neue Hoffnung der CDU machen". Umgeben von zwei Übertreibungen (Krimi? Neue Hoffnung? Geht's nicht eine Nummer kleiner) also: Soziologin (Untertext: "Ob das was Rechtes ist?") und vor allem "blond". Merken die Redakteure das gar nicht? Man darf wohl Absicht unterstellen, und die heißt - wieder einmal - Diskreditierung einer PolitikerIN. Würde man so auch über einen Mann schreiben? Denken wir es uns: "Jung, ledig, Minister" - "Hektische Tage, die aus einem blonden, 32-jährigen Soziologen die neue Hoffnung der CDU machen". Klingt ungewohnt, nicht wahr?

Themenwechsel, oder nein, nur fast. Da zum Leben meiner Eltern nun mal das Fernsehen gehört und ich ein braver Sohn bin, setze ich mich manchmal dazu, wenn ich dort bin. Aus dem Paralleluniversum des Fernsehens möchte ich von einer Kochsendung berichten, wo Horst Lichter, der - mit Verlaub - ja nicht gerade top-hetero wirkt, eingestand, er werde "gerne von zwei Frauen regiert". Hach, wat haben wir geschmunzelt.

Fazit: Sind nicht zwanzig Jahre vergangen, seitdem all das noch zum guten Ton gehörte?

Samstag, 28. November 2009

Stark? Tapfer?

In den ersten Tagen meiner Paris-Woche hatte ich weder Tageszeitung noch Internet und Fernsehnachrichten sowieso nicht. Vom Selbstmord Robert Enkes erfuhr ich erst durch eine mitgebrachte FAZ, habe dann in den nächsten Tagen wechselweise FAZ und Süddeutsche gelesen, so dass der ganz große Rummel teils an mir vorbeiging, teils mich nach der Rückkehr ebenso überraschte wie irritierte. Nun blätterte ich in der Autowerkstatt im Stern, wo ein Freund von Enke, Ex-Fußballer und nun Journalist, zurückblickte. Seine Formulierung, Enke werde als tapferer und starker Mensch in Erinnerung bleiben, scheint mir auf das große Missverständnis zu deuten, dass den Torwart nach seinem Suizid unversehens zum Helden beförderte (beziehungsweise, was letzten Endes das Gleiche meint in diesem Fall, zum „Anti-Helden“). In vernünftigen Beiträgen ist darauf hingewiesen worden, dass – bei aller ja durchaus ehrlichen Erschütterung vieler Menschen über Enkes Entscheidung zum Tod – ein zugegeben depressiver Mensch im Spitzensport (und sehr wohl auch anderswo) keine Chance auf Erfolg oder Aufstieg hat. Dass Enke dies doch wissen musste und sich dennoch in diese Tretmühle treiben ließ (und bis zum Schluss behauptete, er könne nichts anderes), verschärft die Tragik noch, und das Gefühl von Nichts-anderes-Können einerseits und Unentbehrlichkeit andererseits trägt viel zum oft fatalen Zusammenspiel von Burnout und Depression bei. Ich kann verstehen, dass ein mitfühlender Freund einen starken, tapferen Menschen in Erinnerung behalten will und es ihm ein Bedürfnis ist, dies nach außen zu tragen. Aber drückt der Stern-Autor damit nicht wieder genau das aus: Dass ein Mensch, ein Sportler, ein Freund tapfer sein muss und stark – nicht etwa mutlos und schwach? Darum geht es doch, dass die – von den eigenen Entscheidungen aufgezwungene – Fassade von Tapferkeit und Stärke es Robert Enke unmöglich gemacht hat, einen Ausweg im Leben zu finden. Das Gefühl, dass es sein Andenken beschädigen würde, genau das aufzuschreiben: dass hier ein Mensch eben nicht tapfer und stark war oder besser dass ihn der Anspruch, dies immer sein zu müssen, am Ende in den Tod getrieben hat; dieses Gefühl also müssten wir eigentlich in uns bekämpfen. Es ist keine Schande, schwach und mutlos zu sein. Aber man muss eben, wenn Schwäche und Mutlosigkeit übermächtig zu werden drohen, manchmal falsche Entscheidungen rückgängig machen und sein Leben verändern. Das ist schwer, zumal wenn Schicksalsschläge dazwischenfahren. Vor allem aber ist es schwer, wenn eine Gesellschaft oder einer ihrer Teile wie Medien oder Spitzensport, das „Heldische“ einfordern und verehren wollen. Angesichts des Falles Deisler erscheint mir die posthume Verehrung für Enke zu großen Teilen verlogen bis widerlich – und der Aufstieg eines Selbstmörders zum Helden geradezu paradox. Und: Behalten die Medien die Themen Depression oder die Menschenverachtung im Sport weiterhin im Auge, wenn nicht ein tragischer Fall die Aufmerksamkeit (respektive die Quote) in die Höhe treibt?

Freitag, 27. November 2009

Trotz allem: gut gelaunt

Bei den Buchwochen hat Karl-Heinz Ott aus seinem Händel-Buch gelesen - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht am 25.11.2009)

Gemütlich ist es nicht im sogenannten Buchcafé, das die Veranstalter der Stuttgarter Buchwochen im Haus der Wirtschaft eingerichtet haben. Der Vorlesende wird nicht beleuchtet, kurzfristig muss ein Mikrofon aufgetrieben werden, das die schüchtern begrüßende Mitarbeiterin des Börsenvereins aber nicht nutzt, von weitem tönt ein Saxofon, durch die offenen Türen zieht es, die laute Klimaanlage macht es auch nicht besser.

Karl-Heinz Ott, Jahrgang 1957, vielseitig schillernder Schreiber von Romanen und nun auch Autor eines Buchs über Georg Friedrich Händel, setzt trotz allem gut gelaunt zu einer einstündigen monologischen Plauderei an. Händel kommt dabei lange nur am Rande vor: Kaum hat Ott einen Halbsatz gelesen, schweift er schon ab und unterhält das Publikum im Sauseschritt und Ich-war-dabei-Ton mit Anekdoten und Details aus dem Musikleben der Händelzeit. Schon anfangs hat der muntere Ott klargestellt, er habe keine Biografie verfasst, Händel sei nur „Anlass" gewesen, über Verschiedenstes nachzudenken, vor allem darüber, was uns heute „am Barock interessiert".

Da ist viel Unterhaltsames dabei, das auf Wissen gründet, solange sich Ott nicht zu fl otten Verallgemeinerungen hinreißen lässt oder mit einem Vergleich der damaligen Kirchenfürsten und heutigen Al-Qaida-Terroristen entgleist. Seltsam nur, dass der Autor seinen Scharfsinn hinter Sticheleien versteckt, als habe er alte Rechnungen zu begleichen und müsse Händel vor inzwischen auch schon historischen Feinden wie Adorno oder Karajan retten. Beim Thema Originalklang stellt Ott possierlich die Schlachten der Vergangenheit nach, deren Gewinner - wie der Autor in Reaktion auf kritische Stimmen zu seinem Buch zugesteht - ja nicht erst seit gestern die Musikwelt dominieren.

In manchmal gewundenen Sätzen, in denen sich Ott selbst bei der Lesung mehrfach verirrt, werden auch Händel und Bach gegeneinander ausgespielt - eine nicht sehr ergiebige Übung, denn eigentlich funktionieren deren Konkurrenz und Arbeitsteilung zwischen Kirche und Oper inzwischen ganz gut. Die viel interessanteren Überlegungen, wie eng die beiden Komponisten überhaupt dem Barock als Epoche zuzuordnen sind, wo doch dessen literarische Blüte seinerzeit schon vorüber war und der Aufklärer Voltaire nur neun Jahre nach Bach und Händel zur Welt kam, lässt Ott bei dieser Lesung leider links liegen.

Eine Besucherin, die nicht zum irrtümlich erhofften Filmerlebnis gelangte und nur unter Bekundung ihrer Enttäuschung zur Lesung blieb, könnte durch Otts Beschreibungen der zur Händelzeit in Italien üblichen Kastration doch noch drastische Bilder in den Kopf projiziert bekommen haben. Vielleicht setzte Ott diese Passagen bewusst als Aufputschmittel ein - ebenso wie die Schilderungen aus dem damaligen, von Intrigen und Eitelkeit durchzogenen Theaterleben. Dabei erfüllt der Autor seinen Anspruch, „Dinge zu schildern, die ins Heute führen", denn hinter den Kulissen hat sich, wie der erfahrene Theatermann Karl-Heinz Ott bestimmt weiß, nicht allzu viel geändert.

Montag, 23. November 2009

Die Stille ist mitkomponiert

Das Sinfonieorchester Basel spielt im Beethovensaal Strauss, Mozart und Sibelius - Rezension für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht heute)

Das war hübsch: Ein Musiker des Sinfonieorchesters Basel kommt verspätet und ergaunert sich einen Extraapplaus, auch der Konzertmeister will beklatscht werden, und für den Dirigenten Pietari Inkinen bleibt auf dem Weg zum Pult im Beethovensaal kaum noch Beifall übrig. Nach dem „Don Juan" von Richard Strauss hätte ein Applausmesser allerdings auch keine Purzelbäume geschlagen. Eine sinfonische Dichtung von solchem Kaliber sollte man nicht als Einhörstück missverstehen - und vor allem ordentlich proben.

Zum Glück machten das Schweizer Orchester und sein finnischer Gastdirigent den schwachen Einstand spätestens mit der zweiten Sinfonie von Jean Sibelius wieder gut. Inkinen ließ die Musik seines großen Landsmanns locker fließen und balancierte Pathos und mitkomponierte Stille aus. Diesen eigenwilligen Zeitgenossen von Richard Strauss musizierte das Orchester exquisit und glanzvoll; das für Sibelius typische, folkloristisch angehauchte Zusammenspiel der Holzbläser gelang ebenso klangschön wie wohlige Streicherteppiche und prachtvolles Blechgeschmetter.

Zuvor wurde Sharon Kam gefeiert, die mit fabelhaftem Legato und wundersamen Schattierungen Mozarts Klarinettenkonzert spielte. Kam verdeutlicht mit klarer Tongebung und mühelos ausgeglichenen Registern musikalische Strukturen. Im traurig-tröstlichen Adagio, in dem das Orchester auf Augenhöhe mit der Solistin gelangte, gab es Momente, denen man Unendlichkeit wünschte. „Summertime" als Zugabe tat wohl im November, der sich im hundertfach variierten Husten des Publikums spiegelte. Das Orchester brachte als Dacapo den Sibelius-Hit „Valse triste"- für Inkinen wohl Ehrensache, aber nach der mächtigen Sinfonie zu „petite".

http://www.pietariinkinen.com
http://www.sharonkam.com
http://www.sinfonieorchesterbasel.ch/

Montag, 16. November 2009

Paris!

Eine Woche in der französischen Hauptstadt, nachbereitet im Netz

Fahrzeit Stuttgart-Paris: unglaubliche 3 ½ Stunden. Mit „TeeScheeWöö“, wie eine Bekannte kürzlich sagte. Der TGV scheint mir für den Fahrgast angenehmer zu sein als unser ICE, allerdings mit (noch) weniger Platz für Gepäck – auf der Rückfahrt kamen asiatische Fahrgäste mit ungefähr zwölf riesigen Koffern, die dann Eingangs- und Durchgangstüren stapelweise versperrten. Ach, die Sehnsucht nach dem guten alten Gepäckwagen!

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Ankunft Paris Gare de l’Est mit prima Metro-Anschluss, sehr hübsch die Linie 7bis (heißt nur 7b, klingt doch aber viel netter), die zu meinem Quartier in den Stadtteil Buttes-Chaumont führte. Der gleichnamige Park ist aus den früheren Gipsabbaustätten entstanden, die auch den Bau der Metro erschwerten. Von Anfang an nützlich: der Stadtplan in Form eines kleinen Heftchens namens Paris Pratique. Und ebenso nützlich: Zwei Podcasts zum Französischlernen, die ich auf der Hinfahrt und dann morgens beim Joggen im Park hörte. Laetitia erzählt ganz niedlich von ihrem Alltag, und Louis macht den Podcast für englischsprachige Interessenten, was für mich einen angenehmen Doppeleffekt hatte. (Und was für einen netten Akzent er im Englischen hat!) Französisch überhaupt: Es lief ganz gut und ich bekam Komplimente, wobei mein Wortschatz mich gar nicht zufrieden stellt. Ich spreche es sehr gerne und offenbar ganz gut (man hielt mich nacheinander für einen Belgier, Schweizer oder Luxemburger – sind das nun Komplimente?) – anstrengend erscheint mir beim Französischen mehr als beim Englischen, nicht aus dem Sprachduktus zu rutschen, sozusagen „auf Niveau“ zu bleiben. Am Abend die sehr lebhafte Rue de Belleville mit schönsten Geschäften besichtigt. Torten à 40 Euro – die Geldscheine verschwinden in Paris mit einer Geschwindigkeit aus dem Portemonnaie, die ihresgleichen noch sucht. (Nein, die Torte habe ich nicht gekauft.)

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Straßenbahntag! Ich fuhr die Linien T3 und T2 in jeweils voller Länge ab. Ganz unterschiedliche Strecken, die eine typisch Straßenbahn im Stadtbild, die andere eine Überlandbahn im Seinetal. Unterschiedliche Fahrzeuge auch (Citadis-Variationen, wobei auf der T3 die breitesten Trams fahren, die ich je gesehen habe), sehr komfortabel und flott. Hübsch der Hinweis: „le freinage peut être brusque“ – raue Bremsmanöver kennt man bei der Metro natürlich kaum.

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Ankunft mit der T2 nach langer Fahrt in der unterirdischen Station von La Défense. Was für ein Eindruck, wenn man da ans Tageslicht kommt! Sofort bekam ich Lust, mal wieder SimCity zu spielen. Ich finde diesen Stadtteil faszinierend, wie mich überhaupt gerade bei diesem Paris-Besuch die moderne Architektur besonders angesprochen hat, mehr als das „alte“ Paris. Das gilt auch für die Cité de la Musique und das Institut du Monde Arabe, beides Mittérand-Kühnheiten aus den „grands travaux“. Nun ja, das Sonnenkönighafte der französischen Präsidenten hat auch sein Gutes, hierzulande würden solche Großprojekte wohl schnellstens zerredet („was das kostet!“). Die Cité de la Musique hatte leider für mich ungünstige Öffnungszeiten – aufgeschoben! Im Institut du Monde Arabe hingegen besuchte ich eine sehr schöne Ausstellung islamischer Kunst. Wie später im Louvre, wurde ich auch hier kontrolliert und mein Rucksack wurde durchleuchtet. Auf dem Rückweg, auf der Ile Saint Louis, „Flan au chocolat“ gegessen – ich glaube, das ist Mürbeteig mit Pudding? Jedenfalls schmeckte es fabelhaft.

Abends parallele Live-Übertragung der Feiern in Berlin und Paris im französischen Fernsehen. Alles sehr eindrucksvoll. Der Moderator bei TF1 war allerdings sehr verwundert darüber, dass das Gedenken an den Mauerfall in Deutschland viel fröhlicher inszeniert wurde als in Frankreich.

Am nächsten Tag endlich ein persönliches Treffen mit Jean Bollack, dessen Internetseiten ich seit über zwei Jahren betreue, und seiner Frau Mayotte. Beide über 80, nicht zu glauben. Ein anregendes Gespräch, das vielleicht zu einem neuen philosophisch-philologischen Blog führen wird. Danach ein rauschhaftes Erlebnis: Die Impressionisten im Musee d’Orsay. Ganz benommen war ich von den vielen Renoirs, Monets und Manets, und später enttäuscht von den Reproduktionen, die man kaufen kann. Danach ins Carrousel du Louvre, großes unterirdisches Einkaufszentrum, wo man auch Karten für den Louvre selbst im Voraus bekommt. Bei Virgin allerdings war die „billetterie en panne“, beim kleinen Tabakladen klappte es.

Donnerstag also der Louvre – schlicht sensationell. Und ja, die Mona Lisa, auf die wir am frühen Vormittag einen relativ freien, nur vom ständigen Blitzlichtern vor allem, pardon, der asiatischen Besucher beeinträchtigten Blick hatten; ja also, die Mona Lisa verfolgt uns mit ihrem Blick, so lange sie in Sicht ist.

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Danach Butterbrot bei einem der vier Pariser Lokale der belgischen Kette Le pain quotidien – immer wieder erfreulich. Am angenehmsten, weil weniger überlaufen ist die Filiale in der Rue de Varenne, auch wegen des clownesken Kellners, der nur zum Spaß zwischendurch mit einem Kaffeelöffel gegen eine der Hängelampen über der „table commune“ klopfte und damit einen Kurzschluss verursachte. Und das Geschäft des CD-Labels harmonia mundi nahe der Opéra Garnier, auch sehr schön und gemütlich, weil mit übersichtlichem Sortiment ein Kontrapunkt zu den Megastores à la fnac.

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Dann Versailles – nun ja. Jeder Stein des Schlosses, jeder Quadratmeter des Parks ruft „L’état c’est moi“, und eigentlich gefällt mir das nicht. Die Räumlichkeiten, ja, sie sind schön, aber auch bedrückend. Anders ist das mit den Kirchen Saint Eustache und Saint Sulpice (ja, letztere ist die aus „Sakrileg“), die beide sehr beeindruckend sind. Überhaupt die Pariser Kirchen – die Pracht ist gezügelt, streng, geheimnisvoll. Saint Eustache, wo Jean Guillou Titularorganist ist, war früher die Marktkirche und wacht nun über das im Grunde entsetzliche Einkaufszentrum Forum Les Halles, lärmend, voll, und die gesuchten CDs hatte Fnac dort beide nicht. (Der Klassikverkäufer rümpfte die Nase, weil wir ihn nach Stings Dowland-Platte fragten. Nein, Sting sei grundsätzlich beim Pop zu finden.)

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Am nächsten Tag noch ein bisschen Shopping, dieses Mal in den Galeries Lafayette. Doch doch, dort ist es großartig, nicht nur, aber auch wegen der glücklicherweise rechtzeitig aufgestellten Weihnachtsdekoration. Und welch eine Auswahl von allerlei Luxusleckereien!

Schluss- und Höhepunkt: Der Besuch beim Titularorganisten von Notre-Dame, Olivier Latry, auf der Orgelempore, wo er bei jedem Dienst gewissermaßen Hof hält – Studenten, andere Organisten, mehrere Assistenten und ich, weil ich für die Philharmonie Luxemburg einen Programmhefttext vorbereite und mir die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch natürlich nicht entgehen lassen wollte. Ein angenehmer Mensch und ein märchenhaft guter Organist, dessen Improvisationen zu den beiden Messen, die ich dort oben verfolgte, ganz schön avanciert waren. Da die Kirche nach der Messe am Samstagabend auch für die Touristen geschlossen wird, hatte ich die Möglichkeit, eine völlig menschenleere Notre-Dame de Paris von der Orgelempore aus zu fotografieren. Das dürfte dann doch „einmalig“ gewesen sein.

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Aber was ich noch immer nicht verstehe: Warum lässt die französische Eisenbahn ihre Passagiere immer bis zum letzten Moment im Unklaren, von welchem Gleis ihr Zug abfährt?

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Auf der zweiten Titelseite im Zeitmagazin vom 5. November: "Die Schauspielerin Corinna Harfouch und ihr Sohn Robert Gwisdek haben wie so viele Ostdeutsche eine Menge zu erzählen - aber der Westen hört immer noch nicht zu". Ach du liebe Zeit. Ist Robert Gwisdek, geboren 1984, ein "Ostdeutscher"? Haben nur Ostdeutsche eine Menge zu erzählen, und erzählen sie ausschließlich "als Ostdeutsche"? Und: Hört der Westen "immer noch nicht" zu, oder womöglich "nicht mehr"? Und wenn so, warum?

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Dieses Buch nahm ich mit nach Paris, wo ich am "zwanzigsten" 9. November war (mehr dazu bald). Es weitet den Blick auf ganz Osteuropa und erzählt kenntnisreich und einfühlsam von der Erosion der dortigen Diktaturen. Sehr gute Geschichtsschreibung.

Verlag | Perlentaucher

Verwandlung und Tändelei

Booklettext für die bei Sony Classical erschienene Bach-CD mit der Flötistin Magali Mosnier (Bestellnr. 88697527002, gedruckte Version weicht etwas ab)

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Aufnahmesitzung mit Magali Mosnier, Michael Hofstetter und dem Stuttgarter Kammerorchester im Juli 2009. Draußen brütet die Hitze, ein Gewitter grummelt leise. Drinnen, im herb-charmanten Ambiente der Liederkranzhalle im Stuttgarter Stadtteil Botnang, wird konzentriert Musik gemacht. Selbst der kleine Hund des Dirigenten spitzt hinten im Saal die Ohren bei den sanften Tönen der jungen französischen Flötistin.

Etwas später, die Polonaise aus Johann Sebastian Bachs Orchestersuite BWV 1067 ist „im Kasten“, zwingt das laut gewordene Gewitter den Musikerinnen und Musikern eine Pause auf. „Das Programm für eine konzertante Bach-Einspielung zusammenzustellen, ist gar nicht so einfach“, sagt Magali Mosnier, während sie sich mit Mineralwasser erfrischt. Bach hat die Querflöte, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch wenig gebräuchlich war, zwar in vielen Werken als Orchesterinstrument eingesetzt, aber nicht oft solistisch. In seinen Leipziger Jahren konzentrieren sich die anspruchsvollen „Traversa“-Partien auf das Jahr 1724, als Bach mit dem Studenten Friedrich Gottlieb Wild einen begabten Flötisten zur Verfügung hatte. Die guten Beziehungen des Komponisten zum Dresdner Hof haben ihn wohl auch mit Pierre-Gabriel Buffardin in Verbindung gebracht, einem Virtuosen der Querflöte aus der Provence, für den Johann Sebastian Bach wahrscheinlich einige Werke geschrieben hat. Und ein weiterer prominenter Flötist wäre zu nennen: Preußens König Friedrich II., der Große, dem Bach 1747 sein „Musikalisches Opfer“ (mit prominenter Beteiligung der „königlichen“ Flöte) widmete.

Aber das Repertoire für Flöte und Orchester ist schmal. „Wir haben bei der Planung meiner Bach-CD deshalb von Anfang an auch über Transkriptionen nachgedacht“, erzählt Magali Mosnier. Ein gefragter Spezialist für diese Art von „Neukomposition“ ist der Stuttgarter Komponist Andreas N. Tarkmann, der zu dieser Einspielung fünf Arrangements beigesteuert hat. So verwandelt sich Bachs „Italienisches Konzert“ BWV 971 vom Solowerk für Cembalo in ein vitales Stück für Flöte und Streicher. Die polyphonen Strukturen werden im Streichersatz hörbar, die Oberstimme ist zum spielerisch-virtuosen Flötensolo erweitert. Der „Siciliano“ aus der – von Bach vielleicht gemeinsam mit dem Sohn Carl Philipp Emanuel komponierten – Es-Dur-Flötensonate BWV 1031 hingegen erforderte die Erweiterung der Klavierbegleitung in einen Orchestersatz „nach den Regeln der Bachzeit“, wie Tarkmann betont. Bei den drei originalen Gesangsnummern wiederum – BWV 508 und 518 aus dem zweiten „Notenbuch für Anna Magdalena Bach“ und „Nur ein Wink von deinen Händen“ aus der sechsten Kantate des Weihnachtsoratoriums BWV 248 – scheint die Sache zunächst klar zu sein: Warum nicht einfach die Gesangsstimme von der Flöte spielen lassen? Weil das langweilig wäre, erwidert der erfahrene Arrangeur. Im Fall von „Bist du bei mir“ (BWV 508), das oft zu einer pompösen Trauermusik verkitscht wird, hat sich Tarkmann gefragt, „wie das als Sinfonia zu einer Kantate funktionieren würde“. Er rückt das wie aufgefrischt klingende Stück damit in die Nähe zweier Originalkompositionen Bachs für Flöte und Orchester, die ebenfalls in dieser Einspielung enthalten sind: Das Eröffnungsstück der Kantate „Non sa che dolore“ BWV 209 und die h-Moll-Orchestersuite BWV 1067, die im Grunde ein Flötenkonzert ist. „Willst du dein Herz mir schenken“ (BWV 518) kommt in Tarkmanns Neufassung geheimnisvoll und verspielt zugleich daher, mit durchgehendem Pizzicato in den Streichern und dem aparten Lautenregister des Cembalos. In der Sopranarie aus dem Weihnachtsoratorium, ursprünglich für Sopran, Solo-Oboe und Orchester, mischen sich die Instrumentalstimmen wie in einem typischen Bach-Konzert, ohne dass das neue Flötensolo direkt aus den originalen Stimmen übernommen wäre.

Auf älteren Transkriptionen basieren die Einspielungen der A-Dur-Flötensonate BWV 1032 in einer Orchesterfassung von Wilhelm Mohr und des g-Moll-Konzerts nach BWV 1056. Dieses als Cembalokonzert bekannte Werk ist wahrscheinlich die Umarbeitung eines älteren Violinkonzerts, dessen Solostimme auch von einer Flöte musiziert werden kann. Eine der schönsten Altarien in Johann Sebastian Bachs Oeuvre, „Erbarme dich“ aus der Matthäus-Passion BWV 244, hat Magali Mosnier selbst für ihr Instrument arrangiert und befindet sich damit in guter Tradition von Flötenvirtuosen wie James Galway.

Bachs letztes originales Orchesterwerk ist die h-Moll-Suite BWV 1067. Die darin enthaltene Polonaise war seinerzeit gerade in Sachsen sehr beliebt, als Reverenz vor dem Königreich Polen, mit dem sich das Land in Personalunion den Herrscher teilte. Heiter klingt diese Suite aus mit der „Badinerie“. Heiter bis wolkig ist auch das Wetter in Stuttgart wieder, als Magali Mosnier kurz vor Ende der Aufnahmesitzung diese „Tändelei“ (deutsch für „Badinerie“) musiziert. „Schön!“, rufen Dirigent und Tonmeister unisono – und draußen lacht die Sonne.

http://www.sonymusicclassical.de/artists2.php?artist=744753

Freitag, 6. November 2009

Vom Suchen des richtigen Tons

Jörg Halubek hat das Ensemble Il Gusto Barocco gegründet, das auf alten Instrumenten spielt - Beitrag für die Stuttgarter Zeitung (veröffentlicht heute)

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Foto: http://klaus.fotogalerie-stuttgart.de/

Als Martin Elsässer 1910 den Wettbewerb um den Bau der Gaisburger Kirche gewann, war er nicht einmal dreißig Jahre alt. Er setzte einen repräsentativen Jugendstilbau hoch über Schlachthof und Straßenkreuzung. Heute spielt die Kirche im Musikleben der Stadt eine vernehmbare Rolle. Das ist Jörg Halubeks Verdienst, der dort als Kirchenmusiker tätig ist. Der 32-Jährige hat die Konzertreihe „Musik in Gaisburg" aufgebaut und die Kirche zum Stützpunkt des neuen Barockensembles Il Gusto Barocco gemacht.

Das Stimmen der empfindlichen Instrumente ist ein bedeutender Zeitfaktor bei Il Gusto Barocco, vor jedem Werk gehen zwei, drei Minuten für das Suchen und Finden des richtigen Tons drauf. Die rund zwanzig Musikerinnen und Musiker haben sich streng der historischen Spielweise verpflichtet. Also wird nicht nur ausführlich gestimmt, sondern auch intensiv abgestimmt. Jörg Halubek und die Konzertmeisterin Margret Baumgartl ziehen den Cellisten Jonathan Pesek während der Probe zurate, als es um die Art und Weise des richtigen Auftakts geht. Baumgartl versteht sich nicht als herausgehobenes Ensemblemitglied. Als Konzertmeisterin sei sie „hauptsächlich Mädchen für alles", sagt sie: „Man hat dafür zu sorgen, dass es allen gutgeht - dem Dirigenten, dem Orchester, der Musik." Die „Hingabe an das Gemeinsame" sei wichtiger als „die Identifikation mit einem Platz oder einer Stellung".

Geburtshelfer des neuen Barockorchesters waren die Bachakademie und die Staatsoper Stuttgart. Für einen Auftritt beim Musikfest 2008 erweiterte Halubek den bewährten Kern des Ensembles und erfand den Namen Il Gusto Barocco, der auf den Anspruch deutet, alte Musik mit sicherem Geschmack zu musizieren.

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Halubeks solide Vernetzung in Stuttgart, wo er als Gastmusiker und Solist an Orgel und Cembalo mit fast allen Klangkörpern gearbeitet hat, zahlte sich aus in dem Angebot der Staatstheater, das neue Orchester für die von Oper und Schauspiel erarbeitete „Judith"-Produktion zu verpflichten. Dort wurde die historisch fundierte Spielweise des Ensembles auf eine harte Probe gestellt, denn das Dazwischendröhnen von Geschrei und Saxofongequäke ist ebenso wie die in Vivaldis Originalmusik gemogelten Jazzelemente eine Beleidigung für sensible Ohren.

Auf genau diese aber zielt Il Gusto Barocco mit seiner feinen, geradezu zärtlichen Tongebung und will als regelmäßig auftretendes, professionelles Barockensemble eine Lücke im Stuttgarter Musikbetrieb füllen. Testfeld dafür ist die Konzertreihe in der Gaisburger Kirche, wo „Johann Sebastian Bachs musikalische Bibliothek" durchwandert werden soll. Ziemlich kühn wird da das Zimmermann"sche Kaffeehaus in Leipzig als Ort der „Popkultur zur Bachzeit" gedeutet und zu Silvester ein „Blind Date" zwischen Bach und Händel arrangiert. Die flotte Etikettierung deutet auf eine bei aller prinzipiellen Kompromisslosigkeit ungezwungene Grundhaltung. Man dürfe die Musik ruhig „vom Sockel holen", meint Halubek und will die Werke „mit den Augen eines Zeitgenossen" betrachten. Das Resultat sind nicht nur sachkundig begründete schnelle Tempi, sondern die in Töne umgesetzte Erkenntnis, dass diese Musik immer „Gemütsergötzung", sprich Unterhaltung, gewesen ist.

Der 25-jährige Cellist Jonathan Pesek spielte ein konventionelles Instrument, bis er gemeinsam mit anderen jungen Leuten beim Wettbewerb „Jugend musiziert" Geschmack an Alter Musik fand. Es sei „eine ganz andere Welt" gewesen, die sie da entdeckten, erzählt Pesek, der 2008 sein Studium in Basel abgeschlossen hat. Am neuen Stuttgarter Ensemble schätzt er das genaue Quellenstudium und das Streben nach Authentizität. Dass dies ein umstrittener Begriff ist, bestreitet er nicht: „Man muss den Sinn zu rekonstruieren versuchen und nicht die Äußerlichkeiten." Die ideologischen Kämpfe um die Aufführungspraxis kennt Pesek zwar nicht aus eigener Anschauung, wünscht sich aber, dass der „rebellische Geist" früherer Zeiten auch auf die aktuelle Arbeit ausstrahlen möge.

Die spezielle Kombination von Würde und Leichtigkeit könnte zum Markenzeichen von Il Gusto Barocco werden. Die Musikerinnen und Musiker gehen aufeinander ein, lächeln sich auffällig oft an, hören sich aufmerksam zu. Es ist schön zu beobachten, wie sich das Ensemble über eine gelungene Bach- oder Telemann-Interpretation fast kindlich freuen kann. „Bravo", flüstert Kontrabassist Rüdiger Kurz seinem Kollegen Pesek zu, kaum dass dieser sein Solo glanz- und ausdrucksvoll hinter sich gebracht hat.

Das Verhältnis von Solisten und Orchester habe in der Barockmusik nichts mit ausgestellter Virtuosität zu tun, erklärt Jörg Halubek dem Publikum in der Gaisburger Kirche, während die Musiker selbst ihr Podium umbauen: „Wenn ein guter Spieler da war, bekam er eben ein Solo." So ordnet er sich am Cembalo ins Ensemble ein, und der Flötist Hans-Joachim Fuss braucht in Bachs h-Moll-Ouvertüre keine Solistenpose, um seine Kunst zu zeigen. Guter Geschmack erfindet sich immer wieder neu.

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Jörg Halubek spielt morgen in der Gaisburger Kirche ( 20 Uhr) Cembalo- und Orgelwerke u. a. von Bach und Pachelbel. Il Gusto Barocco tritt dort auf mit dem Programm „Blind Date - Bach und Händel": Silvester um 21 Uhr sowie am 1. und 2. Januar um 19 Uhr. Die nächste Vorstellung von „Judith" im Schauspielhaus Stuttgart, gleichzeitig Jörg Halubeks Debüt am Dirigentenpult, ist am 15. November. Weitere Aufführungen folgen am 20. und 29. 11. sowie im Dezember. Info im Netz unter www.joerghalubek.de und www.ilgustobarocco.de

Mittwoch, 4. November 2009

Trompetengeschmetter

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Einen vergnüglichen und klangprächtigen Ausflug in die Instrumentenhistorie unternimmt das geschätzte Label Raumklang auf dieser CD. Der Anlass: eine zufällig gefundene Trompete und ihr detailversessener Nachbau. Die Präsentation der CD ist wieder einmal vorbildlich: schön und informativ zugleich.

Eintauchen in fremde Welten

Interview mit dem Komponisten und Arrangeur Andreas N. Tarkmann, veröffentlicht in "spektrum", Magazin der Musikhochschule Stuttgart Nr. 14/2009

Eine naive Frage zum Auftakt: Es gibt doch so viel Originalmusik. Warum arrangiert man eigentlich?

Meist aus praktischen Gründen, wenn die vorhandene Fassung für das Aufführungsprojekt nicht geeignet ist. Früher waren Bearbeitungen oft die einzige Möglichkeit, Werke zu verbreiten. Heute geht es meist um Bearbeitungen für Ensembleformationen, für die es wenig Originalliteratur gibt oder die ihr Repertoire erweitern wollen. Gelegentlich geht es auch um ein Modernisieren von Kompositionen, weil die Ästhetik des Orchesterklangs sich gewandelt hat. Dieses Verfahren, das in der U-Musik üblich ist (man denke an Schlagerversionen), gab es schon in der Klassik: Mozart bekam den Auftrag, die Barock-Instrumentationen einiger Händel-Oratorien in das Klangbild der Wiener Klassik zu verwandeln.

Gibt es dafür bestimmte Grundsätze, oder kann im Prinzip alles auf jede mögliche Weise arrangiert werden?

Es wäre unseriös, Musikwerke in eine instrumentale oder vokale Klangformation zu zwingen, die den Intentionen des Komponisten zuwider läuft. Ein begabter Arrangeur besitzt einen Instinkt, der ihn in ästhetischen Grundsatzfragen leitet und der ihn hoffentlich davor bewahrt, Unsinniges zu tun, etwa Wagners Walkürenritt für Blockflötenquartett zu bearbeiten.

Stellen Bearbeitungen für Bläser den Arrangeur vor spezielle Herausforderungen?

Bläserpartituren gelten als kompliziert. Das liegt aber hauptsächlich an den vielen transponierenden Instrumenten. Es gehört zum Handwerk eines Arrangeurs, dass er diese Transpositionen beherrscht, wie er auch um die spezifischen Eigenheiten der einzelnen Blasinstrumente wissen sollte. Hier habe ich den Vorteil, dass ich selbst ein Oboenstudium absolviert und viel Bläserkammermusik gespielt habe. Die Musiker müssen das Gefühl haben, dass die Musik in der Bearbeitung gut zu den Blasinstrumenten passt. Alles andere wäre frustrierend, praxisfern und würde auch nicht wieder gespielt werden.

Sie sind auch als Komponist tätig. Hand aufs Herz: Würden Sie manchmal lieber selbst ein neues Stück komponieren als ein vorhandenes zu arrangieren?

In der Tat ist es so, dass Sie als Bearbeiter sich sehr genau mit der Originalkomposition beschäftigen, sozusagen in die DOS-Ebene des Stücks hinabsteigen. Und hier zeigt es sich schon, wenn es Schwächen in der Komposition gibt. Ich selbst habe meine Bearbeitertätigkeit immer als den bestmöglichen Kompositionsunterricht aufgefasst; ansonsten arrangiere und instrumentiere ich mit viel Freude, ich muss und möchte also gar nicht immer selbst komponieren.

Ist das Arrangieren nicht eine undankbare Sache? Wenn ein Arrangement gefällt, bekommt doch trotzdem der Komponist den Ruhm ab, und wenn’s nicht gefällt, ist der Arrangeur schuld?

Leider ist das Ansehen des Arrangeurs nicht besonders hoch. Dabei ist das ein sehr arbeitsintensiver Beruf. Na ja, man braucht den Arrangeur, aber man verschweigt ihn lieber. Und man zahlt auch nicht gerne für seine Arbeit. Da habe ich manche kränkende Erfahrung gemacht.

Der Beitrag des Arrangeurs fällt also oft unter den Tisch?

Leider, dabei ist der Arrangeur oft unentbehrlich: Er sichtet das Material, retuschiert, richtet die Werke ein, schreibt unter Umständen Kadenzen, überprüft die Verzierungslage und so weiter und so fort. Aber wir leben in einer Welt des Interpretenkults, die für die Urheber wenig Aufmerksamkeit übrig hat.

Für die Musikhochschule sind Sie zum wiederholten Male als Arrangeur tätig. Wie hat sich dieser Kontakt entwickelt?

Über verschiedene Kanäle. Zum einen wurde Prof. Helmut Wolf auf mich aufmerksam, als er seine Konzertreihe „Berühmte Komponisten im 19.Jahrhundert zu Gast in Stuttgart“ plante und für das Wagner-Konzert kammermusikalische Bearbeitungen brauchte. Zum anderen bin ich mit meinen vielen Bläserarrangements in der Fachwelt bekannt und stehe dadurch mit einigen der Bläserprofessoren in persönlichen Kontakt, so dass es nach meinem Umzug nach Stuttgart 1999 sozusagen zwangsläufig zu einer Zusammenarbeit kommen musste. Ein für mich persönlich wichtiger Aspekt bei meinem letzten großen Bläserprojekt in der Stuttgarter Musikhochschule im Juni 2008 war, dass einer der Initiatoren Prof. Ingo Goritzki war, bei dem ich 1973 in Hannover mein Oboenstudium begonnen hatte! Es ist toll, dass die Hochschulleitung immer wieder mit Bearbeitungsaufträgen in die Bläserausbildung investiert, denn so kann der Arrangeur zusammen mit den Studierenden und Dozenten zeigen, zu welch virtuoser und klanglicher Vielfalt die Blasinstrumente fähig sind.

http://www.tarkmann.de
http://www.mh-stuttgart.de

Hamm-Brücher gegen das Gejammer

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Eine Wohltat, wenn eine 88-Jährige nicht sagt: Früher war alles besser, sondern erklärt, dass es heute gut ist und warum es noch besser werden muss. Hut ab, Lady.

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